Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-11-30 · 48 (30.11.1900) · p. Seite 752

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
Seite 752 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607608--7951-9607612
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 752. Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. um frei ausgehen zu können; wir lassen uns aber alle Betrügereien gefallen, statt den Stock zu nehmen und die Gesellschaft fortzujagen. Die Juden sind unser Unglück, denn sie sind verfluchte Lümmel und müssen deshalb fort. So wie wir 1870 die Franzosen verwalkt haben, so müssen wir auch gegen die Juden verfahren und den frechen Lümmels Hiebe applizieren, wo und wann wir sie treffen. Seine Gastrolle in Dresden schloß der Dreschgraf mit seinem gewöhnlichen Refrain: Ich kann Ihnen nur raten: Nehmen Sie einen Knüppel und dreschen Sie los, dreschen Sie acht Tage oder noch länger, dann wird es besser werden. Die Pückler'schen Rohheiten wurden mit lautem BeifallSgejohle von den „Reformern" begleitet, und weder der am Vorstandstisch sitzende Abgeordnete Bindewald, noch der „Wacht"-Direktor Zimmermann hatten etwas einzuwenden. Der Vorsitzende Rechtsanwalt Dr. Häkel erstattete dem Vortragenden vielmehr seinen ganz besondern Dank für die Darlegung seiner charakteristischen Kampsesweise. Warum sollte in Dresden verboten sein, was in Berlin gestattet ist? Auch in Dresden wird ein Polizeioffiziant in stolzer Selbsteinschätzung gefunden haben, daß die Zuhörerschaft ein „feines" Publikum gewesen, das nicht daran dachte, den dreschgräflichen Aufforderungen buchstäblich nachzukommen. -r- * * (Die Lüge mit einem Wahrzeichen.) In der Morgenausgabe von Sonntag, den 25. November, die am 24. November im Satz fertiggestellt sein muß, veröffentlicht ein Berliner Antisemitenblatt eine aus Zempelburg vom 25. November datierte Korrespondenz. Das ist kein Druckfehler. Solche Datumsverschiebung, die das Kennzeichen dürftiger Blätter ist, findet sich in jener Zeitung häufig, und wenn sie auf Zufälligkeit beruhte, so müßte sie doch nicht regelmäßig in Vordatierung, sondern ab und zu auch in einer Nachdatierung sich zeigen. Die Antisemitenblätter können nicht anders, sie sind einmal unheilbar wahrheitsscheu. Sie müssen lügen, sogar wenn selbst ihre beschränktesten Leser die Unwahrheit zu erkennen gezwungen sind. — Die durch solche Datumsfälschung von vornherein hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit gekennzeichnete, mit einer Originalmarke versehene Zempelburger Korrespondenz lautet wörtlich: „Mit Spannung sah man hier der Wahl eines Kreistagsabgeordneten entgegen. Echt deutsche Männer glaubten nicht, daß der Jude Moritz Brasch wiedergewählt werden würde. Man traute den christlichen Magistratsmitgliedern und Stadtverordneten wenigstens soviel Ehrgefühl zu, daß sie nicht einem Juden ihre Stimme geben würden, der vor ca. 4 Jahren gesagt hat: „Ich kaufe mir jeden christlichen Stadtverordneten für 5 Dittchen (50 Pf.)". Diese Aeußerung ist vor Gericht eidlich bewiesen. Die Gesinnung dieses Juden wird ferner grell durch die Thatsache beleuchtet, daß er im Frühjahr, als hier einige Hep-Hep-Rufe gehört wurden, den Fortbildungsschülern sofort eigenmächtig eine strafende Rede hielt. Trotz dieser Vorkommnisse ist dieser Jude mit 15 Stimmen, worunter acht christliche, gegen 6 Stimmen wiedergewählt worden. Angesichts dieser Wahl muß jedem christlich deutschen Mann die Schamröte ins Gesicht getrieben werden, sofern er sein Ehrgefühl noch nicht verloren hat. Um kleiner Vorteile willen, die man von der Gunst des