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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · p. Seite 701

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 701 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 43. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 701. tragte die Versammlung den Ausschuß mit der Herausgabe einer billigen Schulausgabe des Buches, um seine Einführung in allen Kreisen der "jüdischen Bevölkerung, insbesondere aber bei der jüdischen Jugend zu ermöglichen. Auch dieser Beschluß wurde mit allen gegen eine Stimme gefaßt. - Der Streit um Vogelsteins Buch macht auf den unbefangenen Zuschauer einen fast komischen Eindruck. Die nicht enden wollende Polemik, die pathetischen Beschlüsse für und gegen möchten fast den Glauben erwecken, mit dem neuen westfälischen Gebetbuche sei eine neue Offenbarung der Menschheit, zum nündeften der Judenheit verkündet worden, die nian entweder verhimmeln oder verketzern müsse. Dem ist in Wirklichkeit nicht so. In fachmännischen Kreisen ist es längst bekannt, daß das neue Gebetbuch eine mittelmäßige Leistung darstellt, daß es modernisierte Gebetbücher giebt, die das Vogelsteinsche überragen sowohl in ihrer Anlage als auch in der Diktion. Diese sind aber nicht so heftig angeseindet worden, weil ihre Herausgeber nicht ambitiös die Kanonisierung der Bücher forderten. Wäre nicht von der einen Seite das Buch als ein Lebenselixier angepriesen worden, die andere Seite würde es nicht als tötendes Gift verschrien haben. Das Vogelsteinsche Buch ist weder das eine noch das andere; an ihm wird niemand sterben, an ihm wird auch keiner gesunden. * t Aus Oesterreich-Ungarn. Bei der Ersatzwahl jpür den niederösterreichischen Landtag hat in Wien (innere Stadt) die liberale Partei gesiegt. Mit was für Gegnern hier zu rechnen ist, zeigt das betrügerische Wahlmanöver, das von antisemitischer Seite in letzter Stunde versucht worden ist. Zwei Tage vor der Wahl erhielten sämtliche jüdische Wähler ein gefälschtes Zirkular folgenden Inhalts : „Geehrte Mitbürger israelitischer Konfession! Das deutsch-fortschrittliche Wahlkomitee hat gegen den Willen der israelitischen Wähler als Kandidaten für den Landtag Herrn Anton Picker ausgestellt. Der Mann unseres Vertrauens ist Herr Dr. Wilhelm Schneeberger, Hof- und Gerichtsadvokat, Stadt, Tuchlauben Nr. 7. Nur diesem bitten wir im Bewußtsein unserer Kraft und unserer Bedeutung am Montag, den 14. d. M., Ihre Stimnie zu geben; unser Glaubensgenosse darf nicht verdrängt werden. „ Hochachtungsvoll Eine Anzahl israelitischer Wähler." Ein Komitee, an dessen Spitze der in der Vorwahl unterlegene Dr. Schneeberger Unterzeichnete, legte sofort am Sonntags in einem Zirkular den Wählern den „antisemitischen Wahlkniff", die beabsichtigte Irreführung, die geplante Zersplitterung der Liberalen klar: mit welchem Erfolg, hat die Wahl arn nächsten Tage ergeben. Die im Reichsrat und im Privatleben ausprobierten Künste des Mechauikus Schneider und seiner Genossen haben den Antisemiten in diesem Falle nichts geholfen. — (Und nochmals der Ri tu abmord.) Wieder spürt man in einem Winkel Ungarns den Pesthauch 'bcr schwarzen Legion wehen. Die Garam-Kis-Sällüer Kindesleiche alarmiert die dortige Bevölkerung. Wie jedoch „M.