Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 7. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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51 die in der Mischna anftreten, und über ihr Verliältniss zu einander mitzugeben. Er timt dies in zehn Abschnitten. Der erste Abschnitt enthält eine Aufzählung־ aller in der Mischna als Autoren von Halacliot namhaft gemachten Gelehrten. Der zweite enthält die Namen aller in der Mischna bei Gelegenheit eines Faktums, eines Moral- Spruches, einer agadischen Auslegung erwähnten Weisen. Der dritte tlieilt mit, was über die Geschlechtsfolge der Mischnalelirer bekannt ist. Der vierte zählt die zeitgenössischen Mischnalelirer auf. Der fünfte führt die im Verliältniss von ,,Lelirer und Schüler1־ zu einander stehenden Mischnalehrer auf. Der sechste bestimmt die in der Mischna nicht näher bestimmten Autoren. Der siebente enthält die Rangordnung der Autoren, nach den Titeln, die ihnen der Redakteur der Mischna beigelegt hat.43) Der achte Abschnitt verzeichnet die Autoren, denen der Redakteur einen Beinamen von ihrer Be scliäftigung, ihrem Geburtsort u. dgl. gegeben. Der neunte Abschnitt nennt die in Controverse mit einander stehenden Parteien. Der zehnte endlich ordnet die Autoren nach der Menge der Halacliot, die sie gelehrt;44) und mit ihm scliliesst die ,,Einleitung (nicht ,,zu Seder Seraim“ sondern) zur Mischna.“ Fragen wir, was Maimonides mit dieser grossen Einleitung wollte, so ist nur die eine Antwort möglich, ,,er wollte ein systematisches Studium des Talmuds einführen.“ Er sah, wie das Studium des Talmuds in einer allen andern Studien entgegengesetzten Weise betrieben wurde; dass ihm keine Einleitung, wie allen andern Wissenschaften vorangehe, die über den Gebrauch der Quellen, über ihr Zeitalter, ihre Entstehungsweise, über die Autoren 11. s. w. Aufschluss gebe; dass ihm kein System vorausgeschickt sei, wonach der ganze umfangreiche Stoff übersichtlich geordnet, keine Regel aufgestellt, kein Gesetz angegeben sei, wonach bei abweichenden Ansichten zu entscheiden wäre, dass inan sich in medias res werfe, mit dem Talmud selbst beginne, wo Alles ungeordnet aufgehäuft daliege. Und die Folge davon wäre, dass Manche, die den grössten Theil ihres Lebens dem Studium des Talmuds oblagen, bei Fragen nach den Resultaten für die Praxis nicht selten stutzten, und sich aus dem Gewirre der verschiedenen Ansichten nicht herauszuhnden vermögen. Diesem Uebelstande wollte Maimonides abhelfen, er wollte Ordnung und System in das wirre Chaos bringen, 43) Die blosse Nenimng des Namens ohne jeden Titel ist der höchste Grad; der nächstfolgende ist der Titel רבן und sodann der Titel רבי. 44) Azulai (ועד לחכמים I, 8 § ,ב) bezeugt, dass er in einer alten Handschrift zwei Abschnitte in der allgemeinen Einleitung gesehen habe, welche eine Erklärung der schwierigen Wörter in den sechs Ordnungen, und Kegeln des Talmuds enthalten haben. ראיתי בספר ישן נושן כ״י העתק׳ שני פרקים שחסרו מפרקים שהקדים הרמ״בם לפירוש המשנה והם ביאור מילות קשות בש״ס וכללים בש״ס:. — Sie fehlen in unsern Ausgaben (auch in der arabischen des Pococke) und hatten ihre Stelle wohl nach den 10 Abschnitten über die Autoren in der Mischna. in מערכת ספרים des Azulai ist unter כללי הש״ס angeführt 1. דרבי התלמוד von Saadia, 2. מבוא התלמוד von Samuel Nanagid, und 3. כללים להר״מבם oder סדר עולם להרמ״בם. er wollte dem Jünger des Talmuds einer] Faden iu die Hand geben, der ihn durch die verschlungenen Gänge der Diskussion leiten und ihm - was der Hauptzweck war — im Aufsuchen der endgiltigen Entscheidung behülfiicli sein sollte. Von frühester Jugend an strebte er danach, das ganze immense Gebiet des Talmuds nach seinen Haupt- und Nebencjuelleu, — den beiden Talmuden, Tossefta. Sifra und Sifre — nach allen seinen Richtungen sich zn eigen zu machen und es in seinem Geiste zu verarbeiten. Mit einer Staunen erregenden Gedächtnisskraft begabt, wurde sein Geist durch das Festhalten aller Einzelheiten nicht zersplittert, er war stark genug, den gesammelten Stoff zu beherrsehen, ihn in kunstvoller Bewältigung zu gestalten und unter einen Gesichtspunkt zu bringen. Er war eine jener seltenen Naturen, denen es gelingt, Universalität des Wissens mit tiefstem Eingehen in alle Einzelheiten zu verbinden. Er sammelte in seinem Geiste alle Strahlen der Bildung und Wissenschaft, von welcher Seite sie auch ausgehen mochten und verdichtete sie zu einer schönen harmonischen Erscheinung, zu der wir mit ebensoviel Liebe als Bewunderung auf blicken. Doch was ihn unsterblich machte, das ist sein ordnender Geist, der nicht blos das ungeheuere Material fasste, sondern den grossen Schatz, den er angesammelt hatte, auch zu einem Gesannntbilde vereinigte, in welchem jedes einzelne Tlieilchen ein unentbehrliches Glied des Ganzen ausmacht. In der aristotelischen Schule gebildet, drang er auf strenge logische Systematisirung des Stoffes, auf genaue Klassifikation und Eintheilung der im Talmud zerstreuten Halacha’s, auf Anordnung und Reihenfolge derselben nach einem bestimmten Prinzip. Mit welcher bewunderungswerthen, meisterhaften Geschicklichkeit er diese systematische Darstellungsweise handhabte, sehen wir freilich in ihrer Vollendung erst im ,,Mischne Thora“, aber auch schon in ziemlich klaren Grundrissen in seinen ,,Einleitungen zuKodoschim undTaharoth“, zu deren gedrängter Inhaltsangabe wir jetzt übergehen. Die Einleitung zu Seder Kodosehim ist ein Muster von Klarheit und Durchsichtigkeit der Darstellung; sie enthält eine Klassifizirung aller in der Bibel vorgeschriebenen Opferarten und zwar zunächst der Thieropfer — die der Mehlopfer enthält die Einleitung zum Tract. Menachoth — mit allen sie charakterisirenden Bestimmungen. Was Maimonides zur Abfassung dieser im Grunde ausser der wohlgefügten Zusammenstellung nichts Neues bringenden Einleitung veranlasst hat, war, wie er selbst im Eingänge erklärt, der Umstand, dass diese Ordnung schon zu seinen Zeiten sehr wenig gepflegt wurde, so dass die meisten jüdischen Gelehrten von den Opfern nicht so viel wussten, als in der Bibel darüber ausdrücklich steht. Klar und übersichtlich führt hierauf Maimonides alle Opferarten mit ihren nothwendigsten Bestimmungen in möglichster Kürze — denn er will durch die vielen talmudischen Erklärungen den Leser nicht verwirren — auf. Es ist ihm hier nicht darum zu t-hun, das Wesen des Opferdienstes darzustellen — dieses thut er in seinem religions-pliilosophischen Werke More,— sondern lediglich nur darum, den Talmudstudirenden in diesem wenig bebauten Felde zu orientiren.