Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 26 (28.6.1895)
- Date
- 1895-06-28
- Page
- Seite 422 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 422. Zefchurrrn. Nr. 26. sich von einem Unternehmen fern zu halten, das die kärglich bemessenen Groschen der Lehrer und die von den verschiedensten Seiten in Anspruch genommenen Beiträge der Gönner aus Nicht-Lehrerkreisen in unzweckmäßiger Weise verzettele. — Nachbemerkung der Redaktion: Diesem Appell schließen wir uns an und mit diesem Appell schließen wir die Polemik gegen den D. R. j. R., trotzdem wir in der vor. Nr. einen Schlußartikel über den Verband zugesagt. Denn einmal kann nichts und niemand toter als tot sein, und der Reichsverband ist tot. Nicht allein haben sich die meisten Mitglieder von ihm losgesagt, es haben auch die achtbarsten Mitglieder des Vorstandes (des „Präsidiums") ihre Aencker niedergelegt und sind ans dem Verbände ausgetreten. Der Herr Präsident hat das den Mitgliedern selbstverständlich nicht mitgeteilt, er präsidiert weiter, bis der letzte Nickel des letzten Mitgliedes verpulvert sein wird. Sodann ist es ein ästhetisches Moment, das uns hindert, des Reichsverbandes noch ferner zu gedenken. Dieser Tage lasen wir die jüngste Nr. der „Mitteilungen aus dem Reichsverband"; wir erwarteten eine Erwiderung aus die hier erhobenen Anklagen, eine Rechtfertigung des Herrn Präsidenten gegenüber dem Vorwurf, mit Täuschung und Blendwerk gearbeitet zu haben. In der ganzen dir. ist aber weder ein Wort der Erwiderung noch eine Silbe der Rechtfertigung zu finden! Der Herr Präsident läßt getrost alles ans sich sitzen. Gegen so starke Charaktere kann und darf inan nicht mehr polemisieren. Man läßt sie einfach lausen, was inzwischen wohl auch der letzte Rest der Getreuen gethan haben wird. b Qstpreußischer Gemeindeverband. Am 17 dieses Monats fand in Insterburg die 1b. ordentliche General- Versammlung des Verbandes der Synagogen - Gemeinden Ostpreußens statt. Der Hauptversammlung am Montag war eine Sitzung des Verbandsausschusses am Sonntag Abend vorausgegangen, worin die Tagesordnung endgiltig sestgestellt, auch das reichhaltige Beratungsmaterial bis zur Beschlußfassung durch die Versammlung vorbereitet wurde. Die allezeit gastfreundliche Gemeinde Insterburg hatte es sich, wie immer, nicht nehmen lassen, die Gäste zu bewirten, sowohl an diesem Abende als auch anderen Tages zum Frühstück. — Die Montagsversammlung wurde durch den Vorsitzenden, Herrn Ltadtrat Isaak Eichelbauin, eröffnet, welcher sich über Bedeutung und Ausgabe der jüdischen Gemeinden verbreitete. Daß diesem Manne, welcher aus dem Gebiete der Humanität und der allgemeinen . Wohlfahrt eifrig bethütigt ist, alles von Herzen komme, das war ans seinen Worten ersichtlich. AuS dem Kassenberichte ist zu ersehen, daß die Ausgaben — daraus ist ja die Tendenz des Verbandes ganz besonders zu erkennen — vorzugsweise in Unterstützung kleiner Gemeinden besteht, damit diese ihren Bestand und ganz besonders ihre Religionsschule und ihre religiösen Institute aufrecht erhalten können. Ehedem wohlhabende und große Gemeinden sind derart herabgekommen, daß die königl. Regierung zu ihrer Auflösung schreiten und sie größeren Nachbargeineinden zuschlagen mußte. Aber auch andere israelitische Wohlthätigkeitsanstalten der Provinz, sowie israelitische Lehramtsaspiranten werden unterstützt. — Rach der Wahl der Kassenrevisoren erfolgt der Bericht der Schulinspektion sowie der Bericht über die letzte Lehrcrkonscrenz am 4. d. Mts. in Königsberg. Auch diese Schulinspektion ist eine Einrichtung das Verbandes, wodurch vorzugsweise die Fühlung und Beziehung des Verbandes mit den einzelnen Gemeinden hergestellt und der Verband von der Pflege des Religionsunterrichts in der ganzen Provinz unterrichtet wird. Der Vorsitzende der Schulinspektion,. Herr Rabbiner Tr. Bamberger - Königsberg, erledigte diesen Teil der Tagesordnung in der