Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 43 (25.10.1895)
- Date
- 1895-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mo. 43. Z.iljrga»,, iv. (lüOtt tfitJ £ Mer kl», 25. (Miloiu’r 1895. Herausgeber A. Devin, Aerkin. Jkfdjw tm Bezugspreis: viertekjährk. 2 Wk. Erscheint an jedem Areitag. ZZezngspreis für das Anstand: Wk. 2,50. Zu beziehen durch die Post, _unsere Expeditionen und den Buchhandel Redaktion nnd Vertag: chr Kamvurgerstr. 21. Anzeigen, die Jette 25 Rf>, nehmen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Jitijrtlt: Zu de» Repräsentantenwahlen in Berlin HI. Der Wahlkampf in Berlin. Mendelssohn — eine Legendes Bon B. Traubenbeig. Das Judentum in Ungarn. Bon Dr. S. Bcrnteld. Ans Alt-Berlin. Bon Prof. Lewandowski. „Papst Elchanan." Bon Zahn um Zahn. Wochen-Chronik. —- Kalender. — Anzeigen. 3u dc» Rkpriiskiilailtemiothltn in llcrliti. III. § 4 unseres Programms: (Gleichstellung der jüdischen Schüler bezüglich des Religionsunterrichtes mit den Schülern anderer Konfessionen. Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts an sämtlichen Schulen durch hierzu qualifizierte Lehrer. Einheitlicher, von den Gemeindebehörden festznsctzender Lehrplan und Beaufsichtigung des Unterrichts durch vom Gemcindevorstand zu bestellende Schulinspektoren. Jahrhunderte hindurch sind wir deutschen Juden Stieskinder unseres deutschen Vaterlandes gewesen, Stiefkinder nach der Behandlung, die wir erfuhren, nicht nach der Gesinnung, die wir hegten. Unsere Liebe zur deutschen Heimat, die wir uns nicht zur Tugend anrechnen, weil sie unausrottbar in unserem Herzen lebt, hat stärkere Proben überdauert, als das gleiche Gefühl bei Anderen je zu ertragen hatte. -Nicht schwerste Mißhandlung, nicht grausamste Verfolgung war imstande, in unserer Brust die Vaterlandsliebe zu ersticken, in langer und banger Verbannung haben wir den Schatz der deutschen Muttersprache gehegt, selbst iu einer gastlichen Fremde sie uns nicht rauben lassen. In dem Ghetto, in das ein ungerechter Haß uns gesperrt, blühte unser Deutschtum glühend und innig, und für Zion erklang unser Gebet nicht heißer, als für das Land derer, die uns verfolgten, und für das Wohlergehen ihrer Fürsten. So verlangte es unsere heilige Religion, deren Vorschriften der Atem unseres Lebens waren. Der Hauch der Freiheit, der die Völker alle verjüngte, sprengte die Thore unserer Abgeschlossenheit, schaffte uns Zutritt zu den andersgläubigen Landesgenossen, zu denen wir gehörten, und die Segnungen des Staates wurden uns zuteil, nachdem wir viele Geschlechter hindurch nur seine Härte gefühlt hatten. Die Rechte, die nur verkleidete Fesseln waren, fielen fort, und an ihre Stelle trat das größte Menschengut: unser siecht. Freilich war es vorerst blotz akademisch, blos auf dem Papier anerkannt, und feine Verwirklichung vollzog sich nur langsam, sehr langsam, und nicht ohne Rückschläge. In einer Zeit solchen Rückschlages leben wir jetzt. So gewaltig ist der Rückschlag, so bedrohlich das Andrängen unserer Gegner, daß wir allein aus dem Hinblick auf unsere Geschichte, die uns unüberwindlich gezeigt hat, die Zuversicht schöpfen können, daß mir auch diesen Sturm siegreich überdauern werden. Nur dürfen wir selbst uns nicht ausgeben, nur müssen wir sesthalten an dem, was in aller Zeiten Braus uns Stab und Stütze und unbezwinglicher Hort gewesen: an unserer Väter Erbteil, unserer heiligen Religion. Fester und fester haben unsere Väter in den schützenden Mantel unserer heiligen Religion sich gehüllt, so lange der Orkan der Verfolgung sie umtobte. Als die Sonne der Freiheit ihre erquickenden Strahlen aussandte, die Wärme der neugewonnenen Menschenrechte uns schmeichelnd und wohlig umgab, da ließen wir in dem ungewohnten Behagen den Mantel fallen, der nicht mehr nötig schien, und gar manchem unter uns, der nicht mehr aus eigener Erfahrung wußte, vor welchen Bedrängnissen es uns gewahrt, kam das Gewand verschlissen und rauh und überflüssig vor. Diese stehen, nun die Bedrängnisse wiedergekehrt sind, schutzlos den hämischen, giftigen Angriffen gegenüber, und nicht einmal der Trost ist ihnen geblieben, daß sie wissen, für wie Erhabenes sie leiden, für wie Großes sie kämpfen sollen. Im Dunkel des Ghetto hat Israel keine Analphabeten gekannt, im Lichte der Freiheit ist uns die Leuchte der Religion, die für uns zugleich eine Leuchte des Wissens ist, erloschen. Durch unsere Schuld ist das geschehen, durch unsere große Schuld! Wir haben vertraut, daß wir auch nach der Lösung von Zwang und Bann die Einrichtungen alle erhalten würden, die wir in enger Sonder-Vergesellschaftnng geschaffen; wir sind der Meinung gewesen, daß wir, dem allgemeinen Leben in Staat und Gesellschaft beigeordnet, für uns aus die Institutionen verzichten könnten, die von Staatswegen für die Pflege des religiösen Unterrichts der Jugend eingerichtet worden sind. Diese Meinung war irrig, jenes Vertrauen war unangebracht. Was wir von der Minute ausgeschlagen, ein Menschenalter hindurch versäumt, das müssen wir jetzt in hartem Ringen zu gewinnen trachten. Der Zeiten Ungunst darf uns nicht abhalten, unser Recht zu fordern, das unverjährbar wäre, auch wenn Verfassung und Gesetz es nicht verbrieften, und das uns nicht verloren sein kann, weil es uns gegenüber nicht geübt worden. Wirsordern für unsere Kinder an allen öffentlichen Schulen jüdischen Religionsunterricht, auf