Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-03-08 · 10 (8.3.1895) · p. Seite 150

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
10 (8.3.1895)
Date
1895-03-08
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608429--0271-9608435
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 150. JescHurun. Nr. 10. Vergötterung. Die jüdische Legende nimmt ihn auch nicht ernst, züchtigt ihn durch Spott, jedoch nicht durch Bermünschungcn, und dichtet ihm viele Züge an, um ihn dem Gelächter preiszugeben. So wird z. B. erzählt, daß er vor seiner Standescrhöhung Bader und Friseur war und daß er von seinem früheren Atelier Gebrauch machen mußte, als ihm der König befahl, dessen Feind in: königlichen Anzuge und hoch zu Roß zun: Ergötzen der Straßenjugend Susa's durch die Residenz zu geleiten. Die einzige Revanche, welche die Juden an Haman nehmen, bestand darin, daß in der Synagoge am Purin:- feste bei der Nennung seines vollen Namens aufgeschlagen, geklopft und gelärmt wurde, und zwar in so betäubender Weise, daß der Lärn: auch außerhalb der Synagoge gehört wurde. Dieses Haman-Klopfen hat Aehnlichkeit mit dem Scharren und Stampfen der akadernischen Bürger, wenn ihnen etwas an einen: öffentlichen Redner nicht gefällt. Haman ist also ein Beweis, daß die Juden nichts weniger als rachsüchtig sind und daß sie nicht „dreinhauen", um ihren Rachedurst zu befriedigen, sondern ein „Pereat“ in der verständlichen Sprache von Schlagen und Klopfen ausbringen. — In unserer Zeit wird dieses Haman-Klopfen in den Synagogen nicht mehr gestattet. Kein Lärm betäubt mehr das Ohr, wenn der 'Name Haman's genant wird, und so hat die fortgeschrittene Zivilisation die letzten Spuren der jüdischen Revanche an Haman verwischt. Ueberhaupt hat das Purimfest, in welchem Haman eine Hauptrolle spielt, viel verloren. Keine Bälle, keine Soupers, kein Promt für Mordechai, kein Pereat für Haman, keine Geschenke an Freunde und Gemeindebeainte, keine Masken, welche scherzend die Wahrheit sagen. Der Fasching hat das Purimsest, Weihnachten die Chanukafeier verdrängt, besonders in großen Städten. Wenn nicht der Antisemitismus in Berlin sein Haupt erhoben hätte, wäre Haman bald der Vergessenheit anheimgefallen! Die Herren Antiseiniten haben daher von den Inden nichts zn fürchten. Sobald sie ihre boshaften Gesinnungen ändern oder sich allgemein lächerlich machen werden, wird ihnen alles vergessen und vergeben sein. Kein Scharren und kein Stampfen wird die Harmonie zwischen Semiten und den edlen Stammesgenossen Stöckers stören. Unser Sprichwort - das muß noch bervorgehoben werden — hat einen ironischen Anstrich. Es will nämlich aussagen, daß die Schläge nicht ernst gemeint und und nicht wehe thun, gleich denjenigen, von denen Hanmn an: Purilnfeste in den Synagogen getroffen wird. Um dies auszurücken, bedurften die edlen Kosaken in der Ukraine eines jüdischen Beispiels. Denn ihre eigenen nationalen Schläge waren tätlich, wie Tausende und Tausende ans den: Gebiete der Ukraine erinordeter Juden es bezeugen. . . Die proDtik. (Schluß). Bon Rabbiner Tr. Daniel Jink, Zwittau (Möhren.) Für nüchterne Menschen, die sich über die heiligsten Angelegenheiten ihres Lebens mit den bohlen Redensartei: von Glauben und Vertrauen auf C'lott absinden, ist es unendlich schwer, ein Gedankengefüge, wie es sich ans dem Grunde einer solchen Kraft erhebt, zu überschauen oder gar zu ergründen. Für einen solchen Geist ist die ganze Sinnenwelt