geschicktesten, umsichtigsten und eindringlichsten Weise. Die Erörterungen von Gcmeindeangelegenheiten und l4eschüftliches nahm eine geraume Zeit in Anspruch. Da wurde der Besteuerungsmodus besprochen; — manche Gemeinden haben bis 400 °/0 der Staatssteuer allein zu den Bedürnissen der jüdischen Gemeinde beizutragen — dann wurde zur Neuwahl des Ausschuffes und des Schiedsgerichts . geschritten. Die Versammlung Schloß mit einem halbstündigen Vortrag des Rabbiners Tr. Rülf aus Memel „über die Bedeutung der Gemeinde in Altisrael." Gegen Uhr erfolgte der Schluß und um b Uhr folgte das gemeinsame Mittagessen im großen Saale des Gesellsehaftshauses, ivaran 60 Personen und mehr teilnahmen. Krerr rrnö — Tie Synagoge in Ratibor soll dem Vernehme» nach eine Orgel erhalten. Ter zeitige Rabbiner, der der orthodoxen Richtung angehört, wird von einem jüdischen Blatte erinnert, daß er in diesem Falle sein Amt werde niederlegen müssen. — Bei der Reichstagsnachwahl in Eolberg-Cöslin erhielt der Kandidat der Ahlwardtpartci, Herr Paasch, säst 1600 Stimmen. Es muß dort eine Stichwahl zwischen dem konservativen und dem freisinnigen Kandidaten stattsinden. Das Organ der ans zwei Mann bestehenden Fraktion Ahlwardt-Böckel hat Wahlenthaltnng proklamiert. -- Der königliche Kreisphyfikns Tr. Räuber in Nordhausen hatte in der Behandlung kranker Mitglieder der allgemeinen Ortskrankenkasic offen antisemitische Agitation getrieben. Deshalb nmrde, nachdem er wegen Verteilung von antisemitischen F-lugschristcn an Kassenmitglieder bereits einen scharfen Tadel von seiten des Regierungspräsidenten hatte hinnehmen müssen, von seiner Wicdcrwalst zum Kassenärzte abgesehen- Bei den Wahlverhandlnngen hatten zwei israelitische Kansleute die einzelnen Fälle, die gegen Räuber's Wiederwahl sprachen, anssiihrlich angeführt. Räuber belangte beide diescrhalb wegen Beleidigung, sie wurden jedoch, weil ihre Behauptungen sich als Wahrheit erwiesen, frcigcsprochen. Tr. Ränder wurde zu den Kosten verurteilt. — Ter PrimannS und Privatdozent der Augenheilkunde a» der Budapest er Universität, Tr. Wilhelm Goldzieher, ein auch im Anslande wohlbekannter Fachmann, wurde zum (ordentlichen? Redl Professor an der bezeichnelen Universität ernannt. — Dem (Großgrundbesitzer David Bischitz, Vertreter des Baron Hirsch in Budapest, wurde der erbliche ungarische Adelsstand mit dem Prädikate v- Heves verliehen. — Die „Jewish Chronicle“ in London veröffentlicht eine Zuschrift des Herrn I. S. Rnbinstein, Vorsitzenden der Chowawe Zion in Dublin, welcher von einer dreimonatlichen Reise nach Palästina zurückgekehrt ist. Er schildert in den lebhaftesten Farben die glänzen den Erfolge der jüdischen Kolonien im heiligen Lande, welche ans einer Wüste blühende Gärten gemacht haben, und betont den günstigen Einfluß, den diese jüdische Einwanderung auf alle Verhältnisse des heiligen Landes ausübt. Er hat für feinen Verein 10 00«) Dunam vorzüglichen Getreidelandes in Dscholün angekauft und nach Art der biblischen Kundschafter Proben der Landesprodnkte nach England mit gebracht, wo man erklärt, Weizen wie den des Dicholün, gebe es , in ganz Europa nicht. Die Kolonisten,seien fast ansnahmslos sehr fleißig und mit ihrem Leben als Bauern sehr zufrieden. — Im Juli wird auf dem jüdischen Friedhofe in Padua der dem verewigten Gelehrten Samuel David Luzzatto errichtete ^Grabstein feierlich enthüllt werden, und erwartet man zu dieser Feier auch mehrere Rabbiner aus Oberitalien, ebenso auch einige Schüler und Verehrer des Verstorbenen. — Der russische Senat hat die Bestimmung getroffen, daß der Vermerk „wo Juden wohnen dürfen", welcher sich zunieist auf den rnssi'chen Pässen der Inden besindcn, den Behörden noch nicht das Recht giebt, die Inhaber dieser Pässe aus den Gebieten, die außerbalb des Ansiedelungsrayons gelegen sind, zu vertreiben. Es sei die Aufgabe der Behörde sich vor der Answeisiuig erst nochmals gründ-