Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- Seite 691 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 691. Wähler 25 bis 26 Kandidaten nominieren soll. Einteilung der Wahlberechtigten im 5. Wahlkreise: jeder Wahlkreis hat 5 bez. 6 Repräsentanten bez. Stellvertreter zu wühlen. 7. Währung unserer staatsbürgerlichen Rechte und energische Abwehr der gegen unsere Religion gerichteten Angriffe. per Mchlkiiiiips iu Berlin. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde bat am Dienstag Abend in dem Saal der Berliner Ressource Kommandantenstraße 57 eine Bezirksversaitunlung abgehalten, zu der die gesamte Mitgliedschaft des Vereins sowie alle jüdischen Wühler der Stadtteile S. und SO. geladen waren. Es mochten 150 Personen beisammen sein, als Herr Leopold Friedmann, der den Vorsitz führte, Herrn Dr. Karpeles das Wort zu einem Vortrag über den Synagogen- KultuS in der jüdischen Geineinde zu Berlin erteilte. Der Redner erzählte, daß schon zu Esra's Zeiten, in den Tagen der großen Synagoge, in Alexandrien und in Eäsarea das gottesdienstliche Gebet in der Landessprache üblich gewesen sei, daß die autoritativsten Dezisoren erklärt hätten, es sei sogar der Bekenntnisrus Israels in jeder Sprache zulässig, daß die gottesdienstliche Hebung stets Reformen erfahren habe, und selbst unsere Orthodoxen in der Heidcreutergasse auf die Pijutim verzichten gelernt hätten. Die Synagoge, die vordem im Leben Israels gegenüber dem Lehrhaus die weit bescheidenere Rolle gespielt, stände jetzt — nicht zum Vorteil unserer Glaubensgemeinschaft — im Mittelpunkte des jüdischen Lebens. Der Redner kam zu dem Schluß, daß es wünschenswert fei, die hebräische Sprache als ^Rückenmark des jüdischen Gottesdienstes zu erhalten. Als ein unserem Blatte nahestehender Besucher der Versammlung, in diesem Bilde bleibend, die Bemerkung machte, daß der Gottesdienst der Reforrngemeinde, der im Ganzen mit 118 hebräischen Worten auskoinmt, hiernach an Rückenmarksschwindsucht leide, erweckte er den Zorn namentlich eines Reformgemeinde-Mitgliedes, das sich segnete, weil dieses Gebetbuch „in der Sprache Göthe's, Schillers imb Lessings" abgesaßt sei, und in edler Revanche die Artikel des „Jeschurun" als Hetzartikel bezeichnete. Bei diesem Anlaß sei erwähnt, daß in einer Versammlung der Reformgeuteinde-Mitglieder vom Montag unsere Mitteilung. daß in der neuesten Auflage des Reform-Gebetbuchs das hebräische Gebet sich wieder eingefuitden habe, als eine „krasse Unwahrheit", ja als „Verleuntdung" zurückgewiesen wurde. Warum so heftig? Die „Allgemeine Zeitung des Judentums" ist es gewesen, die s. Z. die Rachricht zuerst brachte, die unwidersprochen blieb, und am Dienstag Abend erwähnte Herr Dr. Karpeles selbst, daß der hebräische Wortschatz jenes Gebetbuchs von 67 aus 118 gestiegen sei. Das ist immerhin eine Steigerung uin mehr als sechszig Prozent. Eharakteristisch aber ist es, daß ein praecipmim membrum der Reformgemeinde die Nachrede einer Rückkehr zürn hebräischen Gebet als „verleumderisch", empfand. War das ernst gemeint, so sollten sich schämen, die das Wort gebraucht und die ihm zugestimmt haben. Nach dem Vortrage des Herrn Dr. Karpeles, der beifällig ausgenommen wurde, erstattete Herr Dr. Minden Bericht über „die Begründung und Zwecke des Liberalen Vereins." Der liberale Verein sei notwendige geworden als Gegengewicht gegenüber dem Zentralverein, der eine