Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 29 (19.7.1895)
- Date
- 1895-07-19
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 458. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 29. bestimmten. Wie es Leute giebt, die es ihrer demokratischen Gesinnung schuldig zu sein glauben, plebejische Manieren zu haben, so giebt es aristokratische Herren, die zur Gewinnung von Popularität keinen anderen Weg sehen als den, sich pöbelhaft zu benehmen. Solche Aristokraten sind es gewesen, die in der konservativen Partei wie im Bunde der Landwirte den Antisemitismus aus die Fahne schrieben, nicht aus Ueberzeugung, sondern aus Berechnung. Für Einzelne unter ihnen war es auch ein Sport, dem es übrigens an dem Reiz der Kostspieligkeit nicht fehlte und der außerdem den Vorzug hatte, nicht den geringsten Verstandesauswand zu erfordern. Es konnte nicht ausbleiben, daß hierdurch eine geistige Verarmung der konservativen Partei eintrat, die auf diesein Gebiete Verluste am sorglichsten hätte verhüten sollen. So arg war die Verarmung, daß Personen, welche die Führung an sich gerissen hatten, nicht blos von den blödesten, unter den „reinen" Antisemiten sich düpieren ließen, sondern daß sie die Unvereinbarkeit der Anwendung demagogischer Mittel mit dem Wesen einer wahrhaft konservativen Partei verkannten. Sie verkannten ferner, daß eine konservative Partei sich selbst ausgiebt, wenn sie an einem Recht rütteln läßt, das ihr unbequem ist. Sobald die Konservativen das geltende Recht nicht verteidigen, weil es besteht, haben sie ihr eigenes Lebensprinzip verraten. Zu Stahl's Lebzeiten wäre ihnen das nicht begegnet. Das war freilich ein Semit, und ein wackerer Konservativer von heute Hütte ihn am liebsten trotz aller Verdienste wieder Schlesinger genannt, wie er vordem geheißen, und ihm „hep hep!" oder „Manschest!" nachgerufen oder in „vornehmer" selbstgefälliger Ironie trotz Taufe ihn als „Mitbürger von der anderen Konfession" bezeichnet. Schlesinger-Stahl, nach dem die konservative Fraktion im Herrenhause ihren Namen führte, hätte seinen Schülern eindringlich gesagt, daß sie selbst nicht wüßten, was sie wollten, und daß sie es nicht wollen dürsten, wenn sie es wüßten. In der Thal: was wollen die Konservativen, soweit sie Antisemiten sind? Die Emanzipation der Juden rückgängig machen? ihnen die staatsbürgerliche Gleichberechtigung wieder nehmen? Das können sie nicht wollen und das dürfen sie nicht wollen, nicht aus Scheu vor einer Ungerechtigkeit, sondern aus Rücksicht aus des konservativen Gedankens LcbenSprinzip. Wollen sie die Juden gesellschaftlich ächten? Wüllen sie empfehlen, was Mommfeu so treffend „adnünistrativen Bauernfang" genannt hat? In einem deutschen EinzelstaaU wird dieser Empfehlung gemäß gehandelt, die ein Hohn ist aus Treue und Glauben, aus Sittlichkeit uud Ehristentum — und nirgend ist die Sozialdemokratie so verbreitet wie in diesem Musterstaate des praktischen Antisemitismus! „Der Jude gewinnt zu viel Geld" — aber er soll nur Handel treiben; „der Jude ist der Landwirtschaft feind" — aber der Bund der Landwirte schließt ihn aus; „der Jude ist der Nährvater aller Opposition, früher der liberalen, jetzt der sozialdemokratischen" — aber bie konservative Partei weist ihn von sich um seiner Abstammung, um seiner Rasse willen, obschon doch den Spitzen der konservativen Partei „Rasse" über alles gehen soll, selbst über Nationalität, die es in jenen