Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 36 (6.9.1895)
- Date
- 1895-09-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Io. 30. Jahrgang IV. Herausgeber: Ä. -Levin, Merlin. ZZcrkin, 6. September 1895. Jeschnrutt. Bezugspreis: Vierteljahrs. 2 Mk. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Ausland: Mit. 2,50. Au beziehen durch die Post Redaktion und Verlag: Är Kamvurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Rf., nehmen alle Annoneen-Expeditionen sowie unser Bureau entgegen. Jitbii It: Von Rechtswegen. Lehrerclend. Abermals: Die Loiizentrieiuiu; der Wohlthätigkeit in Berlin, t^ine (stegenströniung. Atzic steht es um das argentinische KolonisationstverkV Tie Melusa. Bon Tr. Ad. Iellinek. Ei» dringender Erlas;. Bon Dt. Nuel. Wochenchronik. Kalender. - Anzeigen. --.. i — von Rkchtsloegr». v'sn der Anklagesache gegen den Redakteur von Mosch wegen Gotteslästerung und Beschimpfung der jüdischen Religion hat die HI. Strafkammer des Landgerichts I heute August) das Urteil verkündet. Es lautete auf Freisprechung des Angeklagten nach beiden Richtungen der Anklage hin Eine Strafkammer des Landgerichts 1 hat dieser Tage in einem Urteil, dessen reifliche Erwägung durch die Verzögerung seiner Verkündigung gewährleistet ist, ausgesprochen, daß nach dem bei uns geltenden Recht Rassen geschmäht werden dürfen, olsne daß diejenigen, denen solche Schmähung gilt, dafür Sühne beanspruchen dürfen. Diese Judikatur ist nicht ganz neu. Schon vor der Strafkammer des Landerichts .1, die am BO. Aug. ihr Urteil abgegeben bat, sind ähnliche Urteile ergangen, und zum mindesten ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß das Reichsgericht die in diesen Urteilen niedergelegten Grundsätze als richtig anerkennt und somit für alle Zukunft, d. h. so lange die jetzt geltenden Gesetze Geltung behalten, rechtsverbindlich macht. Hierüber herrscht im antisemitischen Lager begreiflicherweise eitel Freude und Entzücken. „Ein Daniel, ein zweiter Daniel!" so rufen die Gefolgsleute der Leuß, von Hammerstein und anderer Stützen der Gottesfurcht und des unverfälschten christlichen Teutschtums, und mit besonderem Eifer preisen sie die Gerechtigkeit des zweiten Daniel, der der jüdischen Rasse keinen Vorzug einräumen will vor den anderen Rassen, sondern die jüdische Rasse ebenso wie alle anderen Rassen der ungestraften Schmähung preisgiebt. Es kann uns natürlich nicht einsallen, mit den; Richter darüber zu rechten, ob er die geltenden Gesetze richtig ausgelegt und angewendet hat oder nicht. Hierüber entscheidet der Richter allein. Zwar steht uns nichts im Wege, eine andere Auffassung zu hegen und uns zu ihr zu bekennen; aber mit diesem abweichenden Bekenntnis wird nichts geändert. Wir müssen uns also mit der Thatsache absinden, daß man Rassen ungestraft schmähen und somit die Angehörigen bestimmter Rassen kränken und beleidigen darf. Das gleiche Recht für alle ist formal gewahrt, denn die Schutzlosigkeit gegen Beleidigungen ist für alle Rassen gleichmäßig ausgesprochen. Freilich steht diese Gleichmäßigkeit, somit das gleiche Recht für alle, blos aus dem Papier; denn bei uns in Deutschland giebt es nur ganz kleine Minoritäten, die überhaupt als Rassen angesprochen werden können, und nur eine einzige kleine Minorität, die eine fest umschriebene Rasse bildet, soweit es fest umschriebene Rassen 'in unseren Tagen überhaupt noch geben kann und giebt. Thatsächlich kommt es nicht vor, daß etwa aus der Mitte einer der Minoritäten eine Schmähung ausgesprochen wird gegenüber der Rasse der Majorität. Diese Unterlassung schreibt sich nicht etwa aus einer höheren Sittsamkeit, aus einer größeren Selbstbeherrschung dieser Minoritäten her, sondern sie erzwingt sich ohne jedes Verdienst dieser Minoritäten ganz von selbst dadurch, daß die Mehrheit eine Rasse nicht darstellt. Es giebt keine deutsche Rasse und jedenfalls in Deutschland kaum noch Spuren der germanischen Rasse. Kelten, Wenden, Slaven, ibre Abkömmlinge und deren Mischlinge bilden den hauptsächlichen Bestandteil der Bevölkerung Deutschlands, und sie alle zusammen mit den eingesprengten Minoritäten sind gute Deutsche — aber deutscher Rasse sind sie nicht, weil es eine deutsche Rasse uicht giebt. Mit wenigen Begriffen wird in unseren Tagen solcher Unfug getrieben, wie mit den; der Rasse. Es fehlt wahrlich bei uns nicht an allerhand Humbug auf den verschiedensten Gebieten einer angeblichen Wissenschaftlichkeit. Humbug wird beispielsweise getrieben n;it dem Hppnotisinus, und für gewöhnlich sind es die ärgsten Eharlatane unter den Aerzten, die marktschreierisch tastende Versuche als sichere wissenschaftliche Errungenschaften ausgeben und darüber mit großen Worten von einen; Publikum zu sprechen lieben, an dessen Verständnis sie appellieren, während sie nichts mehr zu scheuen haben als das Verständnis. Humbug wird mit dem Begriff der Rasse von den flachsten Köpfen getrieben und von Betrügern, die recht genau wissen, daß aus der von ihnen gewühlten unsicheren Grundlage aus der Mitte des Laientums heraus eine Widerlegung ihnen nicht zuteil werden kann. Leute, die ihren Großvater nicht kennen, pochen aus ihre Rasse, und da es in Deutschland mit der deutschen oder mit der germanischen Rasse nicht gut geht, so ist für sie eigens die arische Rasse erfunden worden, ein Abracadabra, unverständlich für die, die das Wort gebrauchen, wie für die, die es hören. Daß man bei uns Rassen ungestraft schmähen darf, ist erst in neuerer Zeit sestgestellt worden. Vielleicht sind die