Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1900-01-01 · No. 1. (1900) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
24-25 (1900-1901)
Issue
No. 1. (1900)
Date
1900-01-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/6492408-5990879-9732312--2774-9607270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der 6 Mischna-Ordnungen (S. 145) ist nicht genau. Seder Seraim handelt nicht bloss ,,von den Saaten“ und enthält ,,auch Segenssprüche“, sondern diese in erster Reihe und zwar umfasst der Tractat Berachot die Gebetvorschriften überhaupt und unter ,,Saaten“ auch Wohlthätigkeitsvor- Schriften (Zehnten u. a. m.). — Der Seder Nesikin handelt nicht bloss ,,von den Civil- und Criminalgesetzen“, sondern auch von den Polizeigesetzen und in besonderen Tractaten von den Vorschriften gegen den Götzendienst; in Aboth von den schönsten Sittenlehren. Seder Kodoschim endlich handelt nicht nur ,,von den Opfern und ihnen verwandten Dingen“ sondern auch von den noch jetzt gültigen Schlacht- und Speisegesetzen. (Dieselben Ungenauigkeiten in der Inhaltsangabe der Mi sch na finden sich auch in Kayserlings .״Handbuch der israelitischen Geschichte“ S. 33). Bei lbn Gebirol wäre seine Identität mit Avicebron, unter Abrabam ibn Esra sein unruhiges Wanderleben und zur Erklärung des Namens ,,Alfasi“, dessen Herkunft aus Fez anzugeben. Dass Letzterer in seinen ,,Halachoth“ ein talmudisches Quellenbuch geschaffen, ist missverständlich, richtiger wäre die Bezeichnung ,,talmudisches Compendium“, ein Auszug des praktisch Gültigen aus dem Talmud. Der neueren Zeit, mit Mendelssohn beginnend, ist ein entsprechend grosser Raum gewidmet, es ist nichts Wesentliches übergangen; es ist alles darin selbstverständlich nur in grossen Zügen geschildert, aber geschickt um hervorragende Personen gruppirt. Auf Einzelheiten einzugehen, verbot der Raum; die Nennung zu vieler Namen hätte verwirrend auf den Schüler gewirkt.*) Eine sehr willkommene Zugabe ist die sehr passend getroffene reiche Auswahl von Stücken aus der jüdischen Litteratur, mit den Apokryphen beginnend und mit Juda Halevi’s Zionslied schliessend; dadurch ist jedes andere sogen. ,,Quellenbuch“ überflüssig. Auch das Kapitel über die geschichtliche Entwickelung des Synagogenkultus sowie über den jüdischen Kalender ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. (Wir bemerken hierbei, dass ,,Haftara“ und ״Elul“ [cfr. Nehemia 6,15] zu schreiben ist.) Dass der Verfasser, der, als Prediger der Berliner Reform, auf einem extremen Standpunkt steht, beflissen war, in seinem Buche allen Parteien in objectivster Weise gerecht zu werden, ist ein nicht hoch genug anzuschlagendes Verdienst, das der Einführung des Buches sicherlich zu gute kommen wird. R. Prof. 1) H. von Sodeil, Palästina und seine Ge :schichte. Sechs volksthürnliche Vorträge mit zwei Karten und einem Plan von Jerusalem. Leipzig*. B. G. Teubner. 1899. 112 S. *) Wir gestatten uns hier eine thatsächliche Berichtigung. Bas ״Institut zur Förderung der israelitischen Litteratur■‘ ist, wie S. 288 angegeben, von Philippson im Jahre 1854 ins Leben gerufen worden, es ging aber nach einer Reihe von Jahren ein und wurde 1875 von Giidemann, Perles u. Rahmer zu neuem wenn auch nur kurzem Leben erweckt, es stellte sich ganz besonders die Verbreitung der ersten Bände von Grätz’ Geschichte zur Aufgabe und brachte ausserdem u. A. Schriften von Güdemann, Bloch, Herzberg, Honigmann und Rothschild. In Levins Lehrbuch war für diese Darlegung — das geben wir zu — kein Raum, aber dass in dem so vortrefflichen Werke von Winter und Wünsche, ״Geschichte der jüdischen