Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 24-25 (1900-1901)
- Issue
- No. 6. (1900)
- Date
- 1900-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 6. - 1900. Jahrg. XXIV. Jüdisches Litteratur-Blatt. Zur Beleuchtung aller Judenthum und Juden betreffenden 1 itterarischen Erscheinungen auf dem Gebiete der Philo- Sophie, Geschichte, Ethnographie, Theologie, Orientalia, Exegese, Homiletik, Liturgik und Pädagogik. Verantwortliclier Redacteur: Rabbiner l)r. M. Ralimer in Magdeburg. Verlag* und Expedition: Siegfried Cronbach in Berlin W. 57. Bücher der einschlägigen Litteratur, deren Besprechung in diesem Blatte gewünscht wird, sowie Briefe und Manuskripte sind an die K e d a c t i o n , Inserate u. Beilagen an die E x p e - d i t i o n franco einzusenden. Das ,,Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint monatlich im Umfange eines ganzen Bogens und kostet bei allen Buchhandlungen (oder bei direktem Bezüge durch Siegfried Uronbaoh in Berlin W. 57) vierteljährlich eine Mark. — Die Abonnenten der in demselben Verlage erscheinenden ,,Israelitischen Wochenschrift“ (Redacteur M. A. Klausner), welche bei allen Postanstalten und Buchhandlungen vierteljährlich 2.50 M. kostet, erhalten das ,,Jüdische Litteratur-Blatt“ als Grätis-Beilage. — Inserate werden mit 30 Pfg. die viergespaltene Zeile berechnet und sind an die Expedition in Berlin zu senden. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Herkulesarbeiten. Herakles musste, um sich die Unsterblichkeit zu sichern, nach Angabe des griechischen Mythos im 'Dienste des Euristheus allerlei mühselige und gefahrvolle Aufträge erledigen. Zu diesen ebenso schwierigen und undankbaren Arbeiten sind u. a. zu zählen: die Reinigung der Augiasställe und die Tödtung der 1ernäischen Hydra. 3000 Rinder hatte Augias lange Zeit in denselben Räumen stehen. Diese Räume von Grund aus an einem Tage zu säubern, erschien unmöglich. Herakles vollbrachte diese Riesenarbeit. Noch gefährlieh er und schwieriger war die Erlegung der Hydra. Dieses Ungethüm war eine Schlange mit 100 Köpfen. Wurde dieser Schlange ein Kopf abgeschlagen, wuchs er regelmässignach. Auch dieses Ungeheuer überwältigte der griechische Heros. Den Stumpf des Halses, welchen er mit dem Schwerte abgeschlagen hatte, liess er mit einer Fackel ausbrennen. So erst wurde das Nach wachsen des Kopfes verhindert. An diese zwei Arbeiten des Herakles mahnt uns lebhaft das bedeutsame Buch, welches der gelehrte, rühmlichst bekannte Professor der biblischen Exegese und des Hebräischen an der Universität Berlin, Hermann L. Strack, erscheinen liess.*) Strack's Schrift über das Blut, das Blutritual und den Blutaberglauben bietet auch heute im Jahre des Heils 1900 leider noch immer das actuellste Interesse. Die Tage von Tisza-Eszlar, Corfu, Xanten, Po Ina und Könitz haben im letzten Jahrzehnt sich uns unauslöschlich ins Herz geprägt. Der in Blut und Thränen getauchte Griffel der Geschichte bietet uns Berichte von wahrhaft erschütternder, Gemüth beugender Tragik. Den in Polna (in Böhmen) am 29. März 1899 an der Agnes Hruza verübten, z. Z. gerichtsnotorisch noch nicht aufgeklärten Mord, welcher auf Verfügung der Revisionsinstanz demnächst zu erneuter Verhandlung gelangen wird, registrirt Strack auch bereits. Die *) Das Blut im Grlauben und Aberglauben der Menschheit. Mit besonderer Berii cksichtigung der Volksmedizin und des jüdischen Blutritus von Hermann L. Strack, Dr. theol. et phil., a.-o. Professor der Theologie. München 1900. Beck’sche Buchhandlung XII. 206 S. 8°. neueste furchtbare Sensation, mit welcher das neue Jahr und Jahrhundert uns begnadet hat, die am 11. März dieses Jahres erfolgte, grauenhafte Ermordung und thyesteische Verstümmelung des 17 jährigen Gymnasiasten Winter zu Könitz konnte der Verfasser in dem uns vorliegenden Werke allerdings noch nicht vor das Forum seiner Kritik ziehen. Strack gehört zu den erlesenen, gesinnungtüchtigen, überzeugungtreuen, christlichen Gelehrten, welche in der Weise des unvergesslichen, vortrefflichen Franz Delitzsch mannhaft und muthig, tapfer und beherzt im Dienste der unbestechlichen Wahrheit und Gerechtigkeit den Kampf gegen Lüge, Verleumdung, Wahn, Vorurtheil, Unduldsamkei und Religionshass auf genommen. Strack lässt nicht müde und matt die Feder seiner Hand entsinken, sich in den Ruf einlullend: ,,Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an.“ Er machtauch nicht halbe Arbeit. Er räumt gründlich und ganz mit den noch so dicht und fest gesponnenen Lügengeweben der Verleumdung auf, welche die monströse Fabel von jüdischem Blutritus und Ritualmord in die Welt setzen. Ist es auch wirklich eine schwierige Aufgabe, das wahnwitzige Märchen vom Ritualmorde als die Ausgeburt hirnverbrannter, böswilliger Verlogenheit zu brandmarken? Erscheint es nicht als die Verhöhnung des gesunden Menschenverstandes und des aufgeklärten Geistes, an den Genuss von Blut und gar von Menschenblut im Dienste des Ritus bei den Juden, den Religionsgenossen der radicalsten Blutscheu par excelleuce, glauben machen zu wollen? Bei den aufgeklärten Geistern trifft unsere Voraussetzung allerdings zu; allein die wirklich unbefangenen, unparteiischen, wahrhaft aufgeklärten Geister bilden auch heute noch selbst in den Ländern der hoch entwickelten Jntelligenz eine winzige Minorität, welche man mit Licht am Tage sich zusammensuchen darf. Der Heerbann des grossen Haufens ist schwerfällig, wenn es darauf ankommt, ein reifes, wohl motivirtes Urtheil zu gewinnen. Die grosse Volksmenge lässt sich gar zu gern und gar zu leicht verhetzen, zumal wenn man auf die sogepannte Logik der Thatsachen sich beruft und grauenhafte Mordthaten, an denen es leider nie fehlt, mit üblichem Tamtamgetöse tendentiös zuspitzt. Man überhitzt das Gehirn