Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 38 (20.9.1895)
- Date
- 1895-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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«trscheint mt jedem Kreitag. Bezugspreis für das Ausland: Mir. 2,50. Zn beziehen durch die Post, unsere Expeditionen nnd den Buchhandel Jnijalt: Juin Iahresivechsel- So liegen die Xiitge- Bon Ni. A. Klausner. Das verlorene Paradies. l^in altes ij'icb ans Freitag Nacht. (Gedicht. Die Lage der "uiden in (ßalizieii. Bon Dr. I. Nicmirower. Dr. Michael Sachs über Vorsänger nnd tz'hor. Vom tunesischen Indenliim. Von Tr. l^rich freund. Biographische Bansteine- Nathanaja. Von Tr. tzarl Weil. Wochenchronik. Lose Blätter - Anzeigen. Zinn Zchrcsnitchskl. Wie doch das alle Jahr, einem lebensmüden Greise gleich, dem Verscheiden entgegen wankt! Prüde ist der Sonne brechender Blick, müde ist der Erde verrieselnde Kraft! Vom seuchten Herbstnebel angefröstelt, verfärben sich Laub und Wiese, nnd alles scheint so ruhebedürstig und abgespannt — als batte es nur den einen Wunsch: — zu schlafen und zu sterben! Es sind nichts als Sinnbilder der Vergänglichkeit, die uns umgeben und mit Trübnis uns umspinnen. Die Dekoration wäre nicht unpassend, wenn sie weiter nichts als einen Abschied zu veranschaulichen hätte, und nicht auch die Begrüßung eines neuen Jahres, das eben geboren wird. Was versinnlicht uns das Frührot der jungen Jeit, der Zukunft dämruerndes Morgengold? Darunt hat aber auch das Nenjahrfest einen so düster-ernsten Charakter, es ist der erste der zehn Bußtage. Wie sollte es auch anders fein? Die Erinnerungen siitd von Wehmut getränkt und die Erwartungen von Furcht durchzittert. 'Nichts, was auch die Hoffnung weckt und den Mut zum Weiterstreben belobt. Das ginge wohl anders, wäre unser 'Neujahrsfest nach dem Wortlaute der Bibel in die heitere Jahreszeit versetzt, wo es, von den Bildern der Auferstehung auf Feld und Flur umlächelt, mit dem frohen Ausblick auf eine schöneve Zukunft sich erösfnete. Allein die Zeitenordnung, welche ja auch deu einzelnen Dag nicht mit dem Morgen, sondern mit dem vorangegangenen Abend anheben, das Jahr mit dem Herbste und Winter, statt nüt Lenz nnd Sommer beginnen läßt, ist für die Gemütsart Israels sehr bezeichnend. Es ist das Volk, das ein behagliches Alter dem frühen Morgen vorziehet. Das ist nicht das Volk, das sich ein goldenes Zeitalter an die Spitze der Weltgeschichte und das ewig Leere, das finstere Nichts an's Ende der Tage setzen kann. ,,Jn Dhränen säen nnd in Jubel ernten" ist sein Wahlspruch, und indem es mit Zagen und Zittern das Neujahr sowie unser Bureau entgegen. antritt, huldigt es, wie kein anderes Volk, der Hoffnung und harret geduldig, ob auch diese noch so spät sich erfüllt. „Wir können warten," sagten sich die Inden in den Zeiten unsäglicher Bedrückung, und siehe! es war keine eitle Prahlerei. Die Juden besitzen, wie nicht wieder ein anderer Menschenstamm, die große Kunst, 311 warten, und „sie konnten warten" in Lagen, in welchen hundert anderen Elationen der Pint, fort zu existieren, nach kurzem Leben schon zusammenbrach. Sie konnten warten und ihren Messias erwarten, weil sie nicht das Leben sich dachten aus dein Schoße des Lichtes geboren zur schweigsamen Finsternis sich entwickelnd, fonberu umgekehrt aus dem stampfe und der Not zum Frieden und zur Freude anstrebend. Jüdisches Hoffen ist kein zerflatterndes Lichtgebilde, sondern ein solider Ban, der aus Erinnerungen ausgerichtet wird. Unser Neujahrstag heißt: Dag der Erinnerung — und die Erinnerung an jene leidvollen Tage, die der Geschichte angehören, drängt zur Vergleichung mit der verhältnismäßig glücklicheren Gegenwart und befestigt die Hoffnung, daß es auch fürderhin bester werden könne. So ließe sich wohl noch weiter sinnbildern und allerlei Erbauliches an die jüdische Kalenderordnung knüpfen, wären nicht zwei Wesen vorhanden, die schnurstracks entgegengesetzter Meinung sind: Die synagogale Liturgie und das Bewußtsein der Individuen. Die Gedanken, welche in den weitaus vertönenden Partien unserer 'Neujahrsliturgie zum Ausdrucke gelangen, sind von niederbeugendem Inhalte. Schmerz um den erloschenen Glanz einer uralten Vergangenheit, Furcht und Bangen der Kreaturen vor dein Tage des Gerichtes und der Prüfung, pessimistische Schwermut ob der Vergänglichkeit und Hinfälligkeit des menschlichen Lebens sprechen aus all den Liedern der synagogalen Sänger, denen man doch ein tiefes Verständnis für die Gefühle unseres Volkes nicht absprechen darf. Freilich! Sie lebten in düst'rerer Zeit als wir, sahen um sich nichts als schwer geprüfte Märtyrer des Glaubens, ein ganzes Volk gepeinigter Dulder, die täglich „wie Schafe zur Schlachtbank geführt" wurden, und da dünkte ihnen allerdings die alte Zeit die schönere, deren Jammer der Nebel der Vergangenheit umhüllte und deren lichtere Kuppen die freundliche Legende vergoldete. Aehnlich ist es mit dem Bewußtsein der Individuen, obwohl es nicht mit allzu langen Zeiträumen rechnet und ihm keine weitere Vergleichung als die des Heute mit dem Gestern, des vorgerückten Alters mit einer noch im frischen Angedenken stehenden Jugend nahe gelegt wird. Der einzelne'Mensch, wenn ihm das (Stück nicht ganz besondere Gunst erweiset, nimmt an sich nur den Nückgang an Kraft und Lebensfreude wahr nnd sieht mit Sehnsucht aus seinen Frühling zurück, Mo. 38. Jahrgang I V. llüttttttttt Berti», 20. September' 1895. Perausgeber: A. Levin, Merlin. Jefchurutt. Bezugspreis: vierteljäörl. 2 MI:. Redaktion und Merlag: «Sr Fmmlinrgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Rf., nehmen alle Annoneen-Lrpeditionen