Litteratur“ der Sachverhalt nicht angegeben ist, hat uns von dem Bearbeiter dieses sonst mit grosser Akribie zusammengestellten Theiles gewundert. Thatsachen können doch nicht einfach totgeschwiegen werden. Die Soden’sehen Vorträge bilden den 6. Band der unter dem Titel ,,Aus Natur und Geisteswelt“ herausgegebenen Sammlung wissenschaftlich-gemein verständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens. Die vier ersten behandeln die weltgeschichtliche Bedeutung, Lage und Beschaffenheit Palästina’s als Heimat des Volkes Israel, als Wiege des Christenthums und als das heilige Land der Christen und Muhammedaner. Die zwei letzten Vorträge geben ein Bild von Jerusalem und anderer berühmter Stätten des heiligen Landes. Als Anhang dient ein Nachweis der Bibelstellen, auf welche im Text Bezug genommen ist, einer Angabe der bei den Vorträgen benutzten Litteratur sowie zwei Karten, deren eine farbige Palästina zur Zeit J. Ch. und der Apostel im Maassstab von 1:2000 000, deren andere Plan der Lage und Ausdehnung der Stadt Jerusalem im Massstabe von 1 :27 500 dar stellt. Die Sprache wie der gedankliche Aufbau der Vorträge machen die Lektüre zu einer angenehmen und fesselnden. Der Redner ist ein evangelischer Christ, der seine Religion aufrichtig liebt und ein gewissenhafter Forscher, der Legende und geschichtliche Wahrheit auseinander zu halten bemüht ist. Wohl verleugnet sich auch bei ihm die Einseitigkeit nicht, mit welcher christliche Gelehrte das Judenthum beurtheilen, für das sie statt wirkliches Verständnis meist Voreingenommenheit zeigen. Soweit das Judenthum, das rabbinische, bei diesen Vorträgen besprochen wird, sind sie nicht empfehlen swerth. Sie predigen immer den Satz: Die Juden sind ein merkwürdiges Volk, ihr grösster Fehler, dass sie nicht Christen sind. K. Joh. de le Roi, Lic. Pastor em. in Schweidnitz, Judentaufen im 19. Jahrhundert. Ein statistischer Versuch. Sonderabzug aus ,,Nathanael“ 1899. Leipzig. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung. (Eine Schrift des Institutuin Judaicum in Berlin, No. 27) Auf 50 Seiten versucht der wegen seiner Wissensthätigkeit bekannte Verfasser nachzuweisen, wie Zahlen und Zeichen der Zeit ״unwidersprechlich verkündigen, dass Israel trotz allen Widerstrebens unaufhaltsam Christo und seiner Gemeinde zusteuert.“ Dass der Verfasser eine solche Verkündigung von ganzem Herzen ersehnt, gehört zu seinem Berufe; aber sein Wunsch ist noch nicht Thatsache. Das bezeugt seine Schrift selbst. Wenn man seine Rechnung, die in keiner Weise nachweisbar ist, auch gelten lässt, so wären im 19. Jahrhundert 224 000 Juden zum Christenthum übergegangen Nun nimmt er selbst an, dass 8—9 Millionen Juden auf der Erde leben, so wären demgemäss in einem Jahre durchschnittlich 2240 Juden Christen geworden, das macht bei 8 500 000 auf 8500 Juden 2,240, also auf 4250 Juden 1,120, also auf 425 Juden 0,112 Uebergetretene, also eine religiöse Sterblichkeitsziffer von 0,028 aufs Hundert. Das ist aber eine so minimale Zahl, dass von einer Zusteuerung zum Ghristenthum keine Rede sein kann. Und sind denn die Getauften ein Gewinn fürs Christenthum als Religion? Der Verfasser selbst sagt S. 54: ״Zum Nutzen der Kirche wird dies freilich in vielen Fällen nicht gereichen, weil sich ihr offenbar zahlreiche Elemente anschliessen, die nicht durch ein religiöses Verlangen, sondern durch Erwägungen anderer Art angetrieben sind“; aber man rechnet, und nicht mit Unrecht, auf die Sprösslinge dieser Fahnenflüchtigen. Das ist das Tiefbetrübende bei der Proselytenmacherei. K.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.