Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 459. pünktlich auszahlcn, wenn die Beiträge ebenso eingeben, und das ist sehr oft nicht der Fall. Tie Beiträge werden sreiwillig gegeben und dürfen diese Mitglieder nicht vor Beginn des Quartals mit der Präsentierung der Quittung belästigt werden. „Berlin ist groß, Berlin ist schön, die Boten aber langsam geh'n." Das ist auch eine Variation des bekannten Gassenhauers. Ter Bereinsbote, der, nebenbei gesagt, auch keinen Sinecure hat, muß in allen Stadtgegenden die Beiträge einwrdern und viele Wege 2—5 Mal machen. Er braucht <S, wobl auch 14 Tage, bis die letzte Quittung bezahlt ist. Ist der Rendant wohlhabend und vor allein etwas gutmütiger Natur, so zahlt er aus eigenen Mitteln, aber öftersdars man ihm diese Zumutung nicht stellen. Wir haben schon schlimmere Fälle erlebt, bei denen die mala fides eine Rolle spielen, aber da die Situation schon so traurig genug ist, so schließen wir diese aus. Hat der Bielgeplagte nun glücklich das Gehalt empfangen, so geht sofort die Hälfte davon an den Wirt und was noch übrig bleibt, davon wird bis zum 10. gelebt und dann weiter lustig gepumpt, so lange ein Kaufmann, Schlächter oder Bäcker dem Herrn Tr. Kredit gewährt. Was nachher kommt, das baben wir im vorigen Kapitel geschildert. Wenn der Beamte pünktlich seine Pflicht erfüllt, die Funktionen nach bestell Kräften ausübt, so sollte man meinen, er hätte vor den Verwaltungsbehörden nichts zu besorgen. Und, Gott sei Tank, in Gemeinden, die von anständigen Männern gewissenhaft geleitet werden, ist dieses auch der Fall. In vielen Genieinden wird darin eher etlvas zu wenig als zu viel gethan. Wenn alles den geraden Weg geht, wenn keine Reklmnationen oder Beschwerden entgehen, so besteht in diesen Gemeinden die ganze Thätigkeit des Vorstandes in der jährlichen Feststellung des Budgets und voll leiten des Ausschusses in der Einschätzung der Mitglieder. Nicht so in deir Privatgemeinden Berlins. Wir haben schon in den ersten Artikeln entwickelt, daß zwei Momente zur Gründung dieser Gemeinden maßgebend waren: Die Ehrsucht und die Gelegenheit zur Kritik. „Wenn ich bei der Beerdigung rneines Vaters nicht die rote Weste anziehen dars, so macht mir das Begräbnis gar keine Freude," erklärt feiler Bauernjunge seiner Mutter, und wenn die Herren Repräsentanten nicht mindestens alle Monate einer Versamillllmg beiwohnen können, — was soll ihnen da das Ehrenamt, nach den: sie gestrebt und wofür sie das Qpser von 6 Mark pro Jahr bringen? Was nun an Kritik mit dem besten oder schlimmsten Willen aufgebracht werden kann, wird hier aus den Tisch des Hauses gelegt: die Predigt des Doktors, der Gesang des Kantors und vor allein die Vorkominnisse in der Schule, die langen Zwischenpausen, die gelegentliche Bestrafung einiger Repräsentanten- Kinder (Crimen Caesar majestatis), der Unterricht selbst, das mangelhafte Erlernen des Dawnen u. f. tu. in Infinitum. Es ist öfter bei solchen Sitzungen fast so bunt zugegangen, wie im österreichischen Reichsrat, besonders wenn der Beamte auch zugezogen wurde, was nicht selten der Fall war. Sontt aber wird über die ganze Verhandlung ein ausführliches Protokoll geführt und' der Beamte ist 'sicher drei Tage nachher einen großen Schreibebrief zu erhalten, denn der Schriftführer will auch aus seine Rechnung kommen. Tie Verwaltllng besteht in