Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 6. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492408-5990879-9732437--2820-9607427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
48 indem ein solches jenes Gewebe selbst zerstören würde. Verfasser hat trotz vieler Schwierigkeiten, die sich gerade in bezug auf die Darstellung der Psychologie bei Gabirol häuften, mit grossem Fleiss und reicher Gelehrsamkeit in dieses dunkle Gebiet einigermassen Licht hineinzubringen verstanden. Gabirols Psychologie ist ein Extrakt aus seinem philosophischen System, und deshalb ist es von Wichtigkeit, sich zunächst über die Quellen seiner Philosophie zu verständigeu, inbezug auf welche man noch immer im Dunklen tastet. (Vgl. Kaufmann’s ,,Studien über Gabirol“ und die dort abgedruckten Handschriften.) Verfasser folgt in dieser Hinsicht der Ansicht von Munk und Joel, wonach Gabirols Philosophie sich vollständig im Gedankenkreise des Neuplatonismus bewegt. Ein besonderes Interesse bietet noch das psychologische Buch De anima von Gundivalvi, welches neuerdings von Löwenthal herausgegeben worden ist und von demselben als eine verloren gegangene psychologische Schrift Gabirols angesehen ,wird. Verfasser will sich aus vielen Gründen dieser Ansicht nicht anschliessen und beschränkt sich deshalb in seiner Darstellung lediglich auf die ,,Lebensquelle“, die Ethik und andere Aussprüche des Philosophen. Bei Gabirol ist, wie bei Plotin, die Weltseele eine Analogie der Menschenseele, und seine Aulfassung über die Einzelseele muss sich daher folgerichtig decken mit derjenigen der Weltseele. Nach Gabirol gehören die Weltseele und der Weltgeist zu den Mittelwesen zwischen der absoluten Einheit und der Substanz der Kategorien, aus welchen die Formen der sinnlichen Welt emanirt sind. Sowie jedoch die Formen in der sinnlichen Welt verschieden sind von der Existenz der Formen in der intelligiblen Welt, in dem sie hier geeint sind, dort aber in ihrem räumlichen Auseinandersein zur Erscheinung kommen, ebenso sind die Formen der Weltseele von der Existenz der Formen im Weltgeiste verschieden, indem dieselben Formen im Weltgeiste ein höheres, einfacheres Sein haben. Sowie ferner in der sichtbaren Welt, welche nur ein Abbild von der intelligiblen Welt ist, Stoff und Form die WesensgemeiDschaft alles geschaffenen Seins ist, ebenso ist auch dieser Unterschied zwischen Stoff und Form auf die intelligible Welt auszudehnen. Dieser philosophischen Auffassung von der Weltseele und dem Weltgeiste entspricht nun die psychologische Lehre von der Einzelseele und dem Einzelgeiste. Was nun zunächst das Wesen der Seele betrifft, so ist sie nach Gabirol eine geistige, einfache Wesenheit, ,welche formbildendes Princip der körperlichen Substanz ist. Die Anschauung Gabirol s, dass die Seele aus Materie und Form zusammengesetzt ist, verträgt sich ganz gut mit der Auffassung ihrer Einfachheit, da der Begriff ,,zusammengesetzt“ bei Gabirol kein konstanter, sondern ein fliossender ist. Ebensowenig streitet diese Ansicht mit der Fortdauer der Seele. Hinsichtlich der Erkenntnisstheorie, so sind nach Gabirol alle Merkmale und Formen der Dinge in der Seele a priori potentiell vorhanden, und sie ist daher erkennend durch sich selbst. Den Sensualismus sucht Gabirol durch verschiedene Beweise zurückzuweisen. Gabirol unterscheidet wie Aristoteles drei Abstufungen in der Seele: die vegetative, die animalische und die rationelle, mit dem Unterschiede jedoch, dass wir es bei Gabirol bei diesen verschiedenen Formen der Bewegung mit den Manifestationen verschiedener Substanzen zu thun haben und nicht, wie bei Aristoteles, ^mit den verschiedenen Aeusserungen einer und derselben Substanz. Gleichwohl stehen die genannten drei Seelen, wrie Gabirol an verschiedenen Beispielen nachzuweisen sucht, wenn sie auch