Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 94. Aefchrirun. Nr. 6. die Segenswünsche, die Tr. Iellinek iin Tempel gesprochen hatte. Beinahe eine halbe Stunde unterhielt sich der Gesandte mit dem Seelsorger unb es freute ihn diese Konversation umsomehr, da er mit Tr. Iellinek spanisch reden konnte. — Es ist selbstverständlich, daß Tr. Iellinek ob dieses hohen Besuches recht erfreut war und er dankte herzlich dein Herrn Schnitzler. * Hier und dort. Tic Rechtsanwälte TTr. Baich und Hcmnann in Berlin und *u Muftis reiten, die Privatdozenten TTr. Leopold Landau und Immanuel Munk zu Professoren ernannt worden- — Als Nachfolger des cidcsfesten Abgeordneten a- T. Hans Tbomas L e u ß m von den Antisemiten ein Herr Iskraut, der von Eingeweihten als der Nachf. Lenß würdig bezeichnet wird, designiert worden. Um die Stoften der Propaganda im Wahlkreise (Schwege-Schmalkalden zu decken, geht jetzt der Klingelbeutel um. Eine Mark war bis Sonntag bereits gesammelt worden. - Neulich wurde der jüdischen Tiensimagd Thereie Landau im Dienste bei Hru. E. Hosimann in Waldcck eine seltene Ucberraschung zu teil. Ter Amtmann überreichte ihr im Beisein ihrer Herrschaft, für eine 4L jährige, treue Ticnstzeit ein Geschenk der staiierin. TaS Geschenk besteht in einer goldenen Brosche mit der Aufschrift »Für treu geleistete Tiem'te", darüber die königliche .^irone. Tie Strafkammer in Altona verurteilte den bekannten Nadauantisemitcn, Vcrsicherungsdirektor (Ktrl Woln wegen zahlreicher Kantionsichwindelcien zu vier Jahren Zuchthaus. — In Wien herrscht große Aufregung wegen des ftcgclhaften Benehmens der Antisemiten in der kommunalen und der Polksvcrtrctnng. Es zirkuliert ein Ausruf an die Bürger, der die Wahl solcher Männer für die Zukunst verhindern möchte. - Gin Wunderkind, der kleine Geiger „Bronislaw" . . . aus Polen hat die Wiener in Entzücken versetzt. Ter Junge soll etwas sein, was »noch nie dagcwesen ist". — Am 8. Jan. hat die »Gesellschaft zur Beförderung von Aufklärung unter den russischen Juden" die Generalversammlung abgehalten. Aus Antrag des korrespondierenden Mitgliedes und Schriftstellers Tr. Salomon Skomarowskn ans Shitomir (Wollynien) wurde der gefeierte hebräische Dichter A. B. Gottlober anläßlich seines 8.',jährigen Geburtsfcftcs am 18. Debet zum Ehrenmitglied der Gesellschaft ernannt. Auf Vorschlag des Antragstellers hat die Gesellschaft an den Jubilar ein warmes Gratulationstelegramm abgeiendet. — Ter zu Ende des vorigen Jahres in San Francisko verstorbene »Bonanza-ttönig" Senator James G. Fair hat 50 <KH> Dollar den katholischen, ebenso viel den evangelischen und 25 000 Toll, den jüdischen Waisenhäusern seiner Vaterstadt vermacht. Tie sich mehrenden Zuwendungen von Christen an jüdische Institute beweise», daß trotz mancher Vorurteile unb Feindseligkeiten das Verhältnis der verschiedenen Konfessionen sich in Amerika freundlicher gestaltet. — Tic jüdische Journalistik in Amerika zeitigt merkwürdige Früchte. So passiert dem »Hcbrcw Tbserver" von (5lcveland neulich folgender Satz: »Es ist das »tennzcichen einer wirklich geheiligten Seele, daß sie die Gabe besitzt, mitten in dem Gedränge irdischer Tinge zu rasten und sich im Gebete dem Herzen Ieiu zu nähern". Tie »Iewish Ncview", die in derselben Stadt erscheint, macht sich mit Recht darüber lustig, aber doch leistet dasselbe Blatt einen Schnitzer, der nicht viel besser ist. Ter Bürgermeister von Elevcland hat sich gegen die dortige »Good Eitizcns' League" ausgesprochen weil diese die Lehren Ieiu als das leitende Prinzip in der Erfüllung der Bürgerpflichten ausgestellt hat. Während nun der Mauor darin eine Beleidigung der Juden sieht, verteidigt es der Redakteur, weil die Lehren Jesu, wenn befolgt, die Menschheit glücklich machen würden. Lsse Vlättev. * Cftitr schlaue Antwort. 