Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 40 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitschrift für die Gchmtmterkffen des Judentums. Webst öem Weibl'crtt: Jüdisches LitLevcrLurbl'crtt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Berlin C., Woß-Straße 3 Telephon: Amt I, 6729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland n. Österreich-Ungarn 3.— Mk. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anrrigerr für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Urrrrrrner 40 Kerlirr, 6. Oktober 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rost-Straste 3. Inhalt. Artikel: Zum Versöhnungsfest. Von Dr. B. Seligkowitz- Kölhen. — Jaaleh! — Gottes Segen. Von Kreisrabbiner Dr. Be er mann-Insterburg. — Das Davidswappen an der Meisel-Synagoge in Prag. Von Dr. Alexander Kisch. — Das häusliche und gesellsä aftliche Leben der alten Hebräer. (Fortsetzung.) — Aus Rußland. — Englische Briefe. — Gedanken und Aussprüche berühmter Männer über Juden und Judentum. — Politik: Rücktritt des Abgeordneten Bruhn von der „Staatsbürger Zeitung". — Die Pückler-Affäre — Wochenchrontk. — Feuilleton: Die Macht der Liebe. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) — Inserate. Zum Ukrsöhuuugsftst. Bon Dr. B. Seligkowitz-Köthen. Es haben Denker versucht, sämtliche Pflichten der Menschen auf einen allgemeinen Satz zurückzuftthren. Einer sagte, die oberste Pflicht, die alle übrigen einschließe, sei die, durchweg bei der Wahrheit zu bleiben. Und es ist etwas an diesem Ausspruch; denn es gibt kaum eine Sünde, die nicht mittelbar eine Unwahrheit einschlösse. Andere meinten, Gott ähnlich zu werden, sei die allumfassende Pflicht. Und wer möchte leugnen, daß auch darin etwas Richtiges ist, sobald nur erst festgestellt ist, welche Eigenschaften Gottes wir uns aneignen sollen. Denn es könnte sonst Jemandem einfallen, statt Gottes Güte nachzuahmen, lieber seine Schrankenlosigkeit sich zum Muster zu nehmen. — Wir Israeliten brauchen diese Grübeleien der Weisen nicht. Uns ist als großer Grundsatz der Thora aufgestellt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" oder, wie Hillel dafür gesagt hat: „Was dir unangenehm ist, tue auch keinem andern!" — mit dem herrlichen Zusatz: Das sei die ganze Thora, alles übrige die Erklärung. Diese Lehre hatte Hillel einem Heiden zur Antwort gegeben, der das Judentum in der kürzesten Zeit, oder solange er auf einem Fuße stehe, kennen lernen wollte. Die Antwort ist gewiß sehr kurz, enthält aber nicht bloß das vorzüglichste Moment, sondern auch den schwierigsten Teil des Judentums. Denn leichter ist es, Speisegesetze und Sabbatgebote zu beobachten, als alles zu unterlassen in Worten und Handlungen, was den Nebenmenschen kränken oder ihm Schaden zufügen könnte. — Christliche Theologen machen eine verlegene Miene, wenn sie auf Hillel zu sprechen kommen. Sie wollen es nicht zugeben, daß zur Zeit, als der Stifter der christlichen Religion noch ein Kind war, Hillel bereits die wichtigste Lehre der christlichen Religion vorgetragen hatte, und daß dieser im Geiste des jüdischen Meisters sein Lehramt ausübte. Sonderbar! Die Vertreter des Judentums bekennen es ohne jede Restriktion, daß nicht durch Hillel, sondern durch Christus das Gebot der Nächstenliebe den Völkern bekannt wurde. Das Verlangen der Vertreter des Judentums ist ein sehr bescheidenes, daß man ihnen nicht eine Lehre aus den Evangelien vortrage, mit der ihre Väter vor dem Erscheinen Christi vertraut waren. Das ist doch ein echter Streit von Theologen, ob dem Judentum oder dem Christentum die Priorität in dieser Beziehung zukomme. Nicht das ist die Hauptsache, wer zuerst gelehrt hat, daß das Gebot der Nächstenliebe das Hauptgebot der Religion sei, sondern wer sich bemüht hat, es praktisch zu befolgen und seinen Gehorsam durch Taten beweist. — Vergleicht man aber das ethische Handeln der Juden mit dem von Millionen Christen, so findet man, daß jene im Punkte der Nächstenliebe keine Raffen- und Religionsunterschiede kennen, daß sie fördern, helfen, unterstützen, Trost spenden, und es ihnen möglich ist, ohne um Geburtsscheine und Taufzeugnisse sich zu kümmern, während leider so viele, die sich Christen nennen, das Gebot der Nächstenliebe nicht hören, sobald es sich um einen Juden handelt. Denn nicht jene Religion erreicht ihr Ziel, erfüllt ihre Aufgabe, die bloß gute Lehren im Munde führt und von der Macht des Wortes allein alles Heil erwartet, sondern die mit einer weisen, religiösen, praktischen Pädagogik verbunden ist, die nicht bloß belehrt, sondern erzieht. Die heiligen Zeiten des Judentums, wie sie gefeiert weiden, waren seit Urbeginn ein erziehliches Organ, um das jüdