Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Date
- 1900-08-10
- Page
- Seite 496 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Serie 496. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32. zu sehen, wer sich dauernd damit beschäftigt, wie der Konkurrent gehemmt, geschätzt^und niedergehalten werden möchte, und wer sich mehr und mehr daran gewöhnt, sein Heil von dieser Schwächung der Konkurrenten, anstatt von der eigenen Kraft zu erhoffen, der muß schließlich schlechter werden. Dies, und daß die schlechten Wirkungen solcher Mittelstandspolitik im Mittelstand bereits vielfach bemerkbar würden, habe ich im Herrenhaus ausgeführt, indem ich insbesondere erwähnte, daß unter' dem Einfluß dieser Agitatition minderwertige Leute einen Einfluß im Mittelstand gewännen, den sie sonst nicht erlangt haben würden." Die „Israelitische Wochenschrift" rechnet es sich zum Verdienst, daß sie die Bender'sche Rede vom 6. Juni aus der Verschwiegenheit der Herrenhaus-Stenogramme zur Oeffentlichkeit gebracht und dadurch mittelbar zur erneuten Abfertigung der Antisemiten beigetragen hat. * * * (Religionslästerung.) Die antisemitische „Staatsbürgerzeitung" sagt in ihrer Morgennummer vom 1. August: „Die Religion der Juden gebietet Betrügereien." Wir erwarten, daß die Staatsanwaltschaft gegen diese lästerliche Frechheit pflichtgemäß einschreitet. * * * (Rumänische Gerechtigkeit.) In Braila hat ein rumänischer Arbeiter einen jüdischen Hafenmagazineur, der ihm keine Arbeit geben konnte, niedergestochen. Der Arbeiter wird vor das Schwurgericht gestellt und freigesprochen. Er geht nicht nur straflos aus, sondern erhält von,. Geschworenen und Richtern eine Geldsammlung eingehändigt. Eine Jüdin, die Besitzerin eines Modesalons ist, wird von einem entlassenen Dienstmädchen angeschuldigt, sie hätte ihr Warenlager absichtlich angezündet. Trotzdem man den wirklichen Brandstifter kennt, läßt man ihn unbehelligt in den Straßen promenieren, die unglückliche Frau aber wird in Untersuchungshaft gebracht und verbringt dort Monate. Mit großen Opfern gelang es ihren - Brüdern, eine Schlußverhandlung herbeizuführen, bei der der Präsident des Gerichtshofes der Angeklagten zuruft: „Sie bringen mir ja ganz Palästina als Zeugen her." Sie wird freigesprochen, saß aber ein halbes Jahr in Untersuchungshaft, während der rumänische Brandstifter unbehelligt bleibt. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen die rumänischen Juden, die man in Wien und anderwärts zur Rückkehr in das Land der Verfolgung zwingen will, lieber zum Gift greifen oder ins Wasser gehen! Die Tagesblätter aber fahren fort, Rumänien als ein poliziertes Land auszugeben, damit es in seinem neuen Anleihegeschäft nicht gestört werde! * * * (Jüdische Arbeiterwohnungen in Rußland.) Der russische Finanzminister hat das Statut einer „Aktiengesellschaft zur Errichtung von gesunden jüdischen Arbeiterwohnungen" bestätigt. Die Gesellschaft, die auf Veranlassung des Ministers des Innern entstanden ist, erstreckt sich über alle 25 Gouvernements des Ansiedlungsrayon und hat den Zweck, in allen jüdischen Städten und Städtchen gesunde Wohnungen nebst Werkstätten zu bauen und sie an jüdische Arbeiter, Handwerker, sowie überhaupt an sich selbständig ernährende Juden zu vermieten. Daneben wird die Gesellschaft kleinere Bodenparzellen erwerben und sie an jüdische Obst- und Gemüsegärtner verpachten, die"in allen kleineren Ortschaften des Ansiedelungsrayon in großer Anzahl vertreten sind. Als Gründer der Gesellschaft werden die Herren Baron Horace Günzburg mtb Bankier Wawelberg genannt. Das Aktienkapital beträgt 500 000 Rubel in 1000 Aktien zu 500 Rubel geteilt, von denen 450 von" der I. K. A. gezeichnet wurden. Von dem Gewinn werden 4 % Dividende an die Aktionäre verteilt, der Rest wird zur Unterstützung der Mieter, Errichtung von Volksküchen und anderen wohlthätigen Zwecken verwendet. Sitz der Gesellschaft ist Petersburg. Daneben -sollen Filialen in allen größeren Städten des Anstedlungsrayons errichtet werden. Ihre erste Thätigkeit wird die Gesellschaft in Wilna beginnen, wo auf ihre Rechnung bereits 2 Häuser mit zusammen 220 Wohnungen nebst Werkstätten, Kleinkinderbewahranstalten, Sanitätswachen, Lesehallen und Fortbildungsschulen gebaut werden. Die UniuänfMfrnjf in enMm Unterhaus. Im englischen^ Unterhaus hat vor einigen Tagen Lord E. Fitzmaurice eine Interpellation über'die rumänische Jndenfrage eingebracht. Lord Fitzmauriee, der selbst eine Zeit lang Unterstaatsftkrctär im Auswärtigen Amt gewesen, richtete an den Unterstaatssekretär der Auswärtigen Angelegenheiten Brodrick die Anfrage, „ob das Auswärtige Amt auf die fortgesetzte Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Rumänien und auf die ihnen entzogenen bürgerlichen und religiösen Rechte aufmerksam geworden sei, und ob die rumänische Regierung daran erinnert worden, daß diese Thatsachen gegen die Bestimmungen des Berliner Vertrages verstoßen." Der Unterstaatssekretär Brodrick gab folgende Antwort: „In der europäischen Presse sind Berichte erschienen, nach denen die jüngste Auswanderung von Juden aus Rumänien durch die den Juden von Seiten der Behörden zugefügte schlechte Behandlung veranlaßt worden ist. Nach den der Regierung Ihrer Majestät zugegangenen Informationen sind diese Feststellungen jedoch unbegründet. Es ist bekannt, daß die Juden in Rumänien nicht naturalisiert sind; aber da an Ihrer Majestät Regierung keine Beschwerden gelangt sind, konnten auch dieserhalb der rumänischen Regierung keine Vorstellungen gemacht worden". Der englische Herr Unterstaatssekretär hat seine Antwort von einer erstaunlichen Beschränktheit dictieren lassen. Er muß seine „Informationen" von der rumänischen Regierung bezogen haben, denn diese allein leugnet, was sonnenklar ist, daß in Rumänien die Juden gesetzlich uno behördlich verfolgt, gedrangsalt, zur Verzweiflung getrieben werden. Der Herr Unterstaatssekretär hat sich an den von der verlogenen rumänischen Regierung gegebenen „Informationen" genügen lassen und nicht danach gefragt — weder Andere noch sich selbst — welche Gründe sonst wohl die rumänischen Juden zur Auswanderung getrieben haben mögen. Vermutlich hat er angenommen, daß die rumänischen Juden aus einer Art Spleen Herd und Heimat verlassen und ins Elend ziehen,