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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · p. Seite 690

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 690 (sequence 15)
Language
German
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Seite 690. Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. berufen. Der Vorsitzende eröffncte die außerordentlich zahlreich besuchte Versammlung mit einer kurzen Ansprache. Der Referent Dr. Halstern betonte, daß es nicht seine Aufgabe sein könne, die Versammlung mit der Schilderung der russischen Greueltaten, die jeder Beschreibung spotten, aufzuregen, sondern nur darauf hinzuweisen, daß Tausende hingemordet, Zehntausende lebensgefährlich verletzt und Hunderttausende obdachlos geworden sind. Und wenn man nach den Gründen und Ursachen dieser schrecklichen Erscheinung fragt, so ergibt sich neben der bekannten Tatsache, . daß es seit Jahrzehnten die Politik der russischen Regierung ge-! wesen, jede Volksbewegung gegen das jüdische Volk abzulenken, diesmal es der Regierung ganz besonders darum zu tun war, Rache zu nehmen an den Juden, die im Vordergrund der Freiheitsbewegung gestanden haben. Wer hat geholfen im Kampf gegen die Judenversolger? Niemand, bis aus einzelne Studenten .und Arbeiter Die Juden wären wahllos hingeschlachtet worden, wenn nicht die jüdische Jugend sich zur Selbstwehr für ihre nationale Ehre aufgerafft hätte. In Kischinew war es noch möglich, daß man die jüdischen Frauen und Mädchen aus ihren Verstecken hervorholte und sie vor den Augen ihrer Männer und Brüder vergewaltigte, aber jetzt ist man zur Selbsthilfe geschritten und hat eine jüdische Schutzwehr gegründet Und fragt man, was die nächste Zukunft der Juden in Rußland sei, so beweisen die jüngsten Ereignisse, daß die Juden wieder ganz auf sich allein angewiesen sind. Jetzt, wo man für die Freiheit der Polen und Finnen eingetreten ist, hat man der Lage der Juden erst in letzter Stunde gedacht. Auf den Semstwos war auch nicht ein einziger Jude vertreten, der über die Lage der jüdischen Bevölkerung Auskunft erteilen konnte. Die Juden sollen ähnlich wie im Westen Freiheiten auf dem Papier haben, die man ihnen durch die Verwaltungspraxis wieder nehmen will; aber die russischen Juden werden in Zukunft nicht mehr bitten, sondern fordern. Wir haben die Pflicht zu helfen, wie wir helfen können, und müssen erkennen, daß nur die Gesamtheit des jüdischen Volkes helfen kann. In der Diskussion nimmt zunächst Herr Rosenbacher-Levy das Wort und bedauert es, daß die westeuropäischen Regierungen mit Ausnahme Englands keine Stellung zu den Judenverfolgungen in Rußland genommen haben. Herr Dr. Pinkus verliest Bruchstücke aus einem Brief aus Kiew, in dem ein Augenzeuge in einem Brief an die „Alliance Jsraelite Universelle" eine herzergreifende Schilderung von den drei Bartholomäusnächten und den zwei Bartholomäustagen gibt. Es gelangt alsdann die folgende von Herrn Rosenbacher-Levy eingebrachte Resolution zur Annahme: „Die Versammlung gibt ihrem tiefen Schmerz Ausdruck über die an ihren russischen Brüdern verübten Greueltaten. Die Versammlung erachtet es für eine heilige Pflicht der Gesamtjudenheit, die Hinterbliebenen der Ermordeten und Beraubten in jeder Weise zu unterstützen und Mittel zum Schutz für die Zukunft zu schassen. Die Versammlung spricht den russischen Machthabern ihren Abscheu aus über die Greueltaten, zu deren Verhinderung nichts unternommen wurde". — Eine am Eingang des Saales vorgenommene Beckensammlung zugunsten der jüdischen Selbstwehr ergab einen sehr reichhaltigen Ertrag. Köthen. Die Judenverfolgungen in Rußland machen sich jetzt sogar unter den hiesigen jüdischen Studenten aus dem Zarenreich bemerkbar. Viele russische Familien, denen ihr ganzes Eigentum geraubr oder zerstört wurde, sind nicht mehr in der Lage, ihren das hiesige Polytechnikum besuchenden Söhnen das Geld für Unterhalt und Studium zu senden. In hochherziger Weise haben sich die Mitglieder der Cohn-Oppenheim-Stiftung in Dessau bereit erklärt, einen Unterstützungsfonds für 10 Studierende zu befürworten. In einer Sitzung von Mitgliedern des Kuratoriums wurde ferner beschlossen, um Entlastung einiger Studierender von der Zahlung des Kolleggeldes beim Kuratorium des Polytechnikums nachzusuchen. Cincinnati im November. Zur Unterstützung der russischen Juden hat hier die Vereinigung