Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Date
- 1900-09-07
- Page
- Seite 560 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607508--7851-9607512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«>«ut 560. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. elski aber soll Anklage wegen Begünstigung in dem Winterschen Mord erhoben werden. — Das glauben wir nicht, so lange wir nicht die Anklage vor uns sehen. * * * (Boxer und Antisemiten.) Aus Peking meldet das Reutersche Bureau: „Emes der schlimmsten Dinge, die in Peking vorgekommen sind, ist die entsetzliche Entheiligung des Europäerkirchhofs, der sich außerhalb der westlichen Mauer befindet." — Die chinesischen Boxer nähern sich in der That immer mehr dem Niveau unserer Antisemiten. Bet diesen fällt es gar nicht mehr auf, wenn sie die jüdischen Friedhöfe entweihen. Sie sind Hyänen-Naturen mit Rasse-Instinkten, vielmehr: mit Rasse-Einbildungen. * * * (Jüdische Abteilung im russischen Ministerium des Innern.) Im russischen Ministerium des Innern ist, wie die „Nowoje Wremja" meldet, eine jüdische Abteilung errichtet worden, in der alle auf die Juden bezüglichen Angelegenheiten ihre Erledigung finden sollen. Die Juden in Rußland würden mit solcher Einrichtung sehr zufrieden sein. Des Königs Wichten. (Zum Wochenabschnitt. 5. Mos. 17, 15-20.). Von Rabbiner Dr. B. Selig ko witz-Cöthen. Wie sehr die Schrift die königliche Würde hoch und heilig hielt, erhellt daraus, daß sie nicht allein Israels Könige Gesalbte Gottes nennt, sondern auch von den Fürsten anderer Völker, selbst von denen, die gegen Israel feindlich gesinnt waren, mit Ehrerbietung spricht und sie unter die besondere Obhut Gottes stellt; sie sind alle wirkliche, von Gott anerkannte Repräsentanten ihres ganzen Volks und Reichs auf Erden. Ueberall identifiziert gleichsam die Bibel den König mit seinem Volk; König und Volk stehen so sehr in beständiger Wechselwirkung, daß Lohn und Strafe für den Einen auch den Andern, und somit wiederum ihn selbst trifft. Die Liebe und die Ehrfurcht zum König war daher so eng mit der Ueberzeugung verbunden, daß er gleichsam die Seele des ganzen Volks ausmache, daß selbst seine nächste Umgebung sich ohne weiteres in den Tod stürzte, wenn seine Ehre, seine Ruhe es erheischte. Jonathan, voll von Ruhm des großen Sieges zu Michmasch und Ajalon, ist ohne Zaudern und Murren bereit, sich hinrichten zu lassen, blvs weil er unbewußterweise den Bann des Königs, seines eigenen Vaters, gebrochen. Ganz wie der Vater den Kindern den Segen erteilt, indem er seine Hände auf deren Häupter legt, so erteilt der König seinen Segen vor Gott dem ganzen Volk. (Deut. 33.) Aber auch unser aller Vater im Himmel teilt so den Segen über dtt Völker der Erde aus, indem er ihre fürstlichen Häupter mit seiner Glorie und Weisheit erfüllt und gleichsam bedeckt. „Die Herrschaft auf Erden gleicht der Herrschaft im Himmel." Waren Würde und Stellung des Königs so hoch, fast müßte man sagen: so heilig gehalten, so waren aber auch der Bibel nach seine Pflichten desto zahlreicher und umfassender.; W:e prägnant sind die Worte des Gebotes über den König, wenn man sie einzeln betrachtet! „Du kannst einen König über Dich setzen, den der Ewige, Dein Gott, alsdann erwählen wird; Du mußt aber einen von Deinen Brüdern zum König erwählen und darfst keinen Ausländer, der nicht Dein Bruder ist, über Dich setzen. Jedock soll er nicht zu viel Pferde halten ... Er soll auch nicht zu viel Weiber nehmen, damit sein Herz nicht abweiche, er soll auch nicht übermäßig Silber und Gold sammeln. Wenn er auf dem Thron sitzt, soll er sich von dieser Lehre eine Abschrift in einem Buch verfertigen . . . Diese soll er bei sich haben und lebenslang oarin lesen, damit er lerne, den Ewigen, seinen Gott, fürchten . . . Daß sein Herz sich nicht erhebe über seine Brüder . . . Damit er und seine Nachkommen lange bleiben bei der Regierung in Israel." Propheten und Weise haben in der spätern Zeit diese und zahlreiche andere Mahnungen der Art an die Könige gerichtet, wie sie aus dem Leben und den wirklichen Verhältnissen ihrer Zeit sie geschöpft hatten. Mose aber, der Lehrer und Meister, hat in seinem Königsgesetz, so wie er in jedem seiner Gesetze mit erhobenem Blick alle Zeiten und ihre mannigfaltigsten Verhältnisse umspannte, in den wenigen an die Fürsten seines Volks erlassenen Verboten alle Gefahren und Auswüchse der Königsgewalt zusammengefaßt und abzuwenden beabsichtigt. Er zählt die Verirrungen und Sünden nicht auf, vor denen seines Volkes Fürsten ihr Herz zu wahren hatten; nur vier Sätze sind es — und doch hat er in diesen engen Rahmen alles eingespannt, was als nachteilig und unheilsam befunden werden könnte. Diese vier Sätze wollen wir nun einer näheren Prüfung unterziehen. 1) „Du mußt einen von Deinen Brüdern zum König wählen, und darfst keinen Ausländer über Dich setzen." Da der König von dem Gott Israels eingesetzt ist, um das Glück seines Volks zu begründen, so mußte auch das ganze Interesse des Königs an dieses Volk sich knüpfen und ganz in ihm aufgehen. Dazu war es nötig, daß er mit dem Leben der Nation völlig verwebt, daß die zartesten Verhältnisse der ihm anvertrauten Gemeinde, wie Religion, Sitten und Gebräuche, Sprache und Geschichte ihm teuer sein, daß er selbst mit dem Volk leben und fühlen, an seiner Freude und seinem Schmerz teilnehmen mußte; und welche Garantien einer solchen nationalen Treue hätte wohl ein Fürst bieten können, der nicht dem von ihm beherrschten Land und Volk selbst angehörte! Daher erließ die Schrift das Gebot, keinen Fremdling über die Nation zum König zu ernennen. Dem Ausland gegenüber konzentriert der König in sich unwiderstehlich die Kraft seines Volks, und ist in dieser Hinsicht, wie ein Beispiel lautet, einem geschliffenen Brennglas vergleichbar, das die zerstreuten und vereinzelten Sonnenstrahlen zu jener Brennkraft in seinem Brennpunkt vereinigt, die in ihrem ausstrahlenden Glanz das Auge zwingt, von ihr sich abzuwenden, und mit ihrem verzehrenden Feuer die Gegenstände zerstört, die hindernd sich ihr entgegenstellen. 2) Eine Leidenschaft, die leicht aus dem Reichtum des Königs entspringen konnte, ist die unmäßige Liebe zur Pracht. Aristoteles zählte zwar die Prachtliebe unter den menschlichen Tugenden auf; und unstreitig ist der Luxus, wenn er aus dem