-Ujsag" berichtet, unterscheidet sich die'Angelegenheit in nichts von den bisher bekannten. Die Kleine ist verunglückt, die Juden konnten sie gar nicht gesehen haben, unbekannte Hetzer haranguieren das Volk, der Vater trinkt und hat auffallend viel Geld! Doch die Zeiten von Tißa-Eßlar sind hoffentlich in Ungarn für immer vorüber! * * Alte jüdische Begräbnisstätte in Ungarn. Der „Pester Lloyd" enthält einige interessante Einzelheiten über die Ausgrabungen auf der jüngst entdeckten alten jüdischen Begräbnisstätte in Budapest. Vor einiger Zeit wurden bei der Grundsteinlegung für ein großes Staatsgebäude zufällig mehrere Grabsteine blosgelegt. Dieser Umstand führte zur systematischen Forschung nach Altertümern, die gute Ergebnisse geliefert hat. Dr. David Kaufmann berichtet, daß mehrere Reihen von Gräbern, eine hinter der anderen, gefunden wurden: einige von ihnen enthielten Asche und Knochen. Außerdem faud man Ueberreste von Steinen, welche deutlich auf.die Existenz eines jüdischen Begräbnisgrundes Hinweisen. Alles befindet sich in solch einem verworrenen Zustande und die Steine sind so schlimm zertrümmert, daß es sofort offenbar wird, daß hier vielerlei Zerstörungen vorangegangen sein müssen. Meistenteils ist nur die Basis der Denksteine unversehrt, aber selbst noch in diesem Zustande sind die Steine von einer ganz ungewöhnlichen Größe und Dichtheit. Wir treffen hier Steine, die fast 1 Fuß dick sind, und einer von ihnen, der vollständig zerbrochen ist, erreicht eine Höhe von 5 Fuß. Seine zerbröckelten Reste wurden aufrecht stehend gefunden und thun dar, daß der Stein zum Andenken an einen im Kislew 4854 gestorbenen Jsaac gesetzt wurde. Diese Angabe wird durch die Inschrift „Ghezeevah Torah" (?) vervollständigt. Aber das ist nicht der älteste der Steine. Ein anderer ist fast achtzig Jahre älter. Wir befinden uns hier also Toten gegenüber, die gegen Ende des 12. Jahrhunderts in Ungarn lebten, als Sigismund als König über Oesterreich herrschte. Damals befand sich eine jüdische Gemeinde in Ofen, die unter dem Schutze Bela's IV. lebte. Ein anderes Denkmal war so groß und schwer, daß fünf Mann kaum imstande waren, die zerbrochenen Ueberreste desselben umzudrehen. Seine Inschrift weist große Buchstaben von außergewöhnlicher Schönheit auf; es trägt das Datum 4891, eine Inschrift, die der des oben erwähnten Steines ähnlich ist, und außerdem uoch die Worte: „Amen. Sclah.". Die Gemeinde Ofen ist also geschichtlich ebenso alt als irgend eine andere ehrwürdige auf dem europäischen Festlande, und der neuentdeckte Begrübnisgrund ist mindestens so alt, wie die Begräbnisstätten von Wvrms, Mainz und Frankfurt und vielleicht sogar wie der weitberühmte Gottesacker in Prag. Kier und dort. — Herr A. Baruch, seit 42 Jahren Lehrer an der Realschule der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M., ist aus seinerbisherigen Wirksamkeit geschieden. Ans diesem Anlaß wurde Herrn Barnch von unserem Kaiser der Kronenorden vierter Klasse verliehen. Herr Direktor Dr- Hirsch überreichte dem wackeren Schulmanne die Insignien des Ordens und verlas ein ehrendes Anerkennungsschreiben des Provinzialschulkollegiums in Kassel. — Als Kuriosum wird aus dem hessischeu Orte Hel den bergen berichtet, daß dort zur Gemeinderatswahl vom anti s eint is chen Bauernverein ein Jude als Kandidat ausgestellt worden ist. — Bei den am 11. Oktober stattgehabten badischen Landtagswahlen, die eine nur ganz unerhebliche Verschiebung der Parteigruppierung ergeben haben, sind die Antisemiten fast leer ansgegangen. Sie haben nur einen ihrer Kandidaten durchgebracht. — In Sachse n ist kein einziger gewählt. — Die israelitische Gemeinde in Rendsburg feiert am 10. November das Fest ihres 200 jährigen Bestehens und gleichzeitig das i)0)ahrlge Bestehen der Synagoge. Es werden zu dieser Feier nm- (

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