amerikanisch-jüdischer Gemeinden (Vorsitzender Samuel Woolner), der 2. Distrikt der Bnai-Brith- Logen (Sammelstelle Adolph Kraus, Vorsitzender des Exekutiv- Komitees der Bnai-Brith), Vorsitzender Harry T. Schlors, die Vereinigung jüdischer Frauen in Newyork (Sammelstelle Mrs. I. B. Judah, Louisville) Aufrufe ergehen lassen. — Ein großes Meeting mehrerer vereinigten Synagogen fand im Plum Street Temple statt, unter dem Vorsitze Mr. Abrahams. Nach dessen Ansprache erhielt Rabbiner Philippson das Wort, der die russischen Greuel mit der Bartholomäusnacht verglich und schlimmer als diese darstellte. Es sei ein günstiger Umstand, daß wir, sagte er, hier und nicht in Rußland wohnen — es hätte umgekehrt sein können Danken wir der Vorsehung das durch unsere Liebeswerke! Dann führte Rabbiner Großmann die Erzählung an, wie Abraham, von Nimrod verfolgt, unversehrt aus dem Feuer geht. So haben die Juden trotz aller Verfolgungen ihre Selbstachtung nicht verloren Wir, die wir die Bibel der Welt gegeben, sind stets verspottet worden; wir, die wir das größte Schauspiel, indem wir alles überdauert, der Welt gegeben, sind vielfach auf der Bühne lächerlich gemacht worden. Trotz aller Leiden ist das jüdische Haus rein und heilig geblieben. Rabbiner Lippschütz und Dr. Louis Cusher wandten sich im Jargon um Gabe»! bittend an die Versammlung. Dr. Köhler sprach den Schlußsegen. Die augenblickliche Sammlung hatte ein großes Ergebnis, das seitdem noch beträchtlich vermehrt worden ist. Die Jarganzeitungen in Amerika dienen nicht nur der Vermittelung von Tagesnachrichten, sondern bieten volkstümlich - wissenschaftliche Aufsätze, Besprechungen und zwar Arbeiten höchsten Wertes. Fast alle Tolstoischen Werke, Gorky, Dostojewsky, Guy de Maupassant, Zola, Stevenson, Spielhagen, Auerbach u. a. werden dort in Uebersetzungen veröffentlicht. Der Jude ist seinem Wesen nach ernst, und leichte Speise mundet ihm nicht. Er liest zumeist nicht zum Vergnügen, sondern um sich zu belehren. Was ihm in Rußland, im Lande der Geistesknechtung versagt gewesen, das sucht er hier gierig als geistige Speise auf und die Russen, die schon längere Zeit aus ihrer Heimat fort sind, lesen diese Jargonblätter weniger. Sie haben aus ihrer Heimat tiefe Verachtung des Jargon mitgebracht Sie wenden sich deutschen oder russischen Zeitungen zu. Da sie das Englische gut beherrschen, werden sie eifrige Leser der besten englischen Bücher, Zeitungen und Vierteljahrsschriften. Wenn ihr Alter ihnen die Aneignung weiterer Sprachkenntnisse nicht ermöglichte, haben sich allerdings auch die älteren Einwanderer an die Jargonschriften halten müssen. Das jüngere Geschlecht dagegen, selbst wenn es mit der Außenwelt mehr zusammenkommt und gut englisch liest, bleibt dennoch den Jargonschriften treu, weil sie ihm jüdische Nachrichten übermitteln und es mit dem Boden der Heimat in Zusammenhang erhalten. So ists dem Jargon noch Vorbehalten, das Seinige zur Lösung der Judenfrage zu tun. j e u i l l e t o n. Rcb Zigeuner. Von Bastelte Fried. (Schluß.) Ihr Vertrauen in seine Treue war unerschütterlich. Vielmehr bangte sie für seine Person. Sie hatte soviel Abenteuerliches über das Leben im Zigeunerviertel sagen hören, von den Raufereien und den wilden Racheakten, die dort vorkamen. Wie wenn Joszi, der in der letzten Zeit die Gesellschaft anderer Zigeuner auffallend gemieden hatte, das Opfer eines solchen Racheaktes geworden war? Mirl schauderte bei diesem Gedanken, der sich ihr immer wieder aufdrängte. Es war an einem Sabbate in den ersten Nachmittagsstunden. Die Tante war über dem Lesen eines im Jargon geschriebenen Erbauungsbuches eingeschlafen, während Mirl in ihrem Gebetbuche den Perek, die Weisheitssprüche unserer Alten, las. An die Stubentür wurde ungestüm gepocht. Die Tante, von dem lauten Klopfen erweckt, blickte erwartungsvoll auf die Türe: Mirl hatte diese geöffnet und herein trat eine hohe Männergestalt in emer Kleidung von dem Stoffe und dem Schnitte, wie sie die arbeitende Klasse der Juden von Jassy an Feiertagen trägt. Mit einem lauten: Gut Schabbes! begrüßte der Mann die anwesenden Frauen. Die Tante, den Ankömmling erkennend, ries erschreckt aus: „Sch'ma Jisroel! Der Zigeuner! „Muhmeleben", sagte dieser ausbessernd, „Reb Zigeuner; denn ich habe bei meinem Uebergange zum Judentume nicht

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