Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 408. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 29. 2 a. Bcrichtigimg. Mit Bezug auf den iu unserem gestrigeu Blatt veröffeutlichleu Artikel: ' „Jüdischer Raub" teilt uns die arme Fabrikarbeiterin mit, daß sie nicht beraubt worden sei, sondern ihr Portemonnaie mit ihrem Wochenlohn verloren habe. Als sic dies bemerkt und laut gemeint habe, sei ein Herr, der jüdisch ansgesehen, von einem Pserdebnhnmagen gestiegen, habe ihr, als er horte, um was es sich handle, ein Fünsmarkstück gegeben und sei, ohne einen Dank abzuwarten, davongegangcn. Unserm alten Grundsätze folgend, daß auch der andere Teil gehört werden muß, haben wir diese Darstellung hier wiedergegeben." Eine unfreiwillig-komische Fortsetzung erfahrt diese Latyre iu dem folgenden Jntersilet: * Die Secschlarige. Alljährlich in den Hundstagen, die für jeden Zeitungsschreiber Schreckenstage sind, weil da „nichts los" ist, pflegte in Ermangelung anderer interessanter Raritäten die berühmte Seeschlange die Redaktionen heimzusuchen und sich von dem darin hausenden Federvieh abkonterfeien zu lassen. Unsere antisemitischen Freunde wollten aber, wie in der Moral, so auch hier ctivas Apartes haben, und io machten sie denn aus dem Meerungeheuer einen veritablen Juden, der alljährlich in den Hundstagen bei ihnen antreten muß. Hier ist er, wie er leibt und lebt — nach der authentischen Versicherung des Weltblattes „Frei-Deutschland", wie er leibte und lebte, auch in den heißen Tagen der beiden letzten Jahre. Das Organ des Jugendbildners Prof. Förster zeichnet ihn wie folgt: „Eine Probe maßloser jüdischer Nanbsucht und Verkommenheit liefert nachstehendes Schreiben, welches — natürlich n a m e n l o s — mit dem Poststempel Elberfeld an den Verlag von P. Hcichens für Herrn I. Suainus, Verfasser eines antisemitischen Drnckheftes, kürzlich eingegangcn ist. ES lautet: .Elender Ehristenhund! Tu hast Dich erfrecht, uns anzngreisen, indem Du das Trnckhest „Judengift" geschrieben hast. Alles was drin steht, ist Lüge und Verleumdung — im Gegenteil, es giebt kein sittlicheres und reinlicheres Volk als unser Judentum, dagegen aber sind die Ehristen wahre Schweine und Tu Hund bist das allergrößte Schwein. Dich und Deine Genossen werden wir zuerst heranssangen, sei cs in diesem oder im andern Jahrhundert, in unsere Bücher wird notiert jeder Name und der ganze Stamm wird verbrannt, sobald die Herrschaft unser sein wird, .was nur eine Frage der Zeit; denn Ihr Ehristen seid ja schon ein ganz und gar verkommenes Volk, habt durch Unzucht, Fraß und Völlcrci Eure Nerven zerrüttet. Ihr seid dem Untergänge geweiht, cs hilft kein Schreien, kein Toben, Ihr seit» heute schon in unseren eisernen Händen, es giebt kein Entminen, Ihr Sklaven — die Herren sind wir, hast Du es verstanden^' — — Ten Schluß, der sich ans die deutsche Jungfrau bezieht, können wir nicht wiedergeben. — Aehnliche Schriftstücke sind auch uns in größerer Zahl zugekommen." Wie der berüchtigte Paul Heichcn es augestellt hat, um bei eiuem anonymen Briefe die Konfession seines Urhebers seftznstcllen, — das ist sein ureigenes Geheimnis, in welches niemand dringen kann; daß er in edler Gemeinschaft mit dem Förfter'schen Blatte es wagen darf, seinen Lesern solch handgreiflichen Blödsinn vorzusetzen, — das ist seine und seiner Leser Sache und geht uns nichts an. Wenn er aber irgend einem Juden die Dummheit und Gemeinheit, die znm Riederjchreiben eines solchen Brieses gehören, vindiziert, so sagen wir dem be—kannten Manne mit dem moralischen Defekt, daß er ein infamer Verleumder ist. — Sollte er einen Teilnehmer für diesen Ehrentitel brauchen, ein Mitarbeiter der „Deutschen Wacht" wird sich gern mit ihm vereinigen. In diesem Organe