'Während eines strengen Winters vor einigen Jahren fanden einige Leute aus Neusten (in Ungarn) in der Nähe des Torfes einen erfrorenen Mann. Ter Pfarrer, ein leutseliger Mann, liest den Erfrorenen aus dem evangelischen Friedhöfe begraben. 'Nach einiger Zeit stellte es sich heraus, daß der Begrabene ein Jude war. 'Ihm äußerten die Bauern laut ihre Unzufriedenheit darüber, daß ihr Pfarrer einen Juden auf ihrem Friedhöfe hatte bestatten lasten. Nach längeren Beratungen drängten die Kirchenväter und (Geschworenen dazu, vom Pfarrer die Entfernung dev Juden vom Friedhof zu verlangen; diese kamen zum Pfarrer und der älteste Kirchenvater sprach: „'Wohlehrwürdiger Herr Pfarrer, die Gemeinde möchte recht schön bitten, den erfrorenen Juden in unserem Friedhose altSzugraben, denn er glaubt ja nicht an das Evangelium unb an die Auferstehung", — worauf der Pfarrer erwiderte: „Itir guten Leute, gerade darum, weil der Jude nicht glaubt an das Evangelium und an die Auferstehung, will ich Euch raten, lastet den Juden zufrieden, denn am jüngsten Tage, tvenn der Erzengel Gabriel in die Posaune bläst, steheil wir aus und lassen den Juden aus dem Friedhöfe liegen". Tie Neustener gaben' sichUt denl erhalteilen Rat zufrieden und so wurde diese „Judensrage" ohne weitere Folgen auf friedlichem Wege gelöst. * Die Jugend. Ehemals war die Jugend die Zeit der Begeisterung, des frischen Enthusiasmus, der raschen Glut für alles Schöne und Edle! . . . Ist sie dies noch? Ungern schmähen wir aus die Gegenwart — denn es ist dies gar zu oft Zeichen des hcrangenahten Alters . . . Aber sehen wir uns jetzt um, so gewahren wir in der Jugend — den Geist der Selbstsucht, des schnöden Egoismus! Teils sprechen sie ihn geradezu als Prinzip aus — Ideen feien nichts, Leben für Ideen nichts, Tpfcr für Ideen Thorheit - teils verkünden ihre Handlungen, ihr ganzes Gebahren solche Grundsätze! Zwar ist die innere Natur des Menschen bester als die Art, wie er sich ausspricht — oft nur um groß zu thun, zu imponieren — aber was man oft und mit Nachdruck ausspricht, wird zuletzt zur zweiten Natur. Zwar kehrt der geprüfte und lcbenserfahrene Mensch auch von solchen Ansichten zurück, er weiß, daß der Mensch des Egoismus niemals bar wird, daß er aber doch nur von Ideen lebt, und wo das Leben der Idee ledig und beraubt ist, nur ein leeres, ödes Nichts übrig bleibt — — Aber wo bleibt untcrdeß die Frische der Jugend, wenn sic von solcher altklugen Weisheit durchnüchtert ist, wo ihre Tbatkraft, ihre Tpfcrwilligkeil, ihre schaffende Kraft? ... O, machet nur den „Vorteil", den „Nutzen für sich selbst" zu Eurem Gotte — Ihr bereitet Euch selbst dadurch den größten 'Nachteil und Schaden — denn nur die Flamme edler Begeisterung durchglühet die Kraft des Menschen, daß er Großes schaffe, Tüchtiges leiste — für das ganze Leben, und nur dieses findet hinwiederunt Lohn in sich und bei anderen!