Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 11 (15.3.1895)
- Date
- 1895-03-15
- Page
- Seite 177 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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einschließlich 1783 Thlr. 6 SiH'., welche aus den vorher gehenden Sammlungen übrig geblieben waren und hinzugeschlagen wurden, ans 70()0 Mk. Die UnterhaltungS- und VerpslegungSkosten wurden im ersten Jahrzehnt des Bestandes der Anstalt bestritten: 1) aus den sünfprozentigen Zinsen des kleinen Fonds; 2) aus den regelmäßigen Jahresbeiträgen in Memel seßhafter Israeliten; 8) aus dem Ertrage einer sreiwilligen Beisteuer russisch-jüdischer (Geschäftsleute, welche mit der See- und Handelsstadt Memel in Geschäftsverbindung standen und sich verpflichtet hatten, von ihrem Export uitb zwar vom Landtransport Vs> pro Mille und vom Wassertransport 'o pro Mille des Abschlußbetrages zur Unterhaltung des Krankenhauses beitragen zu wollen. Dieser letzgenannte Beitrag bedeutete damals eine recht erhebliche Einnahmequelle, denn die jährlichen Geschäftsabschlüsse dieser Art konnten aus 20 Millionen Mark veranschlagt werden. Das Krankenhaus konnte bestehen und gedeihen und noch über seine vier Wände hinaus durch Gewährung von freier ärztlicher Hülse, freier Medizin und freier Krankenkost sich wirksam und wohlthätig erweisen. Das Krankenhaus gedieh um so mehr, als ein Arzt ohne Gleichen dessen Verwaltung übernahm und in aufopfernder, selbstloser Weise bis zu seinem Fortzuge von Memel leitete. Dr. Alexander Fürst, ein vielbeschästigcr Arzt unserer Stadt, zuletzt auch erster Vorsteher der Synagogen-Gemeinde, verließ Memel im Dezember 1884, uni nach Berlin überzusiedeln. Seine größte Wohlthat, welche er dem Krankenhaus erwiesen hat, dürste jedoch in dem Umstande zu suchen sein, baß er uns zum Arzt und Nachfolger einen Mann empfahl, der uns den Verlust so vollständig nach jeder Richtung und Beziehung hin derart ersetzte, daß auch nicht der geringste Rückstand zu merken war. Seit zehn Jahren ist Dr. Pindikomski Arzt und Leiter der Anstalt und versieht diesen Berus neben seiner ausgedehnten Praxis mit derselben Liebe und Hin-' gebung, Umsicht und Selbstlosigkeit wie sein Vorgänger. Die große Geschäftskrisis der siebziger Jahre, welche ganz besonders dem Handel und Wohlstände unserer Stadt den größten Schaden zusügte, hat auch das Einkommen unseres Krankenhauses derart geschmälert, daß wir uns um Beihilfe von auswärts umthun mußten. Vorzugsweise mußten wir daraus Bedacht nehmen, unseren Krankenhaussonds zu vermehren, um gegen alle dergleichen Vorkommnisse gedeckt zu sein. Das gelang jedoch nur in unzureichender Weise. Im Jahre 1882 wurden wieder große Sammlungen veranstaltet, um die aus Südrußland geflüchteten Glaubensgenossen zu unterstützen und fortznschaffen. Von diesen Sammlungen waren nach Beendigung des Werkes noch einige hunderttausend Mark beim deutschen Centralkomit4 in Berlin zurückgeblieben, die zu Gunsten der russischen Juden, vorzugsweise freilich zu Erziehungszwecken, verwendet werden sollten. Am hiesigen Drte bestand bereits eine Armenimb Waisenschule für russisch-jüdische Kinder mit über 90 Schülern, und völlig ungesichertem Bestände. Nachdem dem Deutschen Centralkomite hiervon Mitteilung gemacht worden war, kam dessen Vorsitzender, Herr Justizrat Mako wer, im Mai 1888 selbst hierher, um die Schulanstalt und gleichzeitig auch das Krankenhaus zu besichtigen, und auf seinen Vorschlag bewilligte das genannte Komit^ 50 000 Mk. als Schulkonds, sowie 500 Mk. für die lausenden Ausgaben und 