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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-10-25 · 43 (25.10.1895) · p. Seite 695

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
43 (25.10.1895)
Date
1895-10-25
Page
Seite 695 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 43. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 695. trotz alledem nur ein großer Naturalist gewesen und geblieben ist. Die Ursache dieser Erscheinung liegt sehr nahe. Als Kind von 9 Jahren ging er nach Königsberg i. Pr. zum Kantor Conrad (Cheim Leib), dem er als Sopranist lange und treue Dienste geleistet. Ob L. in der Mutationszeit pausiert hat, ist heule kaum nachzuweisen; denn wir finden ihn schon in dem Alter von 15 Jahren bei dem zur Zeit sehr berühmten Loewe (Schmuel-Glogau) als Bassist thätig. Seine männliche Stimmentwicklung must außergewöhnlich rasch vor sich gegangen sein; er würde, ohne schon Bassist zu sein, bei diesem gestrengen Herrn kein Engagement gefunden haben, Nach einer nur kurzen, aber intensiven Wirksamkeit in der gesangliebenden Gemeinde Glogau's war L. bei Löwenheim in Frankfurt a. O. thätig, bei dem er die Studien zum Schächteramt gemacht hat. Von hier aus nahm L. in Schwedt a. O. die Stellung eines Kantors und Schächters an, förderte mit besonderer Liebe sein Violiuspiel und bekam nach mehreren Jahren den ehrenvollen Ruf nach Stettin, dem er um so lieber gefolgt ist, als er hier Gelegenheit genug fand, seine musikalische Bildung zu erweitern. — Die gütige Natur hatte L. auch in seiner äußeren Erscheinung reichlich bedacht. Die Frauen haben ihm manchen Tribut gezollt. — In Stettin lernte er die Tochter des würdigen Reichhardt, Religionslehrer in dieser Gemeinde, kennen, die er, in ihrem 17. Jahre, als Gattin heimgeftthrt. Bei dem ruhelosen Wanderleben des L. war eine geregelte und naturgemäße Erziehung kaum denkbar. Die Mängel eines solchen Vorlebens machten sich überall bemerkbar. Unter anderen Verhältnissen wäre L. ein vortrefflicher Bühnensänger, vielleicht der größte dramatische Sänger geworden; denn neben der Stinnne und den persönlichen Vorzügen, besaß er für eine solche Laufbahn das geeignete Temperament. — Man hat mir oft den leisen Vorwurf gemacht, ich interessiere mich für Jünglinge und Kantoren polnischer und russischer Herkunft wärmer, als für die deutscher Geburt. Naheliegende Gründe werden meine Teilnahme rechtfertigen. Unter den Kantoren slavischer Heiumt habe ich zumeist außergewöhnliche Stimpibegabung, natürliches Empfinden für musikalischen Ausdruck und ein instinktives Verständnis in der Wiedergabe tonischer Formen gefunden. Was sie singen oder recitieren, ist durchwärmt uud trägt den Stempel innerer Wahrheit, sie verstehen es, musikalische Phrasen zu gestalten, so daß der Musiker und der Laie ihren Sangweisen gerne lauscht. Hierzu kommt bei den meisten die Fertigkeit prima vista zu singen, eine Fähigkeit, die mich oft zur Bewunderung hingerissen. — Ich habe es oft mit tiefem Schmerz empfunden, daß der Mangel an Erziehung besonders bei Polen und Russen große Anlagen vernichtet, ausgezeichnete schöpferische Begabungen zerstört hat. Wer weiß, wie viele Talente, ja viele Genies diesem Mangel zum Opfer gefallen sind. Aus meinen Erfahrungen kann ich bezeugen, daß die Kunst im allgemeinen und die Musik insbesondere viele schwere Verluste zu beklagen hat. Die ungezähmte Neigung Lichtensteins, ohne jeden gesetzlichen Zwang zu singen, zu recitieren, hat ihn manchmal zu musikalischen Verirrungen geführt, die