Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Date
- 1900-08-03
- Page
- Seite 492 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 492. Israelitische Wochenschrift. Nr. 31. Doktor, was Sie berechtigt, dieses Mißtrauen gegen eine völlig einwandsfreie Zeugin . . „Einwandsfreie Zeugin!" brauste der Doktor auf, „ein durch und durch verlogenes, schamloses Geschöpf." „Das müßte doch erst zu beweisen sein," eiferte Bürgermeister, „einstweilen erscheint es mir doch im Interesse der Sache dringend geboten, den sehr gravierend verdächtigen Patron verhaften zu lassen." Verhaften! Das Wort war kaum an sein Ohr geschlagen, so machte Perez einen Sah, wie ihn seinen schlotternden, schwachen Beinen Niemand je zugeLraut — rannte den nächststehenden Tilmann und drei alte Weiber über den Haufen und lief, nein flog mit der übermenschlichen Geschwindigkeit, wie sie Todesangst ihm eingab, (denn hinter ihm jagten mit: „halt auf! fangt ihn! fangt ihn!" seine Häscher ihm nach) dem nahen Wäldchen zu . . . Im Laufe dieses denkwürdigen Tages galt es in Zladno für ausgemacht, daß es mit dem Wasserträger entschieden mit Unrechten Dingen zugehe. Obwohl die halbe Stadt zu seiner Verfolgung aufgebrochen war und man fünf Stunden lang den ganzen Wald gründlich abgesucht, hatte man nirgends, aber auch nirgends, eine Spur von dem Verfolgten gefunden. Begreiflich, ganz Zladno flammte in ungeheurer Erregung. Vor jeder Hausthür standen Gruppen und besprachen die ungewöhnliche Fülle der Ereignisse, Pelagia's Verschwinden — Juleis Tod und des Wasserträgers geheimnisvolle Flucht. Es sah böse aus, um des armen Perez Sache, sehr böse. Daß er Julek ermordet habe, bezweifelten nur Wenige mehr. Der Bürgermeister hatte am Stammtisch im „blauen Hirsch" gesagt, ihm sei die Geschichte ganz klar: Das verlorene Rezept, Franja's Aussage und das plötzliche Davonlaufen des Perez gar — das vor allem sei ein neuer Beweis für seine Schuld. „Ueberdies," setzte er mit geheimnisvoller Miene hinzu, „wer daran noch nicht genug hat, brauche nur einmal den Leichnam des Opfers anzusehen, er wolle nichts gesagt haben, aber wer da wisse, was Ritus sei, dem wäre es sonnenklar, daß nur ein Jude den Schnitt an Juleis Halse gemacht haben könne. . . . Und daß' sich Thorner Perezens so lebhaft annahm, bestärke ihn erst recht, an ein Verbrechen des Perez zu glauben, denn ein Jude stehe immer für den andern ein, das sei eine alte Erfahrung." Die Gäste im „blauen Hirsch" sperrten die Ohren auf, weit, weit — eine so unheimlich schöne Gruselgeschichte hörten sie nicht alle Tage. In kaum so viel Zeit, als Dürrstroh Feuer fängt, flog das Kneipen-Gespräch auf die Straße, die guten Zladnoer fluchten und ballten die Fäuste, die meisten hätten Perez in Stücke zerrissen, wenn er nur dagewesen wäre. Gegen Abend brachte die Frau des Schusters Schmula, bei dem Perez zur Miete wohnte, die schier unglaublich klingende Nachricht: Perez sitze gemächlich bei seiner Mutter in der Stube. Sie habe ihn drinnen sprechen hören, er sei ganz vergnügt, habe sein Mitlagmahl verlangt, singe und lache in einem zu. Und sie erzählte Jedem, der es hören wollte, der Wasserträger sei offenbar wieder betrunken, sie habe ihn ja auch erst gestern sternhagelvoll gesehen, oder war es vorgestern, einerlei, die ganze Stube des Perez sei voll Wein, Backwerk, Fleisch und lauter guten Dingen — sie zeigte eine Orangenschaale und die Staniolhülse eines Flaschenkopfes, die vor Perez Thür gelegen: es sei himmelschreiend, so schlampampe der Jude uud schlage dabei den Christenmenschen tot. Als die Schusterfrau mit ihrer sensationellen Meldung bei allen Gevattern und Freunden glücklich herum war, geriet sie über die windschnelle Wirkung ihres boshaften Geschwätzes selbst in den höchsten Schrecken. Die kleinen Häuflein Neugieriger, die sich vor allen Häusern herumgetrieben, hatten sich zu einer nach Hunderten zählenden Rotte zusammengeballt; Kinder, halbwüchsige Burschen, Männer, Weiber, Franja allen voran, bewaffnet mit Steinen, Stöcken, Gabeln, Feuerzangen, Beilen, Totschlägern, Keulen marschierten in der Richtung die Chaussee hinauf mit Heulen und Johlen auf Schmula's Haus zu. (Fortsetzung folgt.) Brief- und Fragekasten. Herrn K. R. in Berlin. Die Restbestände des „Instituts für israelitische Literatur" sind an die Buchhandlung I. Kauffmann in Frankfurt a. M. übergegangen. — Herrn Sch. in P. Schönsten Dank für die freundlichen Worte und für die Mitteilung, die, wie Sie sehen, schon von mehreren Seiten gekommen war. — Herrn Dr. E. in B. Vielen Dank. — Herrn H. S. in Breslau. Erst nächste Woche möglich; kam für diese Nummer zu spät. — Herrn L. E. in Berlin. Besten Dank. Ich kannte die Zeitung nicht, aber den Inhalt. — Herrn A. in B. Warum nicht einen Tag früher? Ich habe die Erfüllung Ihres Wunsches gern ermöglicht. Schönsten Gruß. — Herrn 3£ in? Ihre gfl. Anfrage, die erst am Mittwoch an mich gelangte, ist im Grund von Ihnen schon selbst beantwortet: Die Macht ist auf der anderen Seite, überdies sogar das formale Recht, während Sie sich „nur" auf Billigkeit stützen können. Ich kann Ihnen nicht raten, auf dieses bessere Recht zu trotzen, denn die Folgen kommen auf Sie und nicht auf mich. Sie haben die klugen Anregungen des Herrn Predigers Bähr in Waldenburg in Schl, gelesen. Vielleicht setzen Sie sich mit diesem in Verbindung. Die nächste praktische Empfehlung kann einzig die sein: Suchen Sie gütliche Verständigung mit den maßgebenden Personen, die, wenn sie nicht wirklich bösen Willens sind, Ihren Gründen sich nicht werden verschließen können. bebraimte Köffcc$ ln Preislagen von Mk. 1,20, 1,40, 1,50, 1,60, 1,70, 1,80, 1,90, 2,00 per i/a Ko Allen Freunden eines guten Getränkes als vorzügliche Marke empfohlen. Verantwortlich für den redaktionellen Teil: M. A. Klausner, für den Inseratenteil: Max Schäffer in Berlin. Verlag Siegfried Cronbach, Berlin W. 67. — Druck: Arthur Schalem, Berlin C., Roßstr. 3.