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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-08-02 · 31 (2.8.1895) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
31 (2.8.1895)
Date
1895-08-02
Page
Seite 502 (sequence 14)
Language
German
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Seite 502. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. Früher wurden alle Rabbiner aus Europa importiert, dieselben waren mit theologischem Wissen reichlich ausgerüstet und übten einen mächtigen Einfluß aus die (Gestaltung der amerikanischen Judentums aus. Sie legten den Grund, aus welchem die Neugestaltung des amerikanischen Judentums süßt. Freilich, der Gebrauch der deutschen Sprache ist jetzt in Wegfall gekommen und die englische hat ihren Platz eingenommen. Auch in vielen Gemeinden, in welchen das Einhorn'sche Gebetbuch, welches in blütenrcichem, klassischem Deutsch den Resormgedanken zur vollen Klarheit brachte, ist das Englische Unions-Gebetbuch an dessen Stelle getreten. So ist denn eine volle Umwandlung in dem Judentuni, wie es vor vierzig Jahren hier vorwaltete, vor sich gegangen, und es ist zweifellos, daß die neue Rickstung das ganze amerikanische Israel über kurz oder lang mit sich fortreißen wird. — Ter Bericht der Vereinigten Jüdischen Wohlthätigkeits-Gesellschaften giebt ein beredtes Bild von der erschöpfenden Dhätigkeit dieser Gesellschaft. Im Monat Juni haben 2806 Hilfsbedürftige nur Rat und Unterstützung nachgesucht, das heißt Familien-Dberhäupter, so daß eigentlich die Zahl der Hilfesuchenden die Höhe von 8000 erreicht. Es wurden 189 Individuen von der Gesellschaft ins Innere des Landes befördert, 81 Leichen bestattet, 35 Wöchnerinnen ärztlicher Beistand und andere Hilfe gewährt, 650 Kranke von den Aerzten besucht, und an 1400 Familien wurden Kleider, Möbel und Nahrungsmittel verabreicht. Von den 748 Individuen, die um Arbeit nachsuchten, wurde Beschäftigung für die meisten gefunden. In den Industrie-Schulen wurden 240 Mädchen in weiblichen Arbeiten unterrichtet. Die Totaleinnahmen während des Monats beliefen sich auf 9886,35 und die Ausgaben auf etwa 10,000 Dollar. — Im Laufe der vorigen Woche fand die Prüfung am jüdisch-theologischen S.eminarin New-Pork statt. Besonders interessant waren die Beweise der Tüchtigkeit der höheren Klasse der Talmudstudierendeu, welche unter der Leitung des geschulten Talmudisten Dr. Josse ihre Studien . machen. Zugegen waren die Rabbiner Dr. K. Köhler und Dr. Davidson. Für die Gediegenheit der Unterrichtsmethode zeugte die Diskussion nach dem Lesen mehrerer Seiten eines Talmudabschnittes. Die Prüfung wurde in den Bibliotheksräumlichkeiten abgehalten,in welchen sich eine ungemein reiche Büchersammlung talmudischen, jüdisch litterarischen, allgemein theologischen Inhalts befindet, die einzige wohl derartigen Eharakters in Rew-Hork. Das protestantische Union Theologische Seminar besitzt zwar eine ebenfalls gediegene Sammlung hebräischer und rabbinischer Schriftwerke, welche aber durchaus nicht mit dieser Bibliothek verglichen werden kann. Bekanntlich stammt sie aus dem 'Nachlasse des verstorbenen Gelehrten Dr. David Kassel in Berlin. Kiert rrnö dorrt. — Personalien. Im vorigen Monat haben wieder drei Rabbinats-Kanditaten, nnd zwar die Herren Dr. Kahn, I. Berlingcr nnd Dr. .Kröner (Sohn des Kirchenrats Dr. St. in Stuttgart» an der Universität Tübingen das erste Tienstexamen mit Erfolg bestanden. — Hr. Tr. E. Baneth, früher in Strotoschin, ist zum Rabbiner nnd Schuldirigenten der B'ne B'rith-Gemeinde in Berlin gewählt. - Versetzt: Hr. I. Gers chlowitz^von Mehllack nach Marggrabowa, als Nachfolger des greisen Hrm Freyer. . — Tie Synagogcngemeinde in Siöln war int vor. Hahr zur Emkommensteucr herangczogen worden, da nur Kirchen davon befreit feien. Das Vorstandsmitglied Assessor Fleck hat nunmehr nachgewirscn, daß Siorporaiionen nur, wenn. sie. Vermögen haben, steuerpflichtig seien. Taranshii' ist der Erlaß der Steuer erfolgt.