5000 Mk. für den Fonds des Krankenhauses. Aus den Rat des Hrn. Justizrat Mako wer wandten wir uns an das ähnliche Koinit«-' in Frankfurt a. Ni. und erhielten bald daraus durch dessen Vorsitzenden, Herrn Adolf B. H. Gold s ch m i d t, 4000 Mk. Unser Krankenhaussonds war damit ans 16 000 Nik. angewachsen. Die Einnahmen des Krankenhauses haben der schlechten Geschäftslage und des Niederganges alles Wohlstandes wegen von Jahr zu Jahr sich verringert, die Ausgaben dagegen haben sich vermehrt, da immer größere Anforderungen gestellt und immer mehr Kranke der Anstalt zugesührt wurden. Besonders haben die Ausweisungen und Auswanderungen russischer Juden in den letzten Jahren eine weit stärkere Frequenz des Krankenhauses als bisher herbeigeführt, derart, daß selbst der Fonds angegriffen werden mußte, wovon jetzt nur noch 12 000 Mk. übrig geblieben sind. Nun aber — und das ist das schlimmste bei der Sache — sind der Anstaltsarzt, die Sanitätspolizei, die Verwaltungsbehörden der gleichmäßigen Ansicht, daß das Haus in seiner gegenwärtigen Form und Verfassung gar nicht weiter fortbestehen könne. Zuerst hatte die Hauptversammlung des Grenzkomitvs für die russischen Juden am 26. Dezember 1891 sich mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen. Damals, als der Auswandererstrom zur Hochflut angeschwollen, war an das Konnte ein Schreiben der hiesigen Polizeiverwaltung gelangt, welches die gesundheitspolizeilichen Zustände des Krankenhauses scharf bemängelte und baldige Abhilfe verlangte. Eine Kommission von sieben Mitgliedern wurde gewählt, welche unter Zuziehung von Sachverständigen einen in's Einzelne gehenden Plan zur Ausführung der polizeilichen Anforderungen der Versammlung vorlegen sollte, in der Hoffnung, daß nach diesen Vorarbeiten das Zentral-Komit^ in Berlin die Herstellungskosten bewilligen werde. Herr Landgerichtsrat Meyer, welcher an der Spitze der Kommission stand und sich die Sache sehr angelegen sein ließ, hatte vom hiesigen Stadtbaumeister Werner Plane mit Kostenanschlägen sowohl zum Umbau, als auch zum Neubau entwerfen lassen; allein die Ausführung mußte damals unterbleiben, weil die Geldmittel dazu nicht zu beschaffen waren. In der diese Baupläne begleitenden Denkschrift hatte der Sachverständige gesagt, daß ein Umbau des alten, baufälligen Hauses gar keinen Zweck und Nutzen mit sich führe, daß vielmehr an dessen Stelle ein neues, zweckentsprechendes, den Anforderungen der Gegenwart angemessenes Krankenhaus erbaut werden müsse, zumal der Neubau sich nicht viel teurer stellen würde als der Umbau. Auf Anregung des Arztes unseres Krankenhauses, Herrn Dr. Pindikowski, sowie des Herrn L. Alexander, erster Vorsteher unserer Gemeinde, wurde neuerdings die Angelegenheit wieder ausgenommen. Mehrere Mitglieder unserer Gemeinde traten in gemeinsame Beratung und beschlossen, in Gemeinschaft mit einer Anzahl angesehener Männer von auswärts, besonders von Königsberg und Berlin, welche zur Mitunterzeichnung veranlaßt werden sollten, den bezeichneten Ausruf zu erlassen. Möge derselbe überall geneigtes Gehör finden, überall offenen Herzen und Händen begegnen, denn zur Ausführung des Vorhabens sind bedeutende Geldmittel, mehr als 60,000 Mark, erforderlich. * n Man schreibt uns: Pyritz, den 4. Mürz. Gestern abend gab die jüdische Gemeinde Hierselbst ihrem am 1. April nach Königsberg i. Pr. . übersiedelnden Rabbiner Herrn Dr. Pick ein solennes Abschiedsfest. Der größte Teil der Gemeindemitglieder hatten sich in festlicher Stimmung mit ihren Damen eingesunden. Ein Freudenfest war es für die Ge