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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · p. Seite 352

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
Seite 352 (sequence 4)
Language
German
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€*itc 352. Israelitische Wochenschrift. 23 ist, durch Erweckung eines verjährten Aberglaubens die Leidenschaft des Pöbels zu reizen, dem Mörder Vorschub zu leisten und Blutschuld auf Unschuldige zu wälzen. * * * (Der antisemitische Aufruhr.) Die Antisemiten haben es erreicht: ihre Aufhetzereien haben die Dummen so verblödet, daß sie zu offener Gewalt geschritten sind. In Stolp, in Rummelsburg, in Bütow und selbstverständlich in Könitz ist der Landfriedensbruch zur täglichen Uebung geworden. Die Fensterscheiben in den Wohnungen und Läden der Juden und in den Synagogen werden eingeschlagen, Vermögensschädigungen anderer Art fallen kaum noch auf. Das Militär hat einschreiten müssen, und die weitere Entwicklung ist noch nicht abzusehen. Die antisemitischen Hetzer aber sind bisher unbehelligt. Sie lügen, verleumden, stiften zu Gewaltthat und Meineid an, — aber es ist ihnen noch nichts geschehen. Die Verführten wird die Strafe treffen. Schon sind M ineide in großer Zahl geschworen; doch die Frevler, die das verschuldet, setzen ihr Gewerbe fort. Ein drastisches Beispiel dafür, daß die antisemitischen Organe mit der Absicht und mit der Wirkung verleumderische Erfindungen verbreiten, um Freunde zur Herbeischaffung gefälschter Beweise für diese Erfindungen zu veranlassen, liegt jetzt vor: Das schmutzigste dieser Blätter — wir meinen nicht die „Germania" — hatte vor einiger Zeit das angebliche Gerücht verzeichnet, daß an den von geschäftsmäßigen Verleumdern verdächtigten Schlächter Lewy in Könitz eine „Postanweisung" von 20 000 Mark gelangt sei. Neuerdings ist in der That ein mit 20 000 Mark deklarierter „Gcldbricf" an Lewy gekommen. Unfrankiert, natürlich. Lewy war so vorsichtig, den „Geldbrief" in Gegenwart mehrerer Beamten zu öffnen. Es waren Papierschnitzel darin. — Ebenso haben antisemitische Buben die auf dem Grab des ermordeten Winter liegenden Palmen geknickt, um glauben zu machen, Juden hätten das gethan, und dadurch neuen Zorn zu entfachen. Diesmal hatten sie gar zu dumm gehandelt: man merkte die Absicht. Die Geschäftsantisemiten aber betreiben ihr Gewerbe weiter und schnorren sogar zur Verstärkung ihres Betriebskapitals und ihres Gewinns öffentlich. Die antisemitische Mache, an der die gesamte Presse dieser Richtung, von der „Täglichen Rundschau" bis zur „Germania", von der „Kreuzzeitung" bis zur „Deutschen Tageszeitung" und bis zur „Staatsbürgerzeitung" gleichmäßig teilbaben, ist ganz offenkundig: die untersuchenden Behörden werden zum Zweck des Schutzes der antisemitischen Mörder mit falschen Denunziationen überlaufen und abgelenkt, die richtigen Spuren werden verwischt, und dann werden die Behörden geschmäht, daß sie nichts entdecken, weil sie die verläumderischen Anschuldigungen, die von antisemitischer Seite kommen, als solche erkennen und nicht weiter verfolgen können. Der Antisemitismus, der sich hier wieder als „der Sozialismus der dummen Kerle" erweist, geberdet sich ganz nach dem Muster nihilistisch-anarchistischer Agitationsmethode. Die antisemitischen Führer haben das größte Interesse daran, daß die Mörder nicht gefunden werden; denn diese Mörder sind ihre Freunde, und nur wenn diese unentdeckt bleiben, kann der Verleumdungsfeldzug fortgesetzt werden. Darum die systematische Behinderung der behördlichen Untersuchung! * * * (Der vierte Zionisten-Kongreß.) Der nächste Zionisten- Kongreß soll nach einstweiliger Bestimmung am 13. August d. I. in London stattfinden. Einzelheiten sind noch nicht bekannt. Die Verlegung des Kongresses von Basel nach London bedeutet die Verlegung der „Sammel-Thätigkeit" von dem teils skeptischen, teils allzu armen Continent nach dem ergiebigeren Ertrag versprechenden Jnselland. Die Nerlkumder an der Arbeit. Die „Kreuzzeitung" der Herren von Hammerstein und Kropatsch^k schreibt im Hinblick auf die Vorkommnisse in Könitz: „Wir gehören nicht zu denen, die schon in dem gegenwärtigen Stadium der Sache (!) überzeugt sind, daß es sich im Konitzer Fall um einen der sogenannten „Blutmorde" handelt. Wenn wir uns aber an den Verlauf des „Falles Buschoff" erinnern, so müssen wir uns allerdings sagen: es ist kein Wunder, daß viele, weniger kritisch gestimmte Leute geneigt sind,< in diesem jüngsten Vorgang ein unheimliches Seitenstück zu jenem zu erblicken. Der Unterschied ist nur der, daß die Anzeichen, die den Verdacht eines Blutmordes aufkommen zu lassen geeignet sind, damals schärfer hervortraten, als jetzt. Dennoch konnte der Angeklagte vor dem Schwurgerichte seiner Schuld nicht überführt werden; er wurde freigesprochen und zog sich als Rentner (?) ins Privatleben zurück. In dem Thatorte Xanten konnte er allerdings nicht bleiben; dort waren weite Kreise von seiner Schuld überzeugt und sind es wahrscheinlich noch heute. Erklärlich genug, da seitdem nichts geschehen ist, um den Schleier über den wahren Zusammenhang des düsteren Verbrechens zu lüften. Die in Aussicht gestellte Verfolgung des wirklichen Mörders ist unterblieben, es ist nichts geschehen, um die That zu sühnen. Aus dieser Thatsache und aus vielen anderen Vorfällen ähnlicher Natur hat sich nach und nach ein Pessimismus entwickelt, der sich sagt, wo es sich um den Verdacht eines jüdischen „Blutmordes" handelt, kommt doch nie etwas heraus. So viel wir wissen, steht es geschichtlich fest, daß es nirgend und zu keiner Zeit gelungen ist, einen des „Blutmordes" Verdächtigen in einer jeden Zweifel ausschließenden Art zu überführen und zur Bestrafung zu bringen. Schließlich verläuft sich alles regelmäßig im Sande, und der Rest ist Schweigen." Zunächst seien die gröbsten Unwahrheiten festgesteüt, die die Kunst der „Kreuzzeitnng" in wenige Sätze zusammenzudrängen verstanden hat: In dem Fall Buschoff hat der Oberstaatsanwalt, jetzige Ober-Reichsanwalt Hamm erklärt: „Es ist bewiesen, daß Buschoff die That nicht begangen haben kann!" Der Erste Staatsanwalt Baumgard fügte hinzu: „Ich muß bemerken, daß mir in meiner langen kriminalistischen Thätigkeit noch kein einziger Fall vorgekommen, in dem ein so klarer, zusammenhängender Beweis geführt worden ist, daß der Angeklagte die That nicht begangen haben kann, wie in diesem Fall." Das nennt die „Kreuzzeitung" der Herren von Hammerstein und Kropatschek: „Der Angeklagte konnte seiner Schuld nicht überführt werden!"

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