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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · p. Seite 607

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 607 (sequence 16)
Language
German
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Nr. 43. Israelitische Wochenschrift. Seite 607. weich stimmte zum Mitleid mit jedem göttlichen Geschöpf, ja auch mit der unvernünftigen Kreatur, und wir sollten Blut vergießen einem Gott zu Ehren, der vom flammenden Sinai herab zu uns die Worte gesprochen: „Du sollst-nicht morden!" der uns ferner geboten hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst? So mußtest du sprechen, aber nicht wie ein Wilder dreinschlagen". „Ich antwortete dir damals: Man kann ja nicht mit ihnen so sprechen, sie glauben es ja nicht, sie kennen unsere Lehre, nicht, sie sind voreingenommen, verhetzt!" „Darauf erwiderst, du mir: Sprich mit ihnen voller Sanftmut, voller Liebe und die Vorurteile werden fallen. Wären sie noch so stark, sie müssen weichen vor der Allgewalt des überzeugungsvollen Wortes, vor einer Gesinnung voll Liebe. Denn stark wie der Tod ist die Liebe, mein Sohn, sprach der weise König in seinem hohen Lied der Liebe. So sprachst du, Großvater, damals. Oder erkennst du deine eigenen Worte nicht mehr, und waren es Phrasen, die der jugendkräftige Mann auswendig gelernt hatte, der Greis aber verleugnet?" Des kranken Mannes hatte sich Unruhe bemächtigt. Er wälzte sich auf seinem Lager hin und her. Endlich flehte er den Enkel an: „Dringe nicht mehr in mich, ' Paul, ich fühle, daß ich weich werde, und mag es doch nicht werden " „Du willst nicht, Großvater, warum denn nicht? Erklärtest du mir nicht einmal, daß der biblische Ausspruch, der Mensch sei im göttlichen Ebenbild geschaffen, so aufzufassen sei, daß der Mensch fähig sei und daher auch beflissen sein müsse, sich göttliche Eigenschaften anzueignen, sagtest du mir dies so, oder irre ich, nachdem ich dich etwa falsch verstanden habe?" „Du irrst nicht, mein Kind, es ist wirklich so, aber was willst du mit dieser Erinnerung bezwecken?" „Großvater, sollen unsere Feinde, die sich erfrechen, unfern Gott als Gott der Rache, der Lieblosigkeit zu bezeichnen, sollen sie Recht behalten, wenn der alte Jakob Schlesinger, der immer in Gottes Wegen gewandelt ist, sich den Haß und die Rachsucht und die Unversöhnlichkeit zur Richtschnur gewählt hat?" Schlesinger stöhnte schmerzlich auf und bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen. Paul hat gesiegt. Sein Appell an das Vaterherz, an die Menschenliebe des Greises war wirkungslos geblieben. Jetzt hatte er die Saite in dessen Herzen gefunden, die allein in der fürchterlichen Dissonanz dieses verstörten Lebens harmonisch erklang. Das war die grenzenlose Liebe, die inbrünstige Verehrung seines Gottes. Auf diesen sollte auch nicht der Schein eines Verdachts fallen, daß er in seiner Lehre nicht die reinste edelste Duldung geboten hatte. Habe Dank für deinen unermüdlichen Eifer, Paul! Der Gott, dem ich mein Lebenlang gedient habe mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und meinem ganzen Vermögen, dem ich nachstreben will, solange ein Lebenshauch in meinem Körper ist, dieser Gott ist kein Gott der Rache, der ist ein Gott der Liebe, der Versöhnung, des Friedens. Geh und rufe deinen Vater hierher, ich will ihn segnen, bevor ich sterbe!"- Wessen Feder vermöchte das ergreifende Wiedersehen zwischen Vater und Sohn beschreiben, wer wäre so vermessen, die Herzensregungen der beiden nach so langer Trennung Wiedervereinigten schildern zu wollen? Stumm blickten sie einander lange in die Augen, mit wehmütigen Blicken die Verheerungen betrachtend, die Zeit und Seelenqualen jedem von ihnen auf dem teuren Antlitz hervorgebracht hatten. Dann ergingen sich beide in Vorwürfen gegen sich selbst, die aber von Esther unterbrochen wurden. „Ihr habt beide gefehlt, mehr oder weniger. Ihr habt auch bcibc viel gebüßt. Vergällt euch nicht selber die frohe Stunde des Wiedersehens. Gedenkt heute nur alles dessen, was ihr euch gegenseitig wart, was ihr euch noch sein wollt." „Du hast Recht, Esther, wir müssen kargen mit der Zeit, die uns noch vergönnt ist, beisammen zu bleiben." Schlesinger schien durch die Versöhnung mit seinen: Sohn verjüngt zu sein; seine Umgebung, selbst Paul, gab sich der Hoffnung hin, daß für diesesmal das ärgste überstanden sei, und daß ihnen der Teure noch auf einige Zeitlang geschenkt bleibe. Aber nur zu bald trat eine Reaktion ein. Die körperlichen Kräfte verfielen immer mehr, auch das Bewußtsein schwand oft für ganze lange Stunden. Einmal, als gerade Frau, Sohn und Enkel an seinem Bett weilten und mit ängstlicher Spannung den immer schwächer werdenden Atemzügen lauschten, öffnete der Greis die Augen und sprach mit schwacher Summe: Liebet Euch untereinander, meine Kinder! „Denn stark ist die Liebe wie der Tod!" Das waren Jakob Schlesingers letzte Worte. Willi Mk. I.—, 1.20, 1.40, 1.50, ICO, 170, IGO. 1,90, 2.— pro V2 Kilo. Käuflich in fast allen Geschäften de. Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83, Spittelmarkt 8—10 und Tauenzienstr. 15. A. Macher & Co. Inhaber: August Macher, Steinbildhauer. Westend, Neuer Fürstenbrunner Weg. —-1 Fernsprecher: Amt Charlottenburg, No. 1504. | — Größtes Lager Charlottenburgs in modernen Grabdenkmälern Grabfiguren und Grabgittern. Spezialität; Erbbegräbnis-Anlagen Erbbegräbnisgitter. 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