Entwickelung nach der konservativen Richtung genommen. Wie diese Entwickelung sich kundgethan und wie der Liberale Verein entgegenwirken will, das blieb im Dunklen, trotz der langen Diskussion, die sich an den Bericht knüpfte. Es sprachen Reformgemeindler für die Süßigkeiten des Gebets in deutscher Zunge, es spracheit Mittelparteiler ntit gemäßigter Begeisterung für traditionelle Klänge, es sprachen Verehrer des Alten für dessen unverstandene Laute, und nachdem alle geredet, ein jeglicher in seiner Zunge, die dem Nächsten fremd war, wie bei der durch Gottes Zorn ain Turm zu Babylon herbeigesührten Verwirrung — da wurde die übliche Resolution gefaßt, daß man übereinstimme mit den Bestrebungen des Liberalen Vereins, die niemand kennt, weil der Verein selbst sich zu ihnen nicht bekennt, und daß man den obligatorischen jüdischen Religionsunterricht wolle, den der Redner des Vereins als sehr bedenklich bezeichnet hatte. So schloß die Versantmlung in Frieden und Fröhlichkeit, ein neuer Beweis dafür, daß die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Berlin in ihrer Mehrzahl erst lernen müssen, daß das jüdische Gemeindeleben in Berlin der Wecknng recht sehr bedarf. Um die elementarsten Dinge wird gestritten, die wirklichen Streitpunkte aber bleiben sorglich verhüllt, so daß keine Klärung und keine Aufklärung möglich ist. Alan fühlt, man weiß, daß die bevorstehenden Reprüsentantenwahlen für die jüdische Geineinde Berlin und damit für die deutsche Judenheit von ausschlaggebender Bedeutung sind, und man ereifert sich stundenlang darüber, ob nian über das „Jekum purkon*‘, das in keiner Berliner Synagoge mehr gesprochen wird, in posthume Entrüstung geraten soll. Es steht in Frage, ob die jüdische Gemeinde Berlin die Sabbatleugnung anerkennen soll, uitb man ist gerührt, daß reiche Männer thun, was die Aermften der Gemeinde schon immer gethan: für ihre Sondergemeinde Steuern zahlen, ohne der Hauptgemeinde den schuldigen Beitrag zu weigern. Noch hundert solche Versammlungen, wie die vom Dienstag, und man ist um keinen Schritt weiter gekommen. Das liegt nicht an einem mangelnden Verständnis, das liegt an der beabsichtigten Verdunkelung der Ziele. Wir haben unntiltelbar nach der Begründung des Liberalen Vereins hierauf hingewiesen, ohne bisher Besserung zu erreichen. Damit sind wir manchem unbequem geworden. Das bedauern tvir uin der anderen willen, aber mir können und wollen es nicht ändern um der Sache willen. Wir iverden fortfahren, Offenheit zu verlangen und, wenn es nicht anders geht, Offenheit erzwingen. Es muß uns gestattet sein, noch einmal auf den gegen dieses Blatt gerichteten Vorwurf zurückzukommen, daß es „Hetzartikel" veröffentlicht habe. Das ist nicht der Fall gewesen und wird auch in Zukunft nicht geschehen. Es mag im Kampfe vorkoinmen, daß ein verletzendes Wort fällt. Das läßt sich kaum vermeiden. Der billig Urteilende wird das zugeben und sich gern befriedigt finden, wenn wir versichern, daß Verletzung nicht in unserer Absicht gelegen. Freilich darf nicht über Wunden klagen, wer ungerufen uns in den Wttrf rennt; freilich darf sich nicht herabgesetzt finden, wer sein ganzes Recht, als Reformator des Judentums auszutreten, aus seiner Ignoranz in judaicis herleitet. Der Anspruch mag von rührender Kindlichkeit zeugen, wir geben es zu — aber Kinder gehören nicht auf den Kampfplatz, auch die rührendsten nicht. M. A. K.