bei einer naturgemäßen Erziehung sich ninnnermehr geltend gemacht hätten. Mit jedem Sabbat wuchsen die Leistungen LichtensteinH und des Chors. In dieser Periode habe ich die erste synagogale Komposition, das Hafchiwenu in G-dur geschrieben , welcher ohne Unterbrechung eine reiche Zahl von Musikstücken gefolgt ist. -- — Im Winter 1844, während der Verhandlungen des Gemeinde-Vorstandes mit Lichtenstein, machte sich eine Bewegung bemerkbar, deren Folgen von großer Tragweite geworden sind. Dr. Stern, der nachmalige Direktor der Realschule in Frankfurt a. M., ein ebenso vprtreefflicher Charakter wie Pädagoge, war der Gründer und Leiter einer jüdischen höheren Knabenschule, die anfangs glänzend prosperierte, später, wegen Mangels an Schülern, geschlossen wurde. Stern kam durch die Notwendigkeit, seine öffentliche Lehrtätigkeit aufgeben zu müssen, in miffliche, materielle Verhältnisse und, um sie möglichst günstiger zu gestalten, eröffnete er einen Cyelus von Vorlesungen über jüdische Geschichte. Eine so ausgezeichnete und allgemein beliebte Persönlichkeit, wie Stern es war, konnte es damals schon wagen, durch Vorlesungen das jüdische Publikum, die Geistes- und Geldaristokratie, zur Beteiligung zu zwingen. Allwöchentlich versammelte sich im Saale der Gesellschaft der Freunde ein stattlicher Zuhörerkreis, der lernbegierig den geistvollen Vorträgen Sterns, getragen von seinem volltönenden, herrlichen Organ, mit sichtlicher Teilnabmc lauschte. Diese Vorlesungen waren der erste Impuls zur Gründung der hiesigen Reformgemcinde. Mitglieder, die nach Hunderten zählen, hatten sich seit Jahren vom öffentlichen Gottesdienste fern gehalten. Die Einrichtungen des Kultus in der Gemeinde-Synagoge entsprachen den religiösen Bedürfnissen vieler Gesellschaftskreise durchaus nicht, die Gebetssprache war ihnen fremd geworden, die Jugend blieb ohne religiöse Erziehung. — Solche Zustände mußten allmählich zunl Abfall vom Judentums führen. Diese sichtbare Gefahr mag es auch gewesen sein, welche die Bildung der neuen Gemeinde beschleunigte. Es vereinigten sich hervorragende Mitglieder, begütert genug, um, nnbekümmert den Gemeindeinstituten gegenüber, selbständig vorzugehen. Die Vorlagen und Bedingungen, des neu zu schaffenden Kultus, deutsche Gebete, Chorgesang mit Orgelbegleitung, waren bald genug diskutiert und acceptiert. Der Kantor wurde ad acta gelegt. Männer von Wissen, Können und praktischem Sinn bildeten eine Gebetbuch-Kommission, und nach kurzer Zeit kam alles iu die beste Ordnung. Damen und Herren „mosaischer Konfession", begeistert von der Idee in einem zeitgemäßen, allen verständlichen Kultus, ihre religiösen Bedürfnisse zu befriedigen, traten zusammen und bildeten einen freiwilligen Chor. Vor der Einführung des neuen Kultus war man sichtlich bemüht gewesen, denselben durch bas hiesige Rnbbinat zu sanktionieren. Eine Deputation aus einflußreichen Männern bestehend, von Dr. Stern geführt, erbat sich Audienz bei dem seligen Rabbi I. I. Oettinger. Dieser schlichte, aber kluge Mann, dessen edles Wesen das Vorbild eines echten Rabbi gewesen ist, und in dieser Hoheit von allen Parteien die ihm gebührene Achtung fand, empfing mit dein stets freundlichen Lächeln die Deputation. Stern trug mit beredten Worten die Wünsche vieler in der Gemeinde dem Rabbi vor, betonte die mißlichen Zustände und äußerte mit besonderem Nachdruck, daß es lediglich die Absicht sei, diejenigen Juden in Berlin, welche seit Decennien sich vom

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