Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 694 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 694. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. Indes habe ich mich aus dem bereits angegebenen Grunde stets in solchen Fällen ablehnend verhalten und nie einen Stolz in die Aufnahme von Proselyten gesetzt. Den getauften Juden aus Ungarn pflegte ich aber iinmer anheim zu geben, daß sie nach der jüdischen Auffassung Juden geblieben, weil das Judentum den Glaubenswechsel nie anerkennt und den getauften Juden nach wie vor als Juden betrachtet, freilich als solchen, der von den Vorschriften der Religion abgewichen und Aergernis gegeben hat. Fühlt er sich nun in seinem Gewissen beengt, so kann er dies dadurch gut machen, daß er seinen gethanen Schritt aufrichtig bereut und sonst wie ein Jude lebt. Die förmliche Wiederaufnahme ins Judentum könnte dann später vollzogen werden. Auf diese Bemerkung bekam ich immer ein und dieselbe Antwort. Der Betreffende angeblich reumütige Apostat habe sich in ein christliches Mädchen verliebt und sich deshalb taufen lassen; später sei die Jnniggeliebte gestorben — verdorben; auf die heiße Liebe sei ein jämmerlicher Katzenjammer gefolgt — da er nun der Fessel los geworden, wollte er wieder in den Schoß des Judentums zurückkehren, um — da eine gute Partie zu machen. Selbstverständlich verweigerte ich nun entschieden meine Mithilfe und wollte mit einem solchen schmutzigen Handel nichts zu thun haben. Durch die Rezeption der Juden in Ungarn wird jetzt die Sache erleichtert, wenn auch dem Betreffenden die Pflicht auserlegt wird, für eine Reihe von Jahren die Kirchensteuer weiter zu bezahlen. Diese Bestimmung wird aus Rücksicht auf die katholische Kirche getroffen, von der es zu wünschen wäre, sie hätte nicht so sehr den finanziellen Standpunkt hervorgekehrt. Denn schließlich hätte ich es großartiger und im Geist des Katholizisums begründet gefunden, wenn die katholische Kirche bei ihrem ablehenden Standpunkt geblieben und einen Uebertritt vom Christentum zum Judentum entschieden perhorresziert hätte. Um meine Objektivität zu beweisen, erlaube ich mir öffentlich auszusprechen, ich hätte nichts gegen ein Gesetz, welches, wie früher in Ungarn, den Juden wühl gestatten würde, zum Christentum überzutreten, hingegen den Uebertritt vom Christentum zum Judentum verbietet. Solche Fälle, wie die oben geschilderten, sind in Ungarn nicht allzu häufig, wenn auch nicht sehr selten; indes wäre es gewiß Unrecht, sollte man die ganze ungarische Judenheit, die über eine Summe von Intelligenz und Opferwilligkeit verfügt, nach der Erfahrung, welche man mit solchen Individuen macht, beurteilen. In der Hauptstadt Ungarn's erblicken wir sogar eine Gemeinde, die zu den glänzendsten, bestgeordneten, wohlthütigsten und auch gelehrtesten der Judenheit zählt. Aber im großen und ganzen haben die ungarischen jüdischen Gemeinden vielfach an Unbotmäßigkeit der einzelnen Mitglieder, Streitigkeiten und religiösem Jndifferentismns zu leiden. In den kleinen und mittleren Gemeinden haben die Uebergriffe der Gemeindevorstände das Ansehen der Rabbiner untergraben, das wiederum zu Folge hatte, daß auch das Rabbinat in seinem innern Wert viel verloren hat. Das alte talmudische Wort hat einen tiefen ethischen Wert: Das Zeitalter entspricht immer den Führern und diese wiederum dem Zeitalter. In dieser Gemeinde war bisher noch das einzige Bindemittel vorhanden, daß durch die Führung des Zivilstandescegisters, welches den Rabbinern überwiesen worden war, diese sich doch einigermaßen gegen streitlustige und aufsässige Elemente in Respekt setzen konnten. Auch bildeten die Einnahmen aus den dafür zu entrichtenden Gebühren einen großen Teil der Rabbinerbesoldung. Mit dem neuen Kirchengesetz verliert numnehr der Rabbiner sein letztes Machtmitel und auch einen großen Teil seiner Einnahmen, während es den kleinen Gemeinden sehr schwer fallen wird, dem geistlichen Beamten den Ausfall zu decken. Es wird in Ungarn die Unsitte einreißen, die leider auch in Deutschland überhand genommen hat, daß nämlich der erste besten Jude die religiöse Trauung vollziehen wird, da sie nun keine staatliche Bedeutung mehr hat, wodurch so mancher Unfug entsteht. Die große Gefahr, welche der ungarischen Judenheit aus den neuen Verhältnissen erwachsen kann, hat nun eine große Anzahl von durchaus liberalen Rabbinern in den letzten Tagen vereinigt, um über Gegenmaßregeln zu beraten. Die Herren sind nun aus ihrer Rolle gefallen und haben, angesichts der Gefahr, die ihrem Stande und der ganzen Judenheit droht, ganz reaktionäre Vorschläge gemacht und auch zum Beschluß erhoben, unter andern auch die, die Matrikel, welche freilich von Staats wegen gar keine Bedeutung mehr hat, nach wie vor und zwar unentgeltlich zu führen, um darauf zu achten, daß jedes Gemeindemitglied die religiösen Pflichten im Familienleben erfülle. Ist dies nicht der Fall, so sei dann bei allen Familienereignissen, bei Geburts-, Hochzeits- und Sterbesällen, jede kirchliche Beteiligung zu verweigern. Dieser Beschluß macht aber sehr böses Blut in den Reihen der „liberalen" Juden und es unterliegt kaum einem Zweifel, daß er strikte nicht wird durchführt werden können. Gegen reiche, allmächtige Gemeindevorsteher ist der Rabbiner machtlos, und will er es auf einen Kampf ankommen lassen, so wird er gewiß den Kürzern ziehen. Ich habe es bereits an anderer Stelle hervorgehoben, daß von der überhandnehmenden Verweltlichung des Gemeindelebens dem Judentum die größte Gefahr droht. Was da von der ungarischen Judenheit gesagt wurde, gilt auch tu andern Staaten. Hier müßte gründlich Um- und Einkehr gehalten werden. Ans Alt-Kkllin. Zwei Kantoren Eriiurrruiigcn von weil. Prof. L. Lcwaiidowski. HI. Mit dem Beginn der amtlichen Funktionen Lichtensteins kam frisches, neues Leben in die knltuellen Verhältnisse der Gemeinde. Die herrliche, nach Höhe und Tiefe gleich umfangreiche Stimme Lichtensteins, feine korrekte Intonation, die kernigen Accente in seinen Recitativen, die fast überreiche Schärfe seines sanglich gesprochenen Wortes waren Reizmittel genug, um die Synagoge allsabbatlich mit andächtigen Zuhörern zu füllen. Ich habe durch die Reihe der Jahre alle großen Bühnensänger gehört, sowohl Deutsche, Franzosen, wie Italiener, und wenn ich die wunderbar stimmliche Begabung Lichtensteins mit der des größten Bühnensängers vergleichen sollte, so könnte ich nur solche Säuger nennen, deren Geburtsland Italien ist, denn hier findet man nicht nur Stimmen, man lernt die hohe Bedeutung der Kunst des Gesanges, namentlich die vortreffliche Art des Recitierens, begreifen und bewundern. Freilich darf nicht unerwähnt bleiben, daß Lichtenstein