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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · p. Seite 317

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 317 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 20. Jefchururr. Seite 317. sei, wie dies qewöluilich angenommen wird. An den königlichen höheren Schulen werde allerdings jüdischer Religionsunterricht nicht erteilt, an den städtischen aber sei 74 Proz. der jüd. Schüler (Gelegenheit geboten, Religionsunterricht zu empfangen. Trotz der ruhigen und sachlichen Darlegung des Referenten erklärte ein Mitglied des liberalen Vereins, Herr- Professor Bucka ans Charlottenburg, daß er dem Gemeindevorstand den Vorwurf, „sich seit Jahrzehnten seiner vornehmsten Ausgabe gegenüber einer starken Pflichtverletzung schuldig gemacht zu haben", nicht ersparen könne. Widersprochen wurde dieser Erklärung von keiner Seite, — ganz wie int „orthodoren" Zentralverein. Das Ergebnis der Debatte war die Erklärung des Vorsitzenden des Gesamtvereins, Herrn R.-A. Dr. Simon, der liberale Wahlverein werde für die Einführung eines obligatorischen R.-U. an allen öffentlichen Schulen wirken, — ganz wie der „orthodoxe" Zentralverein. Privatim wurde uns mitgeteilt, der liberale Wablverein werde für die Durchführung des Parochialstistems in der hiesigen Gemeinde eintreten, — ganz wie der „orthodoxe" Zentralverein. Oeffentlich wurde erklärt, der liberale Wahlverein sei durchaus nicht mit allen Amtshandlungen der gegenwärtigen Gemeindeverwaltung einverstanden, er befindet sich darum in der Opposition, — ganz wie der „orthodoxe" Zentralverein. Der Programmentwurf der neuen Vereinigung enthält die Versicherung, der liberale Wahlverein wolle keinen Gewissenszwang üben und jedem das Seine lassen, - ganz wie der „orthodoxe" Zentralverein. Es ist nach alledem die Trage nicht ungerechtfertigt, weshalb gleiche Brüder ungleiche Wappen tragen sollen? Vielleicht beantwortet jemand aus den Reihen de., liberalen Wahlvereins diese Frage. * Aus Baden. Die neueste Verordnung des Großh. Oberrates der Israeliten fetzt die Einkounnenverhültnisse der isr. Religionslehrer in der Weise fest, daß der geringste Gehalt eines solchen bei freier Dienstwohnung oder einer Entschädigung von 100 Mk., wenigstens 700 Alk. betrage, wenn die Schülerzahl 15 und darüber dauernd beträgt. Verheiratete, ausnahmsweise auch ledige Lehrer erhalten nach dem zweiten Dienstjahr eine Aufbesserung von 100 Mk., nach dem 10. Dienstjahr eine solche von 200 Mk., welche, wenn die verfügbaren Mittel der Gemeinde nicht ansreichen, von der Zentralkasse des Landes bezahlt werden. Doch ist in dem Gehalte auch die Vergütung inbegriffen, welche für Unterrichtserteilung außerhalb des Wohnorts nach Abzug des notwendigen Aufwandes für Reisekosten bezogen wird. Kier und dort. — Der neulich a» dem jüd. Lehrerseminar i» Berlin stattgehabten Entlassniigsprüfung hatten sich nenn Seminaristen mit Erfolg unterzogen, und zwar: Friedman», Hnrwitz, Jaretzki. Michael, Nakler, Sinison, Spandau, Witebski und Waldmann. Drei Abiturienten haben bereits Anstellung gefunden: Michael in Bendorf, Nakler in Dirfchan, Witebski in Homberg (Nassau.» — Herr Dr. E hod o w ski -Oels ist zum Rabbiner der Gemeinde Prenst-Stargard gewählt worden. Ferner find versetzt: Herr M. Slodki von Kolmberg nach Ober-Ramsstadt, Herr I. Hamburger von Alzenau nach Ingolstadt. — Herr F. Luch da hl von Alme nach Horn i. W. — Kirchenrat Herz, Rabbiner in Göppingen, der im verflossenen Jahre seinen 80. Geburtstag und damit fein 00 jähriges Ticnstjiibilänm als Rabbiner in Iebenhanfen-Göppingen feierte, wurde in den Ruhestand versetzt. Herrn Oberlehrer und Waisenvater Stern in Eßlingen wurden jungst aus Anlaß seiner silbernen Hochzeit verschiedene Ehrungen und Ovationen entgegcngebracht. Seine Gemeinde überreichte ihm als Zeichen ihrer Hochachtung und Dankbarkeit ein sehr wertvolles Geschenk, und der Ausschluß des israclitschen Lehrervereins, dessen Vorstand Herr Stern seit vielen Jahren ist, sowie der Verivaltnngsausschnß des israelitischen Waisenhauses widmeten ihm Glückwunsch- Adressen. -- Einen hübschen Scherz bringt die Voss. Ztg. in Form eines Berichtes. Darnach soll eine - „Frauenbibel" in England geschaffen werden. Ein einflußretcher Ausschuß von englischen und amerikanischen Damen soll sich an die Arbeit gesetzt haben, die Bibel, die von ‘Männern in selbstsüchtiger Absicht und im Interesse der Männerwelt gefälscht worden, sei tvieder in ihrer richtigen Gestalt herzustellen. Die Umarbeitung des ersten Buches Moses soll beendet sein. Die Hanptfälschnng, die den Männern vorgeworfen »vird, ist natürlich das bekannte: „Und er soll Dein Herr sein", für das unser Frauenkomitö zweifellos bald die richtige Fassung finden »vird. Einstweilen muß man cs schon mit Dank begrüßen, daß die Geschichte des Sündenfalles, »vie sie in der heiligen Schrift enthalten ist, endlich so bearbeitet worden ist, daß die Veranstvortlichkeit für die Vertreibung ans dem Paradiese auf oie richtigen Schultern ge»välzt werden kann. Gewöhnlich mißt man der Naschgier EvaS die Schuld bei, aber diese Beschuldigung ist ebenso ungerecht, »vie »venig »vürdig, will sich doch Adam hinter- Evas Rockschößen — wenn sie solche gehabt hätte verkriechen. — Der Bürgermeister von Wien, Dr. Grübl hat erklärt, daß er angesichts der Parteiverhältnisse seit den letzten antisemitischen Wahlsiegen, sein Amt als Bürgermeister niederlege. Auch der Vizebürgermeister Dr. Richter erklärte, keine Neuwahl mehr anzunehmen, demselben Beispiele »vird auch der zweite Vizebürgermcister folgen. In der ain Dienstag vollzogenen Wahl ist denn auch Dr. Lueger zum ersten Vizepräsidenten gewählt worden, und »vird »vohl in allernächster Zeit zum ersten Bürgermeister gewählt werden. - Das galizische Städtchen Saydusch zeichnet sich seit jeher durch große Judcnfeindlichkeit aus, und so oft dort ein Jude sich niederlassen will, kommt es zu AnSschrcitniigen. Auch dieser Tage »var Saybusch der Schauplatz von Exzessen, als ein jüdischer AdvokatnrSbeamter dort eine Wohnung bezogen hatte. Pöbelhaufen stürmten das Haus, in »velchem der Jude wohnte, und zerstörten dessen EinrichtungSgegenstände. Zur Herstellung der Ruhe »nutzte ‘Militär requiriert werden; eine Anzahl von Personen »vurde verhaftet. — Die „schweizer statistischen Nachrichten" veröffentlichen die Ergebnisse der Volkszählungen vom Jahre 1898, ans welcher ersichtlich ist, daß die Zahl der in der Scknveiz lebenden Inden in jenem Jahre, 8886 betrug. Im Jahre 1850 betrug ihre Zahl 8140. Der Kanton 'Zürich hat die größte Anzahl Juden, 1410 gegen 80 im Jahre 1800. ' z. — Eine „Union Philanthropique Jsraölite" »vurde in Paris ins Leben gerufen, sie »vill verdienstlichen Armen ohne Unterschied des Glaubens hilfreich beistehen. Die Union begann ihre Thätigkeit mit der Eröffnung von Volksküchen, und »vill später auch dafür Sorge tragen, daß arme Kranke kostenlos ärztliche Hilfe und Heilmittel erhalten. 8. — Herr Jsacco Sacerdoti, Besitzer des Palazzo Malipiero in Venedig, »vurde in Anerkennnng seiner Mildherzigkeit und seiner philanthropischen Bestrebungen zum Grasen von Eorobbio ernannt. t. — Zn den jüdischen Helden, »velche für Italien gefochten und Auszeichnungen davongetragen haben, gehört auch der vor einem halben Jahre verstorbene Oberst Giacomo Segre. Geboren in Salnzzo i. I. 1889 absolvierte er seine Studien in Turin und erlangte hier den Doktorgrad als Ingenieur. Aber von glühender Vaterlandsliebe beseelt, trat er in de Reihen der Freiheitskämpfer und »nachte in der Zlrtillcrie, »velche Waffe er gelvählt hatte, sehrrasch Karriere. Im «eptember 1870 kommandierte er ein Artillerieregiment vor Rom und mar einer der Ersten, der durch die Bresche bei der Porta Pia in die eroberte Stadt einziehen konnte. Eine Wunde, »velche er bei diesem .Kampfe erhalte», trug ihm die Tapferkeits-Medaille ein; außerdem erhielt er noch eine ganze Reihe militärischer Auszeichnungen, u. a. wurde er znm Kommandatore des Ordens der italienischen Krone ernannt. Zuletzt erhielt er den Posten eines General-Direktors des Arsenals von Turin und starb als solcher in der Ehiari ain 9. Oktober 1894. Die verstorbene David James, dessen Witwe kürzlich in London starb, hatte bedeutende Sninmen, deren Genuß der Witwe bisher zuftand, für wohlthätige Zwecke hinterlnssen. ‘200,000 Mark

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