substantiell von einander verschieden sind, im Verhältniss von Ursache und Wirkung zu einander. In gleicher Weise, wie diese drei Seelenformen, ist der Intellekt von der Seele substantiell verschieden. Wie der Stoff zur Form, verhält sich die Seele zum Geiste. Die Seele ist das Organ des discursiven, der Geist hingegen das des intuithTen Denkens, der unmittelbaren Anschauung der Wahrheit. Der Geist erfasst das Sein in allen Dingen, die Gattungen und die Arten, die Seele hingegen die eigenthümliehen Merkmale die durch die Sinne erkannt werden. Allein trotz der verschiedenen Äusserungen Gabirols bleiben dennoch viele Probleme in seiner Psychologie unaufgehellt. So herrscht bei ihm keine Klarheit über das Verhältniss des individuellen Geistes zum Universalgeiste und zur Seele. Wir erfahren nicht, welche Stellung die Einzelseele zur Weltseele nimmt. Der Vergleich Gabirols, die Einzelseele stehe zum Einzelkörper in einem analogen Verhältniss, wie die universelle Seele zum universeilen Körper klärt uns darüber nicht auf. Nicht minder dunkel bleibt bei Gabirol das Verhältniss zwischen Seele und Körper, trotz derHäufung von Vergleichen aus der Sinnenwelt. Die Erkenntnisstheorie Gabirols ist begründet auf dem alten neuplatonischen Grundprincip, dass Gleiches nur durch Gleiches erkannt werden kann. Nach diesem Satze wird nach Gabirol alle Erkenntniss durch die Form vermittelt und besteht in einer Vereinigung der Form des Subjekts mit der Form des Objekts. Hinsichtlich dieser Einigung der Form des Subjekts mit derjenigen des Objekts folgt Gabirol der stoischen Auffassung, wonach die sinnliche Wahrnehmung durch einen Abdruck der Form im Sinnesorgan zu Stande kommt, sodass die erkannte Form eine reale Existenz in der Seele hat. Diese sinnlichen Formen gelangen geläutert und verfeinert in das Vorsteilungsvermögen, um von hier aus im höchsten Grade der Vergeistigung sich der Seele einzuprägen. — In seiner Ethik ergeht sich Gabirol in einer längern Auseinandersetzung über den Werth der einzelnen Sinne und unternimmt er im Anschluss daran den Versuch, gewisse Tugenden und Laster mit den einzelnen Sinnen in einen ausführlichen Zusammenhang zu bringen, ,welchen Versuch Verfasser mit Recht als einen misslungenen betrachtet. Fassen wir die beiden psychologischen Systeme Saadia’s und Gabirols, in ihren Grundrichtungen näher ins Auge, so ist in dem Erstem die nüchterne Reflektion die unbeschränkte Gebieterin, während im Letzteren die Lücken in den metaphysischen Spekulationen mit Hülfe der Phantasie ausgefüllt werden, und statt der nüchternen Reflektion die unklare Einbildungskraft vorwaltet, daher die Anschauung, dass wir nur mittels der mystischen Steigerung des Subjekts, durch die Phantasie in ihrem ungebundensten Fluge, zu der höchsten Stufe der Wahrheit gelangen können. Diese Anschauung drückt Gabirol an verschiedenen Stellen seines Hauptwerkes deutlich aus. Wir schliessen hier unser Referat dieser, ־wie schon erwähnt, fleissigen und mühevollen Arbeiten und empfehlen dieselben als einen gehaltvollen, nach vielen Seiten hin lehrreichen Beitrag zur jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters._ Bücherschau und Litterarische Anzeigen mussten Raummangels wegen Zurückbleiben. Inhalt der No. 6. Wissenschaftliche Aufsätze: Herkulesarbeiten. Von Rabbiner Dr. Immanuel Deutsch. — Zur Lösung der Sountagsgottesdienst- Frage. Von einem Mitgliede der Berliner jüd. Gemeinde. — Die ״umgekehrten Nun“ in der Thora. Von Rabbiner Dr. M. Rah in er. — Kritik und Tradition V. Von Kirchenrath Dr. Kroner. Recensionen: Horowitz, Dr. ►S., Die Psychologie bei den jüdischen Religions-Philosophen des Mittelalters von Saadia bis Maimuni. Von Rabbiner Dr. Seligkowitz. (Schluss)._ Verantwortlicher Redacteur: Rabbiner Dr. M. Rahm er, Magdeburg. — Druck von Leis tu er & Drewfs, Magdeburg.