dem meisten Fällen ans drei Vorstehern und neun Repräsentanten. Diese verwalten die Beiträge der 200 Mitglieder, und die übrigen ordentlichen und außerordentlichen Einnahmen, die sich öfters bis zu 6000 Mark pro Jahr belaufen. Wir haben schon dar gethan, wie diese Mitglieder geworben werden und welche absolut negative Rolle sie für die Verwaltung selbst (außer der Zahlung der Beitrüge) und für den Beamten spielen. Die Wohlthäter wissen nicht und die subventionierende Hauptgemeinde hat auch keine Ahnung davon, wie groß der Mißbrauch sein kann, den die Selbstherrscher mitunter entwickeln. Bei den alljährlichen Generalversamtnlungen beteiligen sich höchstens 20 Personen, die ein direktes Interesse an dem Fortbestand dieser Gemeinde haben und die bei. solcher Gelegenheit gewählten Vorsteher stellen mit den ihnen gutwillig geboteneu Mitteln Beamte an und jagen sie auch nach Laune wieder fort. Jir einer solchen Gemeinde, die von der Hauptgenteinde reich subventioniert wird, haben seiner Zeit acht Mitglieder die ganze Gemeinde repräsentiert, alle übrigen nahewohnenden Israeliten, die ihre Steuer dorthin freiwillig entrichteten, hatten damals, vor ca. 6 Jahren, keine Ahnung, was dort für ein Unfug getrieben wurde. Die Vorsteher haben über ein nicht geringes Gemeinde- Einkonuncn nach Gutdünketr verfügt und in der kurzen Zeit von 4 Jahren aus oben geschilderte Weise sechs Beamte verbraucht. Nur nicht deutlicher zu werden, müssen wir es uns versagen, die drei Vorsteher und ihre Qualität zu schildern, nur soll noch zur Illustration unserer Schilderung die eine Thatsache mitgeteilt werden, daß dieser Vorstand einen Beamten, der den Mißbrauch kritisierte, nicht alleiir absetzte, sondern vor Ablauf des Kontraktes ihm alle Funktionen entzog, wodurch der Mann, ein Familienvater, in den Verdacht geriet, ein Verbrechen begangen zu haben, — ein Verdacht, der Jahre lang aus ihtn ruhte und seiner Fatnilie fast dent Untergange zusührte. Das war die Rache eines ganz obskuren Menschen, der längst auch dort ausgehört hat eine Rolle zu spielen. Die LchmkoiifertiiM. 7. In dem lahnumflossenen, lieblich gelegenen Weilburg tagte an: 9. Juni d. I. die leider sehr schwach besuchte Versammlung der israel. Lehrer Nassaus. Um 114/s Uhr wurde die Sitzung im Schullokale der israel. Gemeinde mit einer von Herrn Lehrer Fröhlich-Weilburg, ca. 4 2 Stunde aitdauernden Lehrprobe int Konzentrationsunterrichte eröffnet. Hierauf begaben sich säintliche Anwesende, durch den Besuch zweier Vorsteher Weilburgs, Herrn Nathan Reifcnberg und A. Sternberg-Löhnberg, sowie durch den des ehemaligen Vorstehers Herrn G. Reifenberg beehrt, in den Saal des „Pariser Hofs". Hier begrüßte unser verehrter Vorsitzende, Herr Lomnitz- Lintburg, die Anwesenden, unter denen sich auch unsere drei allseitig geschätzteir Herren Bezirksrabbiner Drr. Landau- Weilburg, Silberstein-Wiesbaden und Weingarten-Eins befanden, in einer gediegenen, zu Herzen gehenden Ansprache, welche in einem Hoch aus seine Kaiser!. Königl. Majestät gipfelte, in das die Anwesenden begeistert eittstimtnten. Zunächst wurden tnittelst einer eingehenden Debatte einige ^interne Vereinsangelegenheiten zur allgemeinen Befriedigung erledigt. Alsdann trug utan dem Magen Rechnung. Nachdem sich alle Anwesenden an einem so schmackhaften wie billigen, durch Frau Fröhlich hergerichteten Mahle, zur