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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · p. Seite 623

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 623 (sequence 15)
Language
German
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Nr. 44 Israelitische Wochenschrift. Seite 628 Und während Saars singende Stimme das Deutsch noch einmal in einem aus allen möglichen Idiomen zusammengesetzten .Jiddisch-Jargon wiedergab, und Onkel Sem vergnügt den Kopf schüttelte, und Tante Bekkie lächelnd lauschte, als ob das gar nicht möglich sein könnte, als ob das gottsunmöglich wäre, saß sie nur da und nickte, nickte nach der Lampe, seelig, dem Weinen nah, genießend, so dankbar, so gerührt dankbar, daß der liebe Gott solche Wunder geschehen ließ. . . . „Nun?" fragte Saar, „haben w'r nu auch nur'n Körnche übertrieben?" Onkel Sem schwieg; paff, reinweg paff. Seinen graubärtigen Kopf wiegte er starr vor Staunen hin und her, als ob der Klang so vieler Worte ihm rechts und links die Ohren betäubte. Tante Bekkie wischte sich die tränenfeuchten^Aeuglein ab, die immer entzündeten Aeuglein, die nur mühsam ins Licht blickten. Sie machte es wie Onkel Sem, ließ ihr dürres Köpfchen auf den gewaltigen Wogen der Rührung treiben, zog ihr Mündchen zusammen, klappte ihre Zunge gegen den korkigen Gaumen, was Klänge, wie das Husten erkälteter Hühner V hervorrief, und Mutter, Saar und Onkel Sem ohne weiteres das Wunder verdeutlichte, das Wunder, daß doch eigentlich gar nicht denkbar war, — rein unglaublich erschien. . . . „Ja —"das ist unser Joozep — das ist mein Joozep"— sagte Mutter seltsam glücklich. Dabei sah sie gar nicht das Zimmer, nicht das Tischtuch, nicht die Lampe, nicht die Gardine, nicht das kleine idiotische Brammetje, das spielend an der Schwefelholzdose herumzerrte, sah nichts von alledem, was sie vor Augen hatte. Sie weilte im Lande Nirvana, ohne Körper, ohne Sorgen, ohne Umgebung, ohne irgend einen Gegenstand der Wirklichkeit, ohne irgend etwas, das sich betasten, beriechen oder anfassen ließ — sie starrte nur vor sich hin und lachte seltsam, lachte der weiten Ferne zu, worin wie ein schnell treibendes Wölkchen das Gesicht ihres Joozep auf den göttlichen Zeitungsworten schwebte — auf den Worten, die da waren und doch nicht da waren — nein, die ganz bestimmt nicht da waren und dennoch seinen Krauskopf mit ungekanntem, blitzendem Nimbus umgaben. Da störte sie Onkel Sem. „Unglaublich," sagte er, „ganz unglaublich! — Lies es doch, bitte, noch einmal. ..." Und wieder, erfreut, daß es so einwirkte, las Saar, hielt das gelbe abgegriffene Zeitungsblatt unter die Lampe und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die mit Rotstift angestrichenen Worte: „Herr Josef Kahn aus Amsterdam besitzt hervorragende Eigenschaften als Bariton und zeigt auch großen künstlerischen Ernst. Wenn nicht alles täuscht, dann wird ihm auf dem Gebiete eine ehrenvolle Karriere bevorstehen. . . . Wo der rote Bleistiftstrich zu Ende war, folgte die Rezension über einen andern Sänger: da brach Saar kurz ab. Und nun barst die Bewunderungsbombe los. „Ko—lo—sal!" schrie Onkel Sem heiser, „steht das da Alles gedruckt?" . . . „Welch ein Wunder Gottes!" rief Tante Bekkie, mit den tränenfeuchten Augen zwinkernd. „Und wenn das aber nu gar nit Joozep is'?" — philosophierte Onkel Sem — es war ja kaum denkbar. — Joozep, der vor einem Jahre als Chorsänger nach einem deutschen Plätzchen gegangen war — Joozep, der freilich 'ne Pracht von 'ner Stimme hatte, aber doch immer nur im Chor mitsang — Joozep nun so auf einmal ruhmbedeckt in der Zeitung. . . . „Ja, 's wird Joozep vielleicht nit sein!" schrie Saar unter dem Lampenlicht. „Wie kann man das nur annehmen? Joozep Kahn — Joozep Kahn. Als ob vielleicht zwei Baritons Koozcp Kahn da wären. — Als ob er die Zeitung nit selbst geschickt hält'! Och, welch 'ne Verrücktheit!" Nun, Onkel Sem begriff das denn auch ganz gut. Er hatte das auch man so gesagt — so man ganz verblüfft vor Erstaunen über die Ehren, die Joozep in Deutschland genoß. „Ich hab's immer gedacht, — immer gedacht," sagte Tante Bekkie," mich nimmt's kein Wunder, lest mir's nochmal vor. ..." Das gelbe Zeitungsblatt knitterte unter der Lampe, bog sich in weiche Wellenlinien und Saars Jiddisch, Saars Deutsch, das aus dem Deutschen zu einem komischen Holländisch mit singenden Anfängen und Endungen überging, durchtönte, zum dritten Mal (seit Tante Bekkies und Onkel Sems Anwesenheit), zum unzählbarsten Male (seit heute Morgen) das kleine beklommene Zimmerchen ..." besitzt hervorragende Eigenschaften als Bariton. ..." Mußt d'r dein Lebtag aufbewahren," sprach Onkel Sem. „Bleibt bis an mein End aufgehegt," sagte Mutter noch in dem Nachrausch über das Ereignis. Einen Augenblick stierten sie alle nach der Lampe, durchzogen ihre Atemklänge das Zimmer, grübelten sie gemeinschaftlich über Joozep . . . Joozep . . . Joozep . . . und über die herrlichen Worte in der Zeitung. . . . Brammetje spielte mit dem Schwefelholzhöschen, stierte nach Großmutter hin, die nichts sah, stierte nach Onkel und Tante hin, die auch nichts sahen und riß mit seinen Schmutzfingerchen, die von Zucker und Kaffee klebten, ein Schwefelholz an. „Willste das wohl lassen!" knurrte Saar. „Bleibste gleich davon!" . . . Zugleich gab sie ihm einen Schlag hinter die Ohren. „Na," beschwichtigte Tante Bekkie. „Das Kind wird ein Brandstifter", schnauzte Saar los: so was habe ich ja noch nie gesehen . . . Brammetje blickte verdrießlich und das Gespräch bewegte sich wieder um die Rezension. „Er hat mir heute Morgen fünf Mark gesandt", erzählte Mutter „und einen Brief dabei — der Engel von nem Jungen! — Der gesegnete Jung! — Aber die Zeitung, die Zeitung hat mir v:el mehr Vergnügen gemacht — und wenn Du mir zehn Gulden dafür gäbst. Du bekämst si>' nit." . . . „Für zehn? — Noch nit für hundert!" sagte Saar. „Wer hätt das wohl gedacht, daß w.r noch mal m die Zeitung kommen würden . . . Kahn . . . Kahn . . . Kahn ... in ne deutsche Zeitung ... ich wollt meinen Augen heut Morgen nit trauen." . . . (Schluß folgt.) MM Mk. >.—, 1.20, 1.40, 1.50, 1.60, 1.70, 180 190, 2.— pro V2 Küo. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzlgerstr. 83, Spittelmarkt 8 — 10 und Tauenzienstr. 15.

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