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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-22 · 8 (22.2.1895) · p. Seite 126

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
8 (22.2.1895)
Date
1895-02-22
Page
Seite 126 (sequence 14)
Language
German
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Seite 126. AeftHrrrrrn. Nr. 8. einseitig erfolgte Gründung des Reichsverbandes auf das in schönster Entwicklung stehende jüdische Lehrervereinswesen haben müsse. Ohne den Männern, welche bei der Gründung wie bei der Leitung des Reichsverbandes hervorragend beteiligt sind, andere als die besten Motive unterzuschieben, sei es doch mindestens unerklärlich, daß, während sich die Mitglieder der freien Vereinigung zu ihrer am 26. Dezember d. I. in Beuthen anberaumten Versammlung rücken, einer Anzahl derselben plötzlich am 24. Dezember Einladungen zu einer auf den 27. Dezember in Kattowitz von dein Reichsverbande abzuhaltenden Bezirksversannnlung zugesandt werden, welche schließlich wegen Mangel an Beteiligung abgesagt werden mußte. Am Schluffe seiner Ausführungen legte Dr. Braun der Versammlung eine Resolution zur Beratung vor, welche er zur einstimmigen Annahme empfahl. — Auch die nun folgende Debatte an welcher sich die Kollegen sowohl, wie Rabbiner Dr. Kopfstein - Beruhen beteiligten, bewahrt die strengste Sachlichkeit und die nötige Mäßigung. Unverkennbar standen alle Teilnehmer an der Versammlung in Uebereinstimrnung mit den von Dr. Brann-Breslau geäußerten Anschaungen, und so gelangte die vorgelegte Resolution mit geringen Abänderungen in nachstehendem Wortlaut zu einstimmiger Annahme: „Die VIII. Versammlung der freien Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesiens erklärt sich bereit, die Bestrebungen, einen Einheitsverband der jüdischen Lehrerschaft des Deutschen Reiches herbeizusühren, mit allen Kräften zu unterstützen, aber nur einen solchen Verband, der sich aus den bestehenden lokalen Vereinigungen aufbaut. Die anderweitigen Bestrebungen, die darauf ausgehen, die bestehenden Organisationen zu zersetzen, weist sie als einen unberechtigten Eingriff in die langjährige, stetige und gesunde Entwicklung des jüdischen Lehrervereinswesens mit Entschiedenheit zurück." Nach Erledigung dieses wichtigen Gegenstandes der Tagesordnung hielt Kollege Abraham seinen Vortrag über das Thema: „Jüdische Geschichte in der Volksschule". Da die hochinteressante durchdachte Arbeit aus Wunsch der Versammlung durch Veröffentlichung in den Fachblättern von dem Referenten auch weiteren Kreisen zugänglich gemacht werden sollen, unterlassen wir ein Eingehen auf den Vortrag. An den mit allseitigem Beifall ausgenommenen Vortrag des Kollegen Abraham schloß sich eine kurze Besprechung, welche hauptsächlich die Frage betraf, ob der Unterricht in jüdischer Geschichte auch in niederen Volksschulen in streng chronologischer Reihenfolge zu erteilen sei. Die Versammlung entschied sich dahin, der Unterricht habe überall da eine chronologische Reihenfolge inne zu halten, wo er als ein für sich getrennter Lehrgegenstand behandelt werde. Nach Erledigung dieser wichtigsten Punkte der Tagesordnung vereinigten sich sämtliche Teilnehmer der Versammlung zu einem gemeinschaftlichen Mahle in Beuthner's Hotel und wohnten sodanü dem Abendgottesdienste in der Synagoge bei. Bei Wiedereröffnung der Verhandlungen brachte der Vorsitzende ein Begrüßungstelegramm des Oberkantor Finkelstein in Leipzig zur Verlesung, welcher im vorigen Jahre mit regem Interesse den Verhandlungen der Vereinigung beigewohnt hatte und damals die Seele des gemütlichen Teiles gewesen war. Hierauf kam der letzte Punkt der Tagesordnung zur Erlediguug: „Geschäftliche Anträge und Anregung wichtiger pädagogischer Fragen." Wir heben aus diesem Teile nachstehende wichtige Punkte hervor. Als Ort der nächsten Versammlung, welche wieder am 26. Dezember d. I. stattsinden soll, wird Königshütte bestinunt. Der Vorstand wird ermächtigt, eine außerordentliche Versammlung nach Beuthen einzuberusen, wenn besonders wichtige Angelegenheiten dies erfordern sollten. In den Vorstand der freien Vereinigung werden die Kollegen Bernhard-Tarnowitz und Rosenbaum I.