Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 469 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seile 409. Antisemitische Geschäftspraxis. In der vorigen Nr. lieferten wir einen Beitrag zum Kapitel „Indische Geschäftspraris" in der Mitteilung über das Verballen des Barons Günßburg in Petersburg, der seinen Gläubigern ibr Guthaben nebst -Pilsen gezahlt hat. Als Pendant sei bier ein Beitrag zu dein Kapitel „Antisemitische Geschästspraris" gebracht. Der österreichische Fürst Liechtenstein, — ein naher Verwandter des „schwarzen" Prinzen- Alois L., der bekanntich an der spitze der christlich-sozialen Antisemiten gegen die „jüdische Korruption" kämpft — ist vor kurzem gestorben. Zn den trauernden Hinterbliebenen gehören verschiedene Gläubiger, die die Lumperei von einer Viertelmillion Gulden zu bekommen haben, aber ilichts bekommen können. Die Verwandten des Fürsten Karl Lichtenstein, an die sich die Gläubiger wiederholt wegen Bezahlung ihrer Forderungen gewendet hatten, lehnten es ab, für die unsäglich leichtfertigen Streiche des Fürsten aufznkonlinen, und einer seiner Anwälte hatte einem allzu stürmischen Gläubiger bei einer Gelegenheit gesagt, wenn er dilrchaus etwas haben ivolle, so könne er zwei Sachen bekommen, nämlich ein Paar alte Hosen und ein Paar alte Stiesel — mehr sei eben nicht da. Sollte einst der Wunsch des schwarzen Prinzen in Erfüllung gehen, bcn reichen Inden ihr Geld abgenommen und unter die armen Arier verteilt werden, so wird wohl die Familie Liechtenstein dennoch leer ausgehen, denn sie hat ihr Teil nebst -Pilsen reichlich lveg. * i- Aus Rußland. Eine in Wilna vor zwei Monaten verstorbene adelige Dame, namens Ludwika Kowzan, vermachte ihr ganzes nicht unbedeutendes Vermögen zil gunsten des jüdischen Krankenhauses daselbst. Als Grund führte sie die wahre Humanität uild Nächstenliebe an, womit das jüdische Krankenhaus zu Wilna, das seinen Statuten genläß nur zur Ausnahme voll jüdischen Kranken verpflichtet ist, andersgläubige Kranke behandelt. Eine Verwandte der Kowzan vom Lande erkrankte eines Tages sehr schwer und wurde nach Wilna transportiert, uin in einem dortigen christlichen Spitale untergebracht zu werden. Allein die Kranke fand nirgends Ausnahme, überall war es „überfüllt." Da entschloß sich der Gatte der Patientin, sie in das jüdische Spital zu führen. Hier wurde sie denn auch aufgenonunen mit dem Bemerken, daß das jüdisch e Kranke n h a u s, den Satzungen der mosaischen Lehre über die Nächstenliebe folgend, Mitmenschen nicht der Gefahr, aus der Straße sterben zu müssen,-aussetzen könne. Von diesem Humanitätsakte tief gerührt, vermachte Frau Kowzan ihr Vermögen dem jüdischen Spitale. Die Erben der Kowzan fochten jedoch das Vermächtnis an. In der hierüber vor dem Gericht zu Wilna kürzlich stattgefundenen Verhandlung wurde aber die Anfechtung der letztwilligen Bestimmung der Kowzan zurückgewiesen und das Testament vollinhaltlich bestätigt. - - Durch ciuen kaiserlichen Erlaß wurde im Jahre 1807 den Juden im W e i ch s e l g e b i e t e das Recht eingerüumt, Grund und Boden zur Anlegung landwirtschaftlicher Anwesen zu erwerben. ÜUur mußten solche jüdische Käufer den Beweis erbringen, daß sie die Wirtschaft selbst führen würden. Bis zur Ernennung des Generals Gurko zum Administrationschef in Kongreßpolen lebten viele Juden aus ihren Wirtschaften ungestört und betrieben fleißig und erfolgreich Landwirtschaft. Mit dem Einzüge Gurko's in Warschau begann jedoch für die Juden dieser Kategorie eine schwere Zeit. Er entzog unter einem nichtigen Vorwände den jüdischen Landwirten das Recht der. freien Erwerbung von Grund und Boden und des Aufenthaltes