eines anderen antisemitischen Abgeordneten, des Herrn Oswald Zimmermann, der sich ans Staatskosten den Lurus eines „Dieners" und einen Ehampagnerrausch gestattet hat, wird behauptet, paß bei der' «nt 20. d. M, stattfindenden Stichwahl im Kreise Meseritz-Bomst 2—800 Juden für den Polen stimmen würden. Bekanntlich war der Wähler, welcher vor der Hauptwahl im Namen der Freisinnigen erklärt hatte, seine Parteigenossen würden keinen eigenen Kandidaten ausstellen und gleich im ersten Wahlgange für den Freikonservativen stimmen, ein Jude, und nun sollen die Juden in der Stichwahl für den Polen stimmen wollen! Diese antisemitische Taktik ist doch gar zu durchsichtig. Es werden sich nämlich in Meseritz-Bomst viele Antisemiten an der Stichwahl nicht beteiligen, weil die Freikonservativen angeblich irgend eine Abmachung nicht gehalten haben, io daß am Son:.abend der Pole gewählt werden wird. Es sollen darum schon im voraus Schuld und Verantwortung für die Wahl des Polen aus den ewigen Sündenbock, den Inden, abgewälzt werden. Das wird nicht gelingen. Der Ursprung des Rothfchild'schen Reichtums. Tie unlängst erschienenen Piemoiren des Generals Marbot, der unter Napoleon I. kommandierte, enthalten über den Ursprung des Rothschild'schcn Reichtums bemerkenswerte Nachrichten. Sie bestätigen und ergänzen das bereits Bekannte, erhalten aber gesteigertes Interesse, weil General Mar bot selbst Zeuge der betreffenden Geschehnisse war. Er erzählt: „Als der Kurfürst von Hessen-Kassel nach England flüchten mußte, vertraute er sein ganzes Barvermögen dem Franksurtcr Bankier dritten Ranges Rothschild, dessen Ehrlichkeit ihm bekannt war, an. Er verlangte von ihm nur die einstige Rückerstattung des Kapitals, das 15 Millionen betrug, die Zinsen sollten ihm gehören als Entlohnung für seinen gefahrvollen Dienst. Nun wurde aber den Franzosen, die über den geringen Fund im Kasseler Schlosse ergrimmt waren, hinterbracht, daß ein Frankfurter Jude kurz zuvor einen ganzen Tag bei dem Kurfürsten verweilt habe. Eine kaiserliche Kommission begav sich also sofort zu Rothschild, um nach Kriegsrecht die Kasse mit Beschlag zu belegen. Aber man fand auch dort nichts. Drohungen, Versprechungen hatten keinen Erfolg. So wollte man denn den frommen Juden zwingen, einen Eid zu leisten, daß er nicht wisse, wo das Geld verborgen sei. Als Rothschild sich weigerte, zu schwören, wollte man ihn einsperren, was aber Napoleon selbst verbot. Hieraus schlug man ihm vor, die Hälfte des Schatzes an Frankreich auszuliesern, die andere Hülste für sich zu behalten und dafür von der französischen Regierung ein Dokument anznnehmen, in dem diese erklärt, daß sie das Geld gewaltsam genommen habe. Alles vergeblich. Rothschild hielt sein Wort und lieferte das Geld bis ans den letzten Heller an den Kurfürsten aus, als dieser im Jahre 1814 in sein Land zurückkehrte. So erwarb sich der kleine Bankier das Vertrauen der Höfe und den Grundstock seines Vermögens." — So manche unsrer „arischen" Grandseigneurs, die als erbliche Führer an der Spitze des antisemitischen Volks wider „jüdische Unehrlichkeit" zetern, können sich eines redlicheren Ursprungs ihres Geldes kaum rühmen. ^Katholikenhaß. Es ist eine alte Erscheinung, daß das Volk sich nicht begnügt, beim Haffe gegen eine Minorität stehen zu bleiben. Anläßlich des Mellage-Prozesses sind es jetzt wieder die Katholiken, die mit „teutonischem" Hasse beehrt werden. So schrieb die „Weitdeutsche Ztg.": „Ultramontane sind nicht fähig, öffentliche Aemter zu bekleiden . . . Ein ausgesprochener Ultramontaner ist auch nicht fähig, ein höheres Amt in der Justiz-Verwaltung zu bekleiden." Man sieht, aus dem christlichen Staat, der jüdische Beamte ausschließen möchte, entpuppt sich ein — protestantischer Staat.