-Beuthen wieder-, Kollege Böhm-Königshüttte neugewählt. Aus der von dem Ausschuß des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes gemährten Beihilfe werden den Teilnehmern an der Versammlung die ihnen entstandenen baren Auslagen voll erstattet; nach Erledigung der für die Vorbereitung der Versammlung notwendig gewordenen Unkosten konnte noch ein kleiner Bestand in das neue Vereinsjahr übernommen werden. Infolge eines aus der Versammlung gestellten Antrages wird der Vorstand beauftragt, für die Tagesordnung der nächstjährigen Versammlung rechtzeitig Sorge zu tragen. In gleicher Weise wird dem Vorsitzenden anheim gestellt, sich mit den Mitgliedern der Vereinigung, welche der heutigen Versammlung nicht beigewohnt haben, persönlich in Verbindung zu setzen, um eine noch stärkere, möglichst allseitige Beteiligung an den Versammlungen herbeizusühren. Die Veröffentlichung eines Berichtes in den politischen Tagesblättern wird nicht gewünscht; dagegen soll ein umfassender Bericht den jüdischen Fachblättern zugestellt werden, welche sich zur Aufnahme bereit erklären und diesen Bericht den Mitgliedern zu Gebote stellen. Der Vorsitzende, welcher die Abfassung des Berichts übernimmt, wird ermächtigt, mit den betreffenden Blättern in Verbindung zu treten. Schluß der Verhandlungen 6V2 Uhr. Es folgte ein gemütliches, kollegiales Beisammensein, welchem alle Teilnehmer der Versammlung beiwohnten. Die Worte eines Kollegen beim Auseinandergehen: „Das war eine schöne Chanukkaseier und ein herrlicher Ferientag" sind wohl das beste Zeugnis dafür, daß die freie Vereinigung auch in diesen! Jahre für das jüdische Lehrervereinswesen, für die Fortbildung ihrer Mitglieder 'und für die Kollegialität ihre Schuldigkeit gethan hat. Und nun auf Wiedersehen im kommenden Jahre in Königshütte s. G. w.! Der Vorsitzende der freien Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesens Bernhard. * Hier und Dort. Ahlwardt thut sich jetzt als Geschichtsforscher besonders hervor. Er hat neuerdings die Entdeckung gemacht, daß das römische Recht unter Alexander Severus von einem Juden ausgearbeitet worden sei. Vermutlich besitzt Ahlwardt auch zum Beleg dieser Entdeckung die nötige Zentnerzahl von Aktenstücken. — Das antisemitische Organ für Schlesien, die „Deutsche Ostwacht" in Breslau, die seit ihrem Bestehen überhaupt nur ein kümmerliches Scheindasein gefristet hat, hat ihr Erscheinen eingestellt. — Herr Lehrer G 0 ldstein, der Vorsitzende des Bayrischen Lehrervereins ist von Matzbach nach Heidingsfeld, — Herr Lehrer Metzler von Kronach nach Schwab. Gemünd (wo ist jetzt Herr Adlers) versetzt.-— Der Vater eines jüdischen Knaben in Jelissawetgrad, der sich mehrere Jahre hindurch vergebens bemüht hatte, sein Kind im Gymnasium unterzubringen, weil das bekannte Gesetz die Zahl der jüd. Gymnasialschüler auf 5°/o beschränkt, wandte sich mit einer diesbezüglichen Petition an den Kaiser. Schon nach verhältnißmäßig kurzer Zeit traf die Antwort ein, daß dem Knaben die Aufnahme in ein Gymnasiuni gewährt sei. — Im Gouvernement Wilna wohnen 206244 Juden, sowie 508 Karäer. Während die Zahl der „rabbinischen" Juden trotz aller Ausnahmegesetze immer mehr zunimmt, geht die Seelenzahl der Karäer trotz der Gleichberechtigung fortwährend zurück.

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