Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 51 (20.12.1895)
- Date
- 1895-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ao. 51. Jahrgang I V. (jÜ £ttt tittt Berlin. 20. Dezember 1895. Herausgeber A. Levin, Aerkin. Jeschnrutt. Bezugspreis: vlertckjäörs. 2 Mir. Grschci«t an jedem Areitag. Bezugspreis für das Anstand: MK. 2,50. Zu beziehen durch die Post, _unsere Expeditionen und den Buchhandel Redaktion und Verlag: Hr Kamburgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 RI«, nehmen alle Annoncen-Expeditionen sowie unser Bureau entgegen.■ Jnlrnlt: Die Berliner Bewegung, I Die Lehrer und der obligatorische Religionsnnterrichterricht. In letzter Stunde. Unsere Rabbiner. HI. Warum ist Dr. Bloch nicht wiedergewählt mordend Die Prennermin'ster in Rumänien und Bulgarien- Aus Alt-Berlin- — Der Talmud. VI. — Shylock- II Zahn um Zahn. Wochen-bhronik. — Lose Blätter- — Brief- und Fragekasten. Kalender — Anzeigen. Die ilrrlincr Kenitgung. I. Vor etwa zehn Monaten ivurde dem Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlins au dieser Stelle Fehde angekündigt. Ein mutiger Mann, dessen Schwert seine Feder ist und dessen Feder einem Schwerte gleicht, hat, durch die Mißstünde innerhalb der hiesigen Gemeinde aus der Ruhe der Redaktionsstnbe ausgeschreckt, für kurze Zeit den Staub des politischen Journalismus abgeschüttelt, sich freiwillig in den Dienst des Judentums gestellt, und ifl Begleitung des „Jeschurun" den Kampf gegen den Riesen Jndifferentismus und seine Nährväter in Berlin ausgenommen. Wie David von dem philistäischen Recken, so wurden die Streiter, die sich auf niemand stützten als auf ihre Schleuder, von den Trägern der Macht empfangen: achselzuckend, höhnisch lächelnd. Aber wie dem philistäischen Recken, ist's auch dem Berliner Riesen ergangen: am Tage der Wahlschlacht wurde er bekm ersten Anlauf zu Boden gestreckt; und trägt er auch noch das vorständliche Haupt — gar bald wird auch dieses fallen, und das Philistertum, das Israel dreißig Jahre beherrscht hat, wird verschwinden aus der Arena, so man nennet Gemeindestube .... Jenes fft das Resultat, dieses die unausbleibliche Folge der am 28. November vollzogenen Nepräsentantenwahlen. Das Ergebnis derselben haben wir schon in voriger Nr. ausführlich mitgeteilt. Es lautet, kurz rekapituliert: Sieg der Oppositionellen, die sich um den „Zentralverein für die Interessen der jüd. Gemeinde" scharten, und Niederlage der G o uvernementalen, die von dem sog. „liberalen Wahlverein" angeführt wurden, auf der ganzen Linie. Ist nun auch ein solches Ergebnis vorausgesagt worden, indem hier schon am 10. Mai zu lesen war: . . Nicht einer von den Mitschuldigen der jetzigen Verwaltung wird ans der Neuwahl wiederkehren! . . ." daß diese Prophezeiung sich buchstäblich erfüllen werde, hatten wir nicht gehofft, hatten besonders unsre Gegner nicht gefürchtet. Darf aber der eben beendete Wahlkampf auch außerhalb Berlins auf Beachtung rechnend wird das oben.mitgeteilte Wahlergebnis auf die Entwickelung des Judentums im allgemeinen nicht ohne Einfluß bleiben? Wäre dem nicht also, würden wir einen solchen Einfluß nicht erwartet haben — fürwahr, wir, bic wir im Dienste des Gesamtjudentunis stehen, würden dem Wahlkampfe in Berlin keinen so breiten Raum gewidmet, der Herbeiführung eines günstigen Wahlergebnisses nicht zehn Monate lang ununterbrochen , unermüdet vorgearbeitet haben. Denn um was handelte es sich? Nicht - für den „Zentralverein" und uns wenigstens nicht — um Personenfragen; nicht darum, ob Cahn oder Eohn, ob Meyer oder Mayer am Tische fitzen und die Geschicke des Judentums in Berlin bestimmen soll. Es handelte sich um mehr, um ein Größeres, ein Höheres: es handelte sich um ein System, das gebrochen, um ein Prinzip, das durchgeführt werden sollte. Dieses System, — mein gelehrter Namensvetter, Professor Dr. Levin hat es hier, und ein Anhänger der Vorstandspartei in einer Versammlung der „Liberalen" trefflich gezeichnet. Ehe der Zentralverein in Aktion trat, erzählte offenherzig Syndikus Dr. Minden, der es doch wissen muß, bedurfte es nur eines Titels und zweier Verbeugungen, um zum Vertreter der Gemeinde erwählt zu werden. Nicht nach geistigen Mitteln, sondern nach bürgerlichen Titeln wurde gefragt, nicht festes Rückgrat, sondern geschmeidige Schmiegsamkeit mußte aufweisen, wer sich um die Ehre, die größte jüd. Gemeinde Deutschlands vertreten zu dürfen, bewarb. Wie in einem autokratischen Staate herrschte in der Berliner Gemeindestnbe der allgewaltige Gemeindevorstand; er mar König und Hohepriester, Bürgermeister und Büttel in einer Person; aus dem Kreise seiner Getreuen gingen die Inhaber von Ehrenämtern hervor, und aus der Mitte seiner Anhänger die Direktive bei der Besetzung von verantwortungsvollen KultuSümtern. Er allein erwählte, ohne Rücksicht auf die berechtigten hohen Ansprüche der Gemeinde, seit drei Jahrzehnten die Redner und Sänger, die Lehrer und Leiter; er allein ernannte, wie von einwandsfreier Seite oben bestätigt, seine ständigen Mitarbeiter, er allein ernannte auch seine—allergetreuste Opposition. Dieses System, das wohl die Eintracht in der Gemeindestube gedeihen, das eigentliche Gemeindeheben aber versumpfen ließ, mußte bekämpft werden, ist bekämpft und — gebrochen worden. A. L.