Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 1893
- Issue
- 14 (7.4.1893)
- Date
- 1893-04-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14. Freitag, den 7. April. 1893. Zeitschrift für die religiösen und IsziakM Trfürernt an sevem ^reita«;. Zu oeziehen durch die Post, die Expedition uuo alle < Buchhandlungen des In- und Auslandes. LZrers vrerreijäyrLich 2 MarL Herausgeber: A. Hemn in Tilsit. Anzeigen die viergespaltene Petttzeile 2Y Pfg. Beilagengebühr nach Übereinkunft. Anhalt: Wochenübersicht. Israel am Meere. Bon Rabb. Dr. Eckstein (Bamberg.). Jüdische Wundermänner. II. Nach den: Globus Bon Dr. S. K. Aus Elsäßers schrifl. Nachlaß. Litteratur-Briefe. III Bon Rabb. Dr. Rosenthal. (Rogasen). Ein Bild Moses. Israel und der Mond. Bon M. Beermann. (Berlin). Drei Lehrbücher. Bon S. Spatz (Affaltrach.) Kleine Chronik. — Feuilleton. — Wochenkalender. — Anzeigen. Wochenilberßcht. ü Tilsit, 5. April. Unter dem bekannten Hillelschen Motto: „Sorge ich nicht selbst für mich, wer sorgt für mich? Bin ich allein, was bin ich?" schreibt man uns ans Berlin: In einem jüdischenBlattewird derMeinuug Ausdruckgegeben, daß die Juden bei einer etwaigen Wahl infolge einer Auflösung des Reichstages keine Wahl haben, daß sie in dieser kritischen Zeit dem Todesurteile, das der „gerechte Richter" über die Militärvorlage gesprochen, ihre Zustimmung versagen und auf Seiten derer treten müßten, die der Borlage nicht feindlich sind. Kurz, äus Selbstinleresse müssen die Israeliten, nach jenem Blatte, ein Opfer bringen.-Dieses Opfer ist nicht nur ein Geld- und Blutovfer — Gut und Blut sollen wir stets!als Frieden- und Freudenopfer darbringen — sondern auch ein Opfer der Ideale, der teuersten Güter — es ist eine Aufopferung der politischen Überzeugung, ein Verlassen der alten Freunde, ein Treubruch gegen die Fahne, die noch immer im Geiste aufgepflanzt ist, und im Herzen thront! Ein Opfer von solcher Tragweite, eine Berleugnung der Überzeugung darf keinem ehrlichen, politisch geschulten Manne zugemntet werden. Jeder freisinnige oder konservative Jude, der sich entschlösse, aus Dankbarkeit gegen den Herrn Reichskanzler oder gegen die liberalen Verteidiger des Jsraelitentums, gegen seine Parteigenossen zu stimmen, müßte selbständig, unabhängig, nach bestem Wissen und Gewissen, auf eigne Verantwortung beschließen. Anempfehlen darf man solche Opfer nicht, überhaupt dann nicht, wenn nur selbstische Gründe für dieselben sprechen. Der Jsraelite darf freilich sein Selbstinteresse nicht außer Acht lassen, nicht selbst die Äste absägen auf denen er ruht. „Sorge ich nicht selbst für mich, wer sorgt für mich?" Jedoch hoch ist das Selbst, höher die Partei, am höchsten die Wahrheit, die Überzeugung! „Bin ich allein, was bin ich?'' Das „Ich" allein darf u. soll nicht der.entscheidende Faktor, der höchste Maßstab sein! Die Frage ist nicht ob die Caprivi- oder Richter- Leute den Interessen des Jsraeliren entsprechen; auch nicht, auf welcher Seite die klerikal-antisemitische „Germania" sich befindet, sondern die Frage ist: was im Interesse Deutschlands liegt und was zum Heile des Volkes ist. Die Juden Deutschlands haben nie die Reichstagskandidaten mit einer jüdischen Brille angesehen, sondern sie stets aus deutschem Gesichtspunkte betrachtet, und auch jetzt giebt es keine Veranlassung den nationalen, den vaterländischen Standpunkt zu verlassen. Die Befürchtung, daß ein Kanzlerwechsel einen Umschwung in der Haltung der Regierung dem Antisemitismus gegüber zur Folge haben werde, kann man bei einer aufmerksamen Betrachtung der Reden des Grafen Caprivi nicht teilen. Die deutsche Judenheit ist dem gegenwärtigen Leiter des Reiches dankbar, die Dankbarkeit ist die Religion des Herzens, jedoch nicht aus Liebe zu den Inden nimmt der Reichskanzler gegen den Antisemitismus Partei, sondern aus Patriotismus und politischer Klugheit. Staatsklugheit und Vaterlandsliebe gebieten jedem Lenker des Reichs dieser Flut unreinen Wassers einen Damm zu setzen. Auch Staatsmänner, die den Antisemitismus großgezogen, würden bei seiner gefährlichen Entwickelung ihm haben entgegen arbeiten müssen. Selbst die Parteien, die mit den wilden Gesellen liebäugeln, thnnes mit einem lachenden und mit einem thränenden Auge! Ein Personenwechsel im Kanzelpalais, den die Israeliten übrigens nicht zu verhindern vermögen, wäre für sie als solche kein besonderes Unglück; andererseits ist ern Preisgebeu der Überzeugung, ein Sich-Lossagen von den Freunden, ein Übergeben zum Feinde in Zeiten des Kampfes des Judentums unwürdig und der Judenheit unheilvoll. Ähnlich hatten wir an dieser Stelle in ^>er vorigen 'Nr. den Artikel des in der letzten Woche viel genannten Blattes glossiert und Ähnliches enthielten mehrere Zuschriften, die wir erhalten haben. Wir geben diese nicht wieder, weil wir gegründete Ursache haben dem Aufsatz keine allzugroße Bedeutung beizumessen. Es war im Jahre 1887 nach der sog. Septennatswahl, da schrieb, gegen Prof. Lazarus und seine Broch üre „An die deutschen Inden" polemisierend, dieselbe Feder in demselben Blatte in ganz anderer Weise.