aut ihrem Anwesen. Er setzte jedoch eine fünfjährige Frist fest, während welcher die Juden ihre Wirtschaften verkaufen müßten. Später erhielten sie einen weiteren fünfjährigen Aufschub, der am 1. Januar 1890 abläuft. Nunmehr hat Gras Sch uwalow aus die Fürbitte des Grasen W. Beloserskij die Gurko'sche Verfügung rückgängig gemacht und die jüdischen Landwirte in ihre früheren Rechte wieder eingesetzt. Die Intervention des Grasen Beloserskij zugunsten der Juden ist auf ein Ansuchen zahlreicher polnischer Gutsbesitzer zurückzusühren, welche für die Ehrlichkeit der jüdischen Landwirte viele Beweise lieferten. * Die Juden in Rumänien. Die Lage der Juden in Rumänien wird durch folgende Zuschrift aus Eraiova deutlich gezeichnet: „Nirgends ist die Lage der Juden so traurig, wie in Nnmänien. Es ist uns Inden hierzulande benommen, auch nur ans einem (Gebiete thätig zu sein, wir sind von Schulen, Unterricht, Justiz, Handel, Gewerbe, sowie von Ansiedelungen in Dörfern und deren Pacht förmlich ausgeschlossen; kurz eine düstere Zukunft ohne irgend welche mindeste Hoffnung ans nur scheinbare Besserung, denn unser Los wird anstatt besser, jahraus, jahrein schlechter, der Niedergang des Getreidehandels wirkt deprimierend, da uns jeder andere Erwerbszweig ganz fehlt. Wir sehen ferner unsere Kinder, sowie deren Nachkommen zur ewigen Sklaverei verurteilt, unsere Kinder werden und müssen dereinst dem Laster des Müßigganges und dem größten Elende preisgcgebeu sein. Ta wir entschlossen sind, Rumänien zu verlassen, und wir unterrichtet sind, daß Herr Baron Rothschild in Wien angeblich israelitische Familien in Palästina behufs Agrikultur kolonisiert, so haben wir uns diesbezüglich an Herrn Baron Rothschild gewendet. Hierorts wären 50 Familien zur Auswanderung nach Palästina bereit. Wir sind sämtlich hierorts ansässig, dem Arbciterstande ergeben, zumeist unbemittelt und sind mit Leib und Seele für Agrikultur in Palästina, um uns von hier nur entfernt zu wissen und auf diese Art unfern Kindern eine Zukunft zu gründen. Wir sind durchaus tüchtige Arbeiter und werben uns auf diese Weise in diese unsere Beschäftigung hineinfinden. Für das Auswanderer-Komitee: Samuel Schwarz, Obmann; Wolf I. Alterson; Bernard Ruig." Innere Angelegenheiten. * Berliner Nachrichten. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Sehr geehrter Herr! Ihre Bemerkungen in letzter Nr. betreffend den Beschluß der Gemeindeorgane bezüglich einer Koitzentrierung der Wohlthütigkeit scheinen nur nicht gerecht. In einer Stadt wie Berlin ist eine Uebcrsicht über die geübte Wohlthütigkeit fast unmöglich; ein Zustand der für den gewerbsmäßigen Schnorrer natürlich weit angenehmer ist, als für den verschämten Armen. Die Konzentrierung der Wohlthütigkeit hat sich jedenfalls in London, Rew-Pork und anderen großen Städten eingebürgert. Voraussetzung einer befriedigenden Thätigkeit der Zentralverwaltung ist allerdings, daß sie nicht engherzig verführt, dies vorausgesetzt, kann die Zentralisierung nur nützen, nicht schaden. Es scheint mir - jedenfalls sicher, daß die Zuschriften, die Sie erhalten haben, nicht von verschämten Armen herrühren. Hochachtungsvoll Dr. Heinrich Ale per Eohn. Wir kommen, wie schon in vor. Rr. bemerkt, ans diese Frage ausführlich zurück. — Die Angelegenheit der Lotterie zu Gunsten des Synagogen bans in Hörde hat endlich ihren Abschluß gesunden, der nach Lage der Verhältnisse als sehr befriedigend für die Nächstbeteiligten angesehen werden nrnß. Wie erinnerlich, lautete das erste Urteil auf eine Buße von je 2500 Mark gegen jedes der sieben Mitglieder des iftotterie- Komitee's. Das Reichsgericht hob dieses Urteil auf. Das