hier Allgewaltigen erhofft, ist alles vergeben und vergessen. Der Tanz ums goldene KalbM's wieder einmal, der diesen Kniefall vor Juda verursacht hat. Armes Zempelburg, was sind hier für Zustände! Doch mögen die Zempelburger Bürger bei dieser Gelegenheit an das Wort des Dichters erinnert sein: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr allesetzt an ihre Ehre", und an das Sprichwort: „Ehre verloren, alles verloren!" Möchten doch hochherzige deutsche Männer dahin streben, daß in unserer Stadt gelernt wird, christlich und deutsch zu denken, zu fühlen und zu handeln." Daß Herr Brasch die ihm hier nachgesagte Aeußerung gethan habe, glauben wir natürlich nicht. Wir würden es nicht glauben, auch wenn ein Antisemit es vor Gericht beschworen hätte, aber einstweilen ist selbst diese Angabe, die nur von einem Antisemiten bezeugt wird, vollkommen unglaubwürdig. Außerdem scheint Herr Brasch ein wackerer Mann zu sein, dem man unter keinen Umständen so unsinnige und unschickliche Worte zutrauen darf. Daß er aber ein wackerer Mann ist, bekundet wider Willen die antisemitische Gegnerschaft, die ihm zum Vorwurf macht, er habe „eigenmächtig" die Fortbildungsschüler vermahnt, sich an der Rohheit der Hep-Hep-Ruse nicht zu beteiligen. Er hat sich um die Schüler verdient gemacht, indem er sie also vermahnte. Freilich hat er damit nicht im Sinn der feigen antisemitischen Gauner und Hetzer gehandelt, die gern andere zur „Propaganda der That" anstisten, damit sie selbst straflos bleiben, sondern er hat ihnen damit das Konzept verdorben. Seine Wiederwahl zum Kreistagsabgeordneten beweist, daß es den Antisemiten nicht gelungen ist, Zempelburg zu verseuchen, daß die Zempelburger sich aus Seiten des wackeren jüdischen Mitbürgers gestellt haben, gerade weil dieser sich nicht opportunistisch verkroch. Die antisemitische Zempelburger Korrespondenz legt ferner unabsichtlich dar, wie windig es mit dem großsprecherischen Antisemitismus bestellt ist, der das Maul aufreißt, als wollte er die Welt verschlingen, während er reichlich zufrieden ist, wenn seiner hungrigen Gier ein Brocken zugeworfen wird. Die Antisemiten werfen sich in die Brust, damit man sie für stark, sie schreien laut, damit man sie für zahlreich halte. Inderthat haben sie damit erreicht, daß so mancher glaubt, in dieser Tagesfrage bildeten die Juden eine Minderheit, der die Nichtjuden gegenüberständen. Das ist eine von den Antisemiten geschaffene Täuschung. Nicht den Nichtjuden stehen wir Juden in dieser Sache gegenüber, sondern wir Juden im Verein mit allen sittlichen, gebildeten, anständigen Menschen gegenüber dem verbrecherischen und verkommenen Auswurf der Menschheit! Gewiß kann es Vorkommen, daß aus dem Lager der hoffnungslos Verseuchten das Gift sich ansteckend verbreitet. Aber diese Infektion ist heilbar und überwindlich und die Genesenden kehren bald zum Verstand und zur Sittlichkeit zurück. Sogar in Könitz beginnt es zu dämmern, von wo die „Staatsbürgerzeitung" selbst berichtet: „Die Thatsache, daß leider unter uns noch manche „Juden - knechte" weilen, beleuchtet folgender Fall, der von glaubwürdigen Personen uns als notorisch mitgeteilt wird. Sitzen da vorgestern spät abends in einem hiesigen Restaurant vier bekannte Persönlichkeiten — einer von ihnen Stadtverordneter —, die in der Annahme, „unter sich" zu sein, folgendes Gespräch führten: Der Erste: „Es ist unerhört, daß unseren verehrten jüdischen Mitbürgern so etwas (wohl der Mord?) in die Schuhe geschoben wird!" (also es muß ein Christ sein!) — Der Zweite: „Ich habe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.