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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-15 · 11 (15.3.1895) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
11 (15.3.1895)
Date
1895-03-15
Page
Seite 167 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 11. JescHrrrirn. Seite 167. b) behufs gesetzlicher Regelung des jüdischen S ch u l w e s e n S, e) behufs allge m eine r Durchs ü h r u n g d e r E rsordernis fachmännischer Vorbildung für die Verwendung als Lehrer an Religionsschulen. Das Ziel braucht nicht unbedingt eine Vorbildung als Elementarlehrer zu fordern und schließt auch eine humane Rücksichtnahme und kollegialische Behandlung der bereits im Amt befindlichen Lehrer mit autodidaktischem Können nicht aus, el) für Zwecke der methodischen und jüdischwissenschaftlichen Fortbildung der Lehrer, sowie e) sür die Besserung ihrer sozialen und materiellen Verhältnisse. Es ist nicht zu erwarten, daß durch die vorbereitenden Arbeiten der Delegierten die Wünsche aller Lehrer erfüllt, jede einzelne Ansicht Berücksichtigung erfahren wird. Wir werden am Ende vielleicht ein Werk zustande gebracht sehen, dem das Unfertige, Nnvollkonunene und Eilige noch überall anhaftet. Das ist die Signatur aller Erstlingsarbeiten. Rur eines wollen wir unter keinen Umständen daran vermissen: Den (Keift der Liebe und der Brüderlichkeit, der nichts für sich allein erstrebt, fein höchstes Glück nur in der Förderung der Gefaintheit sieht, und in allem mit dem Worte des Dichters zu uns spricht: „Unsere Arbeit aus den Schanzen, Sie gilt dem allgemeinen Heil. Getrost der Zukunft drum entgegen Gehn wir geschlossen zum Verein, Hub was sie bringt au Glück und Segen, Das soll für alle Lehrer sein." — Die Israelitische Volksküche in Berlin. Von Dr. M a x Baue r.' Vor einigen Tagen brachte der Briefträger nur — wie gewöhnlich — den in diesem Winter etwas allzu anspruchsvollen Morgengruß meiner humanitären Tagesordnung, die üblichen 6 — 8 Schmerzensbriefe der Rot, des Elends, der Krankheiten, der Arbeitslosigkeit mit dem ganzen Gefolge des Fammers, an dem der JndisierentiSmus gar häufig noch kälter vorüberzieht, als dieser Winter es leider gethan. . . . Die besonders drängende und dringende Form eines 'Rotschreies aus der Prinzenallee siel mir auf. Ich kreuzte den Brief an, denn das Portemonnaie hat einen — Boden,.und legte ihn auf eine bevorzugte Ecke des Schreibtisches. Gegen Abend kam ein ebenso edeldenkender, als herzenswarmer Freund, mit mir ernste Fragen der praktischen Humanität zu beraten. Beim Abschied gab ich ihm besagten Brief, mit der Bitte, seine opferbereite Gattin möge die Winterfahrt nach „da draußen" wagen und die 'Rot sechs halberfrorener und hungernder Kinder prüfen. Der Mann mit dem warmen Herzen nickte und ging - es giebt noch solche Menschen, wenn i'u1 auch selten sind! — direkt von mir durch Schnee uufr Rächt an die llnheilstätte. Er fand, prüfend und forschend, gute, unverdient unglückliche, beispiellos arme Leute, der 'Rann ohne Arbeit, die Kinder hungrig unb krank, mit einem Worte das ganze Elend des 'Rordoftens der Residenz. Wozu soll ich es schildernd Etwa um Mitgefühl zu erweckenRein. Zch will dieselbe Absicht ans einem anderen, dem Leser und mir selbst sympathischeren Wege erreichen, - darum kurz zur Sache. Am anderen Morgen hatte ich bereits den sreundwilligen Bericht. Um 10 Uhr hatte die Mutter schon fünf Mark und eine