Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 14 (5.4.1895)
- Date
- 1895-04-05
- Page
- Seite 222 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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f 4. Ein junger Offizier, der an einem Thore Berlins die Wache hatte, sah einen unansehnlichen verwachsenen Inden ans dem Thore gehen, ohne tl)u weiter zu kennen. Er wollte ihn ein wenig aufziehen, und fragte ihn unter andern: womit er handle, er wolle ihn: etwas abkanfen. Der ungekannte Mann war der gelehrte Mendelssohn. Mit Recht gab er daher zur Antwort: „Womit ich handle, das kaufen Sie doch nicht!" — Run womit handelt Er denn? — „Mit — Verstand." Wochen-(Lhronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Der Beobachter. Die U in st u r z v o r l a g e scheint, infolge einer Schwenkung des Zentrums doch noch zum Reichsgesetz erhoben werden zu sollen. In unserer Eigenschaft als Juden interessiert uns nur ein Paragraph der Vorlage, und zwar der § 166, der in seiner aus der Initiative der Zentrumspartei hervorgegangcuen neuen Fassuug wie folgt lautet: „Wer östeutlich in herabwürdigenden Aeußerungen den Glauben an Gott oder das Ehristentum angreift, oder Gott lästert, oder wer öffentlich eine der christlichen Kirchen oder eine andere mit Korporationsrechten innerhalb des Bundesgebietes bestehende Religionsgesellschast, ihre Lehren, Einrichtungen oder Gebräuche beschiiupst, wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft." - Durch dieseu Paragraphen wäre auch das Judentum geschützt, vorausgesetzt daß nach Annahme der Vorlage dem Begriffe „Rasse" kein so weiter Spielraum eingeräumt werde, wie dies in letzter Zeit geschehen. — Wir hatten bisher geglaubt, die Staatsb.-Ztg. habe einen schlecht getauften Juden in der Redaktion sitzen, der zwar in internen jüdischen Fragen gern flunkert, aber immerhin darin nicht unbewandert ist. Wir sind nun eines Schlochtern belehrt worden durch einen Artikel dieser Zeitung über „Juda'S öffentliches und geheimes Schrifttum". Dieser verdankt seinen Ursprung, einer schlichten Zeitungsnotiz, nach welcher der Talmud-Thora-Schule in Hamburg das Recht Einjährig-Freiwilligen-Zeugniffe auszustclleu, zugesprochen wurde. Darob entrüstet, beinerkt das in judaieis so trefflich unterrichtete Organ: „Das ist eine umso eigentümlichere Erscheinung, als die Seminare bisher ein gleiches Vorrecht nicht genießen und es sich bei der genannten Hamburger Schule doch nur um eine ganz einseitige Ausbildung in der Durchforschung des jüdischen Schrifttums, v o rn ehm lich des Talmud, handelt." — Gerade das Gegenteil ist wahr! Unter dem 'Rainen „Talmud-Thora-Schulen" sind anfangs dieses Jahrhunderts Volksschulen für jüdische Schüler errichtet worden, in denen neben dein Unterricht in allen einschlägigen prosauwissenschaftlichen Fächern auch hebräischer und Religionsunterricht den schulpflichtigen jüd. Kindern erteilt wird. Bis zur Unterweisung im Talmud hat es keine dieser Schulen gebracht, bringen können noch bringen wollen. Aus diesen Schulen wurden später höhere Bürgerllateinlose Real-) Schulen; aus Pietät wurde jedoch der hebräische Raine beibehalten, der übrigens mit dem Schreckgespenst aller Autiseiniten, dein Talmund nichts gemein hat, sondern bedeutet: eine Schule, in der das Stndium („Talmud") der „Thora" tder heil. Schrift) betrieben wird. * * Ein Asyl. Unter diesem Titel schreibt der hier in Paris erscheinende „Gaulois": Wir veröffentlichten gestern ein Telegramm aus Koustautinopel, daß die Pforte entschlossen sei die Insel Eypern, welche England dem Anscheine nach zu besitzen keine Reignng mehr habe, sich wieder abtreten zu lassen, indem der Vorteil, welchen diese Besitzung gewährt, in keinen: Verhältnis steht zu den Opfern, welche sie erfordert. Was nun aus diesem Projekt oder dieser Idee werden wird, steht noch dahin, denn man weiß noch nicht recht, was an der ganzen Sache dran ist. Man hat uns gesagt und wir stehen nicht an zu versichern, daß ein so hervorragender Finanzmann, wie es Baron Hirsch ist, dessen Erfolge in ganz Europa überall bekannt sind, den Wunsch gehabt hätte die Insel Eypern den Engländern abzukaufen, wenn die Pforte und die übrigen Mächte diesen: Vorhaben keinen Widerstand entgegengesetzt hätten. Der Zweck des Ankaufes wäre gewesen die Gründung eines Asyls für seine israelitischen Glaubensgenossen, die aus Rußland und anderen Ländern ausznwandern gezwungen sind. Es würde sich dabei nicht handeln um die Wiederherstellung des Königsreiches Jerusalem, vielmehr imt die Schaffung eines kleinen, unabhängigen, isolierten israelitischen Staates auf dem Wege einer finanziellen Kombination — dieselbe würde darin bestehen, England schadlos zu halten und an die Pforte Tribut zu zahlen —, wo dir Enterbten dieser Religion einen Fleck Erde finden würden und ein Dach über ihrem Haupte, wo sie leben könnten durch die Arbeit ihrer Hände, unterstützt durch Freigiebigkeit eines Mannes, der nicht müde wird Proben seiner großartigen Menschensreundlichkeit zu bethätigen. Bereits früher hat Baron Hirsch im argentinischen Staate eine israelitische 'Riederlassung zu begründen versucht, uud er hat seine Pläne nicht ausgegeben, welche er noch praktischer, unabhängiger zu gestalten wünscht. Mit einem Worte, Eypern würde alsdann ein jüdisches Asyl werden, in: tributären Verhältnis zum türkischen Reiche und unter dem Schutze der Mächte stehend. Zu welcher religiösen und politischen Ueberzeugung man sich auch bekennen möge, so wird man doch nicht verkennen dürfen, wieviel des Uneigennützigen, Menschenfreundlichen 'Nutzbringenden in einer Unternehmung liegt, welche vielleicht auch an einem anderen Orte zur Anwendung gelangen könnte. Die Verwirklichung jener Idee würde mehr als einer politischen Macht Verlegenheit ersparen und Hetzereien, die unserer Zeit nicht würdig sind. Immerhin haben wir es hier mit einer Fortschrittsidee zu thuu, die des uneingeschränkten Lobes würdig ist. -- Was Ernst au dieser Sache ist und was — vielleicht unbeabsichtiger — Scherz, das wird die Zukunft lehren. Gemeinde, Lynagoge und Schnle. * Berliner Nachrichten. Sitzung der Repräsententen- Versammlung am Sonntag, den .41. März. Rach Eröffnung der Sitzung giebt der Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, der Versammlung Kenntnis von zwei Schreiben des Vorstandes. In dem einen teilt derselbe mit den Erwerb von -40 Morgen Terrain zur Erweiterung des Friedhofes in Weißeusee, in dem anderen, daß die Rabbiner Dr. Ungerleider und Dr. Maybaum um Dispensation von der Abhaltung von Jugendgottesdiensten gebeten haben, uud der Vorstand deshalb in Aussicht genommen, geeignete Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums zur Aushilfe heranzuziehen. Punkt 4 der Tagesordnung, betreffend Erneuerung von Mietsverträgen - es handelt sich lim die <r>äle der