Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- Seite 375 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Israelitische Wochenschrift. Seite 378. Natürlich hängt eine solche vollständige und erschöpfende Untersuchung eines Falles eng mit den Absichten zusammen, die man bezüglich der Hilfeleistung hat. Aber ganz sicher ist es, daß, je eingehender und tiefer die Untersuchung stattfindet, je breiter und vollständiger die Aufdeckung der Verhältnisse in ihren sozialen Zusammenhängen und in ihrer individuellen Eigenart erfolgt, um so größer die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit ist, auch die richtigen Wege zur Abhilfe zu erkennen und zu finden. Nicht Selbstzweck ist die Untersuchung, sie ist nur ein Mittel zum Zweck, ein Mittel, um das zu erreichen, was uns allen so aufrichtig am Herzen liegt — wirkliche Hilfe für unsere bedrängten Brüder und Schwestern! Ausfuhr landVirtfihastljlhtt Erzeugnisse aus Palästina. In Ergänzung der Mitteilungen in der vorigen Nummer unseres Blattes über die Ertragsfähigkeit des palästinensischen Bodens können wir heute folgende aus amtlicher Quelle stammende statistische Angaben machen: Die Ausfuhr von Orangen aus Palästina war im Jahr 1899 sowohl der Menge als dem Wert nach bedeutend geringer als im vorhergehenden Jahr. Es wurden 310 000 Kisten im Wert von 77 000 Pfund Sterling ausgeführt, gegen 330 000 Kisten im Wert von 82 500 Pfund Sterling. Die Obstzüchter und Händler scheinen sich indessen nicht entmutigen zu lassen, es werden vielmehr von Jafa aus landeinwärts in jeder Richtung neue Orange-Gärten angelegt, so daß nach einigen Jahren die ganze Umgebung dieser Stadt mit Orange- Pflanzungen bedeckt sein wird. In letzter Zeit sollen auch Versuche gemacht worden sein, Orangen von Sidon und Tripolis nach Großbritannien zu verschiffen; die Qualität der Frucht ist vorzüglich, allein die Produktion scheint beschränkt zu sein, und die Waare die lange Reise weniger gut zu überstehen als die Jasa-Orange. Sesam, der auch einen wichtigen Ausfuhr-Artikel von Jafa bildet und fast ausschließlich nach Marseille verschifft wird, zeigte 1899 ebenfalls eine Abnahme. Einen erfreulichen Aufschwung hat die Bienenzucht genommen. In dem uralten Land des Honigs war auch die Imkerei in Verfall geraten. In den vierziger Jahren begann sich jedoch dieser Zweig der Landwirtschaft zu heben, und durch Einführung verbesserter Geräte liefert die Bienenzucht schöne Erträge. Die palästinensische Honigproduktion verdankt ihre Entstehung dem beharrlichen Fleiß einer Schweizer Familie Baldensperger, die sich im Jahr 1849 in Artes, einem Städtchen, ungefähr 11 km südlich von Jerusalem, niederließ. Im Jahr 1883 gingen Angehörige dieser Familie dazu über, ihre Bienen von einem Ort nach dem andern zu bringen; von Ramle brachten sie sie ungefähr 20 km weit nach Jafa zur Orangenblüte. Frauen trugen die Bienenstöcke, jede Frau einen Stock, den ganzen Weg auf ihrem Kopf. So wurden während des Monats April eine reiche Ernte Orange-Blüten- Honig und an anderen Orten zwei Ernten von Kaktus- und Akazien-Blüten erzielt. An anderen Orten wurde mit anderen Stöcken von Lemonenblüten und wildem Thymian Honig gewonnen. Im folgenden Jahr war die Honigernte noch besser, da allein die 50 Stöcke in Jafa in noch nicht einem Monat 6000 Pfund Honig lieferten. Die neue Industrie zog bald auch die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich, und die Bienenzucht wurde mit einer anfänglich geringen Steuer belegt. Bald wurde indessen die Steuer erhöht, und da die Beamten auch noch falsch einschätzten, indem sie jedes Thürchen, jede Höhle und jedes Fenster, in dem sie einige Bienen sahen, für einen Stock rechneten und so 2000 Stöcke zählten, wo in Wirklichkeit nur 150 vorhanden waren, so stieg in etwa zwei Jahren die Steuerschuld der Baldenspergers von einem Bienenstand allein aus ungefähr 2000 Mark. Das war im Jahr 1889; die Baldenspergers weigerten sich, zu zahlen, der Bienenstand wurde daher in Jerusalem zu etwa 5 Mark für einen Stock versteigert. Nun war es aber den Beamten nicht möglich, die Bienen den Käufern zu überliefern. Die Bodenbretter waren an den Stöcken nicht befestigt, und sobald die Stöcke aufgehoben wurden, schwärmten die Bienen aus, und die Beamten und ihre Leute ergriffen die Flucht. Schließlich wurde ein Vergleich geschlossen, die Hälfte der Steuern erlassen, und die Bienen blieben in den Händen ihrer Eigentümer. Die Bienenzüchter hatten auch mit verschiedenen Feinden zu kämpfen, die zeitweise die Bienenzucht fast unmöglich machten. Große gelbe Hornisse kamen in solcher Zahl, daß sie die Bienen an der Arbeit verhinderten und massenhaft vernichteten. Sperlinge, Schwalben und Bienenfresser verursachten auch viel Unheil. Dachse zerstörten in einem Winter 15 Stöcke. Ratten erwiesen sich auch als sehr lästig; sie fressen zwar den Honig nicht, vernichten aber die Bienen. Zwei Arten von Eidechsen richten ebenfalls Schaden an. Auch der „Totenkopf" genannte Nachtfalter kommt im Herbst in die Bienenstöcke und frißt den Honig; ein einziger Totenkops verzehrt bei einem Besuch wohl einen Theelöffel voll Honig. Ein starkes Volk sticht allerdings den Einbrecher tot. Der größte Feind der Bienen ist indessen in Palästina der Mensch. Wo immer ein Bienenstand aufgestellt wird, erhalten die Schecks der nächsten Dörfer einen gewissen Teil des Honigs oder die Bienen werden gestohlen; ungefähr ein Zehntel des Honigs muß so weggegeben werden, um das Volk vom Stehlen der Bienen abzuhalten. Wenn die Bienen auf Kamelen von einem Ort zum anderen gebracht werden, so stehlen gelegentlich die Beduinen auch noch die Kamele. Wenn man zu allen diesen Verlusten nun noch die Besteuerung rechnet, so zeigt sich, mit wie vielen Widerwärtigkeiten die Bienenzucht in Palästina zu kämpfen hat und wie viel Geduld und Ausdauer sie erfordert. Auch die jüdische Kolonie Wady Heinan besaßt sich mit Bienenzucht. Der Honig findet stets flotten Absatz und geht meist nach Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, ein wenig auch nach Frankreich. 1899 war der Markt ganz besonders gut- An Ausfuhrzoll wird 1 % erhoben. Durchschnittlich werden von einem Stock 100 Pfund Honig geerntet. Die Erntemonate sind April, Mai, Juni und Juli. Im ganzen Land werden auch von den Eingeborenen nach ihrer rohen Art Bienen gezogen; dabei wird aber nur wenig