^ In Siarlsrnhe ist .Hr. Ad. Bielefeld, der lange Hühre dem Oberrat der Israeliten in Baden angehört, gestorben. Der Landcsfürst hat an den Sohn des Verstorbenen nachstehendes Telegramm aus San Blasien gerichtet: „Die Großherzogin und ich senden Ihnen unser herzlichstes Beileid an dem Verluste Ihres verehrten Vaters. Wir teilen Ihre tiefe Trauer int Andenken an die verdienstvolle Lebensbahn Ihres lieben Vaters. Unsere Mitempfindnng an Ihrem Schmerze ist eine recht innige. In treuem Gedächtnis bleibt die werte Erinnerung an die Lebenszeit Ihres Vaters, nnsers lieben Zeitgenossen Friedrich, Großherzog." — In Alto sen starb am 22. d. M. Oberrabbiner Dr. Julius Sftein, 45 Jahre alt. Schon seit längerer Zeit litt Dr. .Klein an einem Lnngenübel; auf den Rat seines Arztes suchte er im Winter Heilung in San Nemo, doch die an den Aufenthalt im Süden geknüpften Hoffnungen wurden nicht erfüllt. — Mit dem Norddeutschen Llopddampfer „H. H. Meyer", welcher am 17. d. M. von Bremerhaven nach dem La Plata abgegangen i|t,. sind wieder etwa 160 russisch-jüdische Auswanderer nach Argentinien befördert worden. Die Auswanderer sind von Baron .Hirsch mit Geldmitteln versehen und beabsichtigen, drüben Ackerbau za betreiben. Wie uns ans Ems gemeldet wird, ist Prof. Jos. Derenb onrg aus Paris daselbst infolge eines Schlaganfalls gestorben. Er hat ein Alter von fast viernndachtzig Jahren erreicht. Am 21. Ang. 1811 in Mainz, das danrals zu Frankreich gehörte, geboren, Zögling der Talmndschulc und des Gymnasiums dort, spater auf den Universitäten Gießen und Bonn den Studien obliegend, widmete sich Terenbourg dem Lehrfach. Im Jahre 1839 ging er nach Paris, wo er eine jüdische .Knabenschule begründete die noch heute besteht nnd deren Leitung er im Jahre 1864 aufgab, um fernerhin ganz nnd gar den Wissenschaften obznliegen. Sein Hauptwerk war die Geschichte nnd Geographie Palüstina's nach dem Talmud und anderen rabbi- Qnellen. Er wurde im Jahre 1871 Mitglied des Instituts von Frankreich. Fünf Fahre später übernahm er den Lehrstuhl der talmudischen Wissenschaften an der Ecole pratique des liautes etudes. Als im Jahre 1886 die Universität Heidelberg ihr fünfhundertjähriges Jubiläum feierte, gehörte er zu den drei Delegierten der französischen Akademie. — Am 11. u. 12. d. M. fand an der öffentlichen orthodoxen Rabbinerschule in Preß bürg die Schlnßprüfung statt. Als staatlicher Prüsungskommissar war der Schulinspektor des Preßburger Komitats beordert. Die erzielten Resultate des verflossenen Schuljahres waren zufriedenstellend. Tie Anstalt wurde von etwa 300 Schülern, geteilt in drei Klassen, frequentiert, nnd es verdient hervorgehoben zu werden, daß die jungen Leute ernstes Streben bekunden, auch weltliche Bildung sich anzueigncn. In diesem Jahre absolvierten am deutschen Gymnasium in Prag, Stefansgasse: 138 Deutsche, 81 Böhmen, 180 Inden; am Neustädten 143 Deutsche, 43 Böhmen, 246 Juden; am Altstädter: 10 Deutsche, 40 Böhnlen, 230 Inden. „In Prag haben 16000 Juden viermal so viel Schüler wie 14 000 Deutsche und fast die .Hälfte so viel wie 150000 Böhmen", bemerkt ein antisemiiisches Blatt grimmig. Die Antivort aut diese ewigen Anrempelungen haben wir schon einmal gegeben: Bei den Inden kommt in allererster Reihe die Familie ^nnd in allerletzter die Skneipe, darum können viele ihre .Kinder höhere Schulen besuchen lassem ... - Das Ministerium der Volksanfklärung erlaubte der Besitzerin eines 4-klassigeu Mädchengymnasinms, Frau Raichkowitsch in Odessa noch 3 .Klassen zu eröffnen. Dies ist in Rußland das erste 7-klassige jüdisch e Nt ä d ch e n g y m n a s t u in. — Dem „Smol. Wiestnik" zufolge hat sich in Mohilew ein Kreis gebildeter Inden formiert, behufs Organisierung von landwirtschaftlichen Farmen. Dieses Komitü hat bereits diesbezügliche Aufrufe an die Israeliten erlassen, mit der Aufforderung, das gute Werk zu fördern. Das Blatt empfiehlt das Beispiel der Juden Ntohilews zur Nachahmung nnd lenkt die Aufmersamkcit namentlich desjenigen Teils der russischen Tagespresse, welcher stets den Rassenhaß predigt, auf diese Initiative der Juden. — Tie „Zephira" schlägt für den sog. Ansiedelungsrayon in Rußland eine Arbeiter-Organisation vor, damit den zahlreichen jüd. Feld- und sonstigen Arbeitern, die nach dem Innern des Reiches wandern, um Beschäftigung zu suchen, Arb.it nachgewiesen und bei der Abschließung von Verträgen mit den Gutsbesitzern Rat nnd Beistand werde. Die Erkenntnis, daß nur S elbfthilfe das Mittel ist, um die jüdischen Massen im Ansiedelnngs-Rayon nicht ganz verkommen zn lassen, dringt in immer weitere .Kreise. So wurden in Talna (Gchiveriiement Kiew) mit behördlicher Genehmigung mehrere „Selbsthilfsvereine" von jüdischen .Handwerkern und kleinen Kanflenten gegründet, um im Notfälle nicht in die Hände der Wucherer zu sirllcn, aus denen es keine Rettung mehr giebt. Ist es doch eine feststehende Thal,achc, daß die Juden zn den Bewucherten den höchsten Prozentsatz stellen.

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