Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 10 (8.3.1895)
- Date
- 1895-03-08
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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9Jr. 10. JescHurun. Seite 151. weisen. Das wäre von seinem Standpunkte etwa dasselbe Beginnen, wie wenn ein Philosoph bei Darstellung ^seines Oiedankensystenls zunächst beweisen wollte, das; der Stuhl, aus dein er bei der Arbeit sitzt, auch wirklich vorhanden ist. Diese Seelenverfassung war den Weisen des Talmuds nicht unbekannt, sie wird in ihrer Sprache mit »f" heilige Begeisterung bezeichnet. Sie bildet die edelste Blüte des höchsten, unablässigen StrebenS nach religiös-sittlicher Vollendung. So lehrt Rabbi Pinehas ben Jair: Die Thora führt zur Achtsamkeit, Achtsamkeit zum Eifer, Eifer zur Reinheit, Reinheit zur Enthaltsamkeit, Enthaltsamkeit zur Lauterkeit, Lauterkeit zur Heiligkeit, Heiligkeit zur Demut, Demut zur Sündenscheu, Sündenscheu zur innerlichen Heiligung, Heiligung zur heiligen Begeisterung. (Aboda Sara 20b). — Mose nun hatte die geistige Stufenleiter dieser selischen Läuterung durchgemacht und wiegte sich aus seinem Höhepunkt als er in der Wüste bei leinen Heerden weilte. Die Dualen seiner Stammesgenossen, seiner Brüder, bilden den einzigen zehrenden Schmerz, für den er empfänglich ist, weil er zugleich eine Vernichtung des Heiligtums seiner Seele bedeutet. So spiegelt ihm die innere Erregung ihren traurigen Zustand stets vor das geistige Auge, sein Sinnen gewinnt feste Gestalt. Der Dornbusch ist für ihr: sein Volk und das Fetter, das an ihn; zehrt, ohne ihn verzehren zu können, sind die Qualen, die Egyptens Ruchlosigkeit ersinnt, um es zu vernichten und denen zum Trotz es sich immer noch erhält. Hier in der lodernden Glut seiner Empfindungen ergreift ihn der Geist Gottes. Der Engel Gottes erscheint ihm als slantmendc Feuererscheinung mitten aus dem Dornbüsche. Mose, davon ergriffen, will nicht hintreten, wie wenn man etwas Fernliegendes betrachten will, sondern zurückweichen, wie wenn inan das, was bei ihm selbst ist, genall anseheu will. Run ergeht der Ruf Gottes an ihn: „Ziehe die Schuhe von Deinen Füßen, denn der Qrt, auf dem du stehest, ist ein heiliger Boden," — (das. V 5) streife noch die letzte Fessel, die als leibliche Persönlichkeit dir Schranken setzt, ab und werde mit ganzer, glühender Hingebung das Werkzeug des Gottesgeisies. Wenn sich nun Mose schon vor seiner Berufung als eine edle Erscheinung zeigt, welche bereits damals Jahrtausende um Haupteslänge überragte, so drängt dies zur Frage: aus welchem Boden hat seine Seele solch edele Säfte geschöpft und sie zu diesem kostbaren Gehalt verarbeitet. Es ist nunzweifelhaft, daß die Hingebung seiner Mutter, die ihr ganzes Leben für die Erhaltung des Kindes einsetzte, nur dies konilte erwirkt haben. ES ist ein hervorstehendes Merkmal nicht nur bei rohen, sondern auch bei kultivierten Völkern, welche mit harten, schwierigen Bedingungen des Unterhalts zu ringeil haben, daß sie das Leben ihrer Kinder mißachten, dieselben aussetzen, oder gar mit eigener Hand hininorden. (Wer Rüheretz darüber erfahren will, lese Döllingers „Judentum und Heidentum.") Wie erhaben erscheint dem gegenüber das unter Sklavensesseln keuchende Israel in Egypten, welches durch eine derartige Maßregel Pharaos, der andere an ihrer Stelle aus eigenenl Alltrieb lüilgsi vorgegriffen hätten, bis ins Herz hinein tief getroffen wird. Wie nun erst verklärt sich die Gestalt von Moses Mutter! Wenn jedes Volk auf feine Großen stolz ist und damit die Ueberzeugung ausdrückt, daß die Anregung zu diesem Streben nach inenschlicher Vollendung nur entstehen konnte, weil die ungeteilte Volksstimmung dies als das Höchste und Teuerste anerkennt, dürfen wir alsdann nicht auf unfern Mose lind erst zuletzt aus unsere Vorfahren in Egypten, atttz deren Mitte er hervorging, stolz fein? — Allein was für alle gilt, das dürfen wir als Juden noch lange nicht geltend machen. Man hat und will für uns nicht blotz Ausnahmegesetze — nein auch eine Ausnahmelogik machen. Auf dem Standpunkte steht nicht blos der Pöbel innerhalb der Ration, davon können auch ihre Edellt oft llicht ausgenommen werden. Schiller ist gewiß einer jener erlauchten Geister, von denen man nur edle und wahre Urteile zu hören gewöhnt ist. Kommt er jedoch aus Juden zu sprechen, dann hören auch bei ihm jene Quellen zll sprudeln auf. „Die Unwürdigkeit unb Verworfenheit der Nation kann das erhabene Verdienst ihres Gesetzgebers nicht vertilgen und eben so wenig ben großen Einfluß vernichten, den diese Nation mit Recht in der Weltgeschichte behauptet. Als ein unreines und gemeines Gefäß, worin aber etwas sehr Kostbares ausbewahrt worden, müssen wir sie schätzen; wir müssen in ihr den Kanal verehren, den, so unrein er auch war, die Vorsicht erwählt, um das edelste aller Güter, die Wahrheit zuzuführen." (Schiller „Sendung Moses.") Ohne aus den thatsächlichen Inhalt dieser Auslassungen, denen der sonst so elegante und gewählte Klassiker kein schöneres Zierat als „unrein und gemein" u. dgl. mehr Höflichkeiten schier in unerschöpflicher Fülle mitgeben konnte, und ohne auch nur mit dem Ansinnen hervortreten zu wollen, daß solchen Ungeheuerlichkeiten doch mindestens noch der Beweis zu geben war, kann man doch die eine Frage nicht unterdrücken: Klingt es nicht geradezu widersinnig, eine Vorsicht anzuerkennen und ihr in demselbem Atemzuge das Blödsinnigste alles Blödsinns anzudichten: daß sie den „so unreinen Kanal" gerade auswählen werde, um uns das edelste aller Güter, die Wahrheit, zuzuführen?! — Würde sich denn nur Schiller, den wir doch jedenfalls als minder weise denn die Vorsehung zu halten das Recht haben, würde Schiller sich dazu verstehen gerade die größte Verkehrtheit anzusühren, um darin seine Weisheit darzulegen? Oder hat sich etwa Schiller selbst als einen solch unreinen und mit seinen eigenen Worten noch weiter zu vagierenden Kanal betrachtet, diewiel die Vorsehung ihn ebenfalls erkoren, der Welt recht viel Schönes und Wahres zu sagen? Doch Schiller hat recht und wird es auch jedenfalls behaupten, denn für Juden gilt eben kein Recht — auch keine Logik. Unsere gebildeten Glaubensgenossen, die sich so gern an Rockschöße knöpfen, von welchen man sie mindestens mit gleich zärtlichen Neigungen abschütteln möchte, lassen sich so gern von der angenehmen Täuschung beschwichtigen, daß die Aufgeklärten int Volke die Vorurteile gegen uns überwunden haben. O, ivollten sie doch sich über diese Selbsttäuschung erheben! Um ihre Meinung zu widerlegen, braucht man nicht erst aus Schiller zurück zu gehen. Die Gegenwart bietet sie in so überreicher Fülle. Jene der Bildung ihrer Kinder beftissenen Eltern, die es sich zur Rot gefallen ließen, wenn diese mit dem niedrigsten Pöbel umgingen, flößen ihren Sprößlingen vor der Berührung mit jüdischen Kindern, sei es auch nur auf der Schulbank, ein Entsetzen ein, als wären sie mit der Pestilenz behaftet. Wenn israelitische Eltern sich selbst so wenig achten, um nicht mit der kräfligsten Empörung sich dem 51t widersetzen; wenn sie nicht den Mut haben, durch kräftige Gegenmaßregeln sich gegen derartige Rieder-