Karte im Hanse, wonach sie sich in der von Herrn Herrmann Abraham gegründeten Israelitischen Volksküche mit dessen Genehmigung Essen für ihre sechs Kinder (— nur eine Mutter hungernder Kinder weiß und begreift, was das sagen will!) auf 4 Wochen holen lasten dürfe. — Auf meine anspruchslose Visitenkarte hin hatte Hr. Abraham diese Erlaubnis gegeben. Das humanitäre Entgegenkommen hatte mir imponiert, denn ich habe als ein alter Standartenträger des „Roten Kreuzes"*) in Reih' und Glied zwischen der wahren Barmherzigkeit, die ebenso selbstlos, wie konfessionslos ist, und der ostensiblen „Mache", die bei aller Bravheit doch zuweilen ein wenig das geliebte „Ich" dramatisch in Szene zu setzen weiß, ziemlich genau zu unterscheiden gelernt. Ich gehöre zu den unbequemen „kundigen Thebanern" der unverfälschten praktischen Milde und Hilfsbereitschaft, die nicht in Lackstiesetn und Glacshandschuhen, sondern kritisch mit Feuerheerd steht — sowohl hier am Küchenheerde, als draußen im Bivouak am Kantinenkessel — und in die Töpfe guckt — zuweilen auch in die Herzen. ^. Solche Topfgucker sind nicht immer angenehm, denn sie spüren manchmal heraus, daß auch die Herzen-hermetisch verschlossene Deckel haben. ... Ich bat um Erlaubnis, eine Mittagstunde in der mir bis dahin total unbekannten Volksküche verweilen zu dürfen. Sie wurde nicht nur erteilt, sondern Frau und Herr Abraham empfingen und belehrten mich mit einer so zum Herzen sprechenden Liebenswürdigkeit, daß ich eine Stunde befriedigenden, ja beglückenden Gefühls erlebte, die mich einmal ausnahmsweise wieder aus dem nüchternen Getriebe dieses abhetzenden, atemlosen Kampfes der schroffen Gegensätze aufwärts trug zu jenen lichten Höhen meiner Ideale, in denen man nicht Christen, nicht Juden, sondern nur Menschen kennt, Menschen mit guten, opferfreudigen Gesinnungen, und die Akkorde reiner Harmonieen in der Mozartschen Hymne zusarnmenströinen: „Wen solche Lehren nicht ersren'n. Verdienet nicht, ein N len sch zu sein!" Da man mir den praktischen, festen und haltbaren Stab in die Hand gab, zu solchen Höhen aufzusteigen, so will ich auch nitr praktischen Sinnes über meine Herzens-Erholungsstunde in der Israelitischen Volksküche quittieren. Das Hermann Abraham'sche Ehepaar ist der intellektuelle Urheber, der Geist, das Herz und die Hand eines in der sormvollendetsten Tragweite des Wortes und seiner Bedeutung humanitären Unternehmens. Hier klügeln und debattieren nicht zehn wohlweise Eomitös mit allen möglichen und unmöglichen „Wenns" und „Abers", sondern die Praxis eines vorurteilsfreien und erfahrenen Kopfes und Herzens kaust zunächst ein, — billig ein. Etwa fünfzig bis sechzig Damen schenken der Israelitischen Volksküche ihre Gunst und ihre persönliche Arbeit in geregelten Stunden. Die Einrichtung ist die bekannte — alles sauber, überlegt und sorglich praktisch, einladend und anheimelnd. Die Leute treten — täglich etwa 1200 Menschen — ein, geben die ihnen durch die Verwaltung der Anstalt oder durch wohlthätige Familien, Armenvorsteher u. a. m. gewordenen Speise-Berechtigungskarten ab, oder zahlen IO Pfennige und .,*) Ter Herr Verfasser ist Nichtjude, seines Zeichens Rittergutsdesiper, Vorstandsmitglied des „Vaterländischen Franenvereins" und Begründer und Leiter der Zeitschrift für Sanitäts - Pflege, Rellungs-, Armen- und Krankenwesen „Das Rote Kreuz." Red.

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