Kreisen dem Blute nach kaum mehr giebt! Ist denn die konservative Partei so reich, daß sie ohne dauernden Schaden für sich aus Zuwachs liub Verstärkung aus einem Bevölkerungskreise verzichten dürfte, dem selbst die skrupellosesten Gegner gewisse Vorzüge nicht absprechen können? Ist sie so stark, daß sie ohne Furcht vor Schaden diese Bevölkerungskreise, die unverwüstliche Lebenskraft bewiesen haben, zur Verstärkung ihrer politischen Gegner zwingen dürfte? Das wäre eine Selbstüberschätzung, die sich bald strafen, eine lieber- Hebung, die sich bitter rächen müßte. Es wäre schlimmer als ein Verbrechen, es wäre ein Fehler. Dank den Herren, die zur Zeit au der Spitze der konservativen Partei stehen, dank den sreiherrlichen Ahlwardt- Brüdern, die mit diesem „Rektor aller Deutschen" frere et cochon waren — wobei die Rollen nicht immer in derselben Weise verteilt blieben — ist aus geraume Zeit dafür gesorgt, daß die Juden die konservative Partei mit vorsichtigein Mißtrauen betrachten werden. Unter den Namen, die hierbei in Betracht kommen, steht der des Herrn von Hammerstein keineswegs in erster Reihe. Wenn jetzt die Konservativen Einkehr halten und in ihren Busen greisen, so sollen sie sich nicht einbilden, es wäre bei ihnen alles auf's beste bestellt, seitdent Herr von Hammerstein aus goldener Brücke sich zurückgezogen. Es giebt viele Hammersteins unter ihnen — unbeschadet ihrer bürgerlichen Reputation und strafrechtlichen Unbescholtenheit. Nicht blos Einkehr, Auskehr müssen sie halten; und wenn sie aus die Verluste zurückblicken, die ihnen die antisemitische Campagne gebracht, so mögen sie gute Lehre ziehen aus der Antwort, die ihnen aus die klagende Frage entgegentönt: „Woßu?" Die primtzkmiii-kil in Kniili. Von Bar Miiian. X. Bei dem gewaltigen Elend, das wir nach der Natur, d. h. nach dem Schicksale bestimmter Personen geschildert haben, hat sich die Stellung der Betreffenden nicht etwa gebessert, im Gegenteil. Ist es doch eine feststehende Erfahrung, daß je ungünstiger die pekuniäre Lage eines Beamten ist, desto erbärmlicher sich seine Stellung innerhalb seiner Gemeinde gestaltet. Und nicht allein in Berlin, sondern überall und in kleineren Gemeinden noch in umgekehrter progressiver Weise. In unserer Millionenstadt kann manches Elend noch künstlich verdeckt werden, so daß mitunter kaunr die nächsten Nachbarn etwas merken. In der Provinz kennt man die Verhältnisse der Kulturbeamten genau. Es hat hier in Berlin mancher Privatprediger am Sabbat Vormittag gepredigt, der genau wußte, daß ihn zu Hause kein Mittagbrot erwartet, und sein gelegentlicher Appell an die Mildthätigkeit war öfters ein Notschrei aus eigener Brust. Der Mann predigt, erbaut und rührt wohl eine ganze andächtige Gemeinde, während Weib und Kinder zu Haufe — hungern. Das ist auch ein Kulturbild, aber ein tiestrauriges, weil wahres. Und ist der Neonat glücklich herum — er währt so lange, 80 oder 31 lange Tage! — so ist der Mann gar nicht sicher, ob er seine 60—70 Mark auch wirklich erhält; es. können da verschiedene Zwischenfälle Vorkommen. Den ersten Zwischenfall hat er allerdings selbst verschuldet, aber dieser kommt nur einige Male im Anfang vor. Er hat in seinem Leichtsinn, weil die Frau nüt den übrig gebliebenen 20 Mark schlecht gewirtschastet hat und am 10. keinen Pfennig mehr besitzt, — Vorschuß verlangt und leider auch erhalten. Der Rendant ist ein einfacher Kaufmann und kann nur dann