gleichsam aus ihren Angeln gehoben. Was im Innern als Gotteswillen lebt, das erschaut er zugleich als das unabänderliche Gesetz, das die Außenwelt beherrscht, von den: es kein Abweichen giebt. Alles, was anderen Menschen kostbar ist, verschwindet, von dort aus gesehen, in ein unsagbares Nichts, weil der einzige Maßstab für die Beurteilung feines Wertes — die Bedeutung für die Erhaltung der eigenen Persönlichkeit — eben nicht vorhanden ist. Von hier aus sieht der Prophet den Wandel feiner bedeutfamsten Geschicke wie ein Unbeteiligter nüt der Bewunderung an, die Gottes Fügungen erwecken, wenn sie faßbar in die Erscheinung treten. Hier bedeutet Leben ein Traun:, Tod nur einen Schlaf und die einzige Wirklichkeit und Wahrheit nur bei Gott. 'Nun ist Gott nicht mehr ein Gegenstand, über den n:an verhandeln, geteilter Meinung sein, bestiminte Ansichten und Ueberzeugungen haben kann — nein, er ist die einzige durchdringendste Gewißheit. Sein Wirken ergreift den Propheten eben so unmittelbar und heftig wie das Pochen des eigenen Herzens, die Wallungen der eigenen Pulse. Ein störender Eingriff in jenen heiligen Willen wie einen Erftickungsanfall, der das Leben vernichtend angreift und den er nüt der empörten Gewalt aller Leibeskräfte, die sich selbst zu überbieten suchen, abwendet. Eine solche Betrachtungsweise ist zwar von der üblichen und allgemeinen grundverschieden, nichtsdestoweniger kann ihre Möglichkeit bezweifelt und ihr thatjächliches Vorkynunen bei allen Propheten bestritten werden. Wer irgend eine Fähigkeit in der eigenen Seele nicht wahrnimmt, ist dar::::: noch lange nicht berechtigt, ihre Möglichkeit überhaupt zu leugnen. Die Kräfte der Seele erschöpfen sich nicht, wie inan allgemein annimmt, nüt dem Beherrschen der Sinne und dem Vollbringen der allen geläufigen Geistesthütigkeit. Sie hat noch besondere, geheiine Register, die zu ziehen allerdings nur bevorzugten Geistern vergönnt ist. Der Komponist von Beruf hat im Vergleich nüt einen: durchaus unmusikalischen Menschen ein besonderes Seelenverinögen voraus, eine Wahrnehinung, die kein Mensch bestreiten wird. Hört jener in einen: Tone nur den seelenlosen Schall einer schwingenden Masse, so erschließt dieselbe sinnliche Erregung diesem ein Empfindungselen:ent von besonderem Gehalt. Ihre Gesamtheit bildet für ihn eine so gefügige, ausdrucksvolle und leichtbewegliche Sprache, die zur Darstellung von solch feinsinnigen Gedankengeweben befähigt, welche durch die Mittel der inartikulierten Lauten sich darstellenden Sprachen nimmer zu fassen, noch auszudrücken sind. In gleicher -Weise hat der Dichter von Beruf eine ausgeprägte Fähigkeit in seiner Seele wohnen, un: das Empsindungselement in jedem Sprachgebilde zu erlauschen, das für den nüchternen Menschen nur oie trockene Bezeichnung für eine Sache ist. Die poetische Darstellung im ureigentlichen Sinne ist demnach keine Sprache in Begriffen/vielinehr eine solche in Empfindungen, deren Ausdruck die gewöhnliche Sprache nur beiläufig, man möchte fast sagen als Obertöne bietet, und die der Dichter als Mittel für den Ausdruck seiner Gedankengebilde ergreift. So ist auch die Besonderheit der prophetischen Begabung in der nrkräftigen, die ganze Persönlichkeit überwältigenden Gottesfchau zu suchen. Daher die auffällige Erscheinung, daß kein Prophet auch nur den Versuch machte, das Dasein Gottes gedanteumüßig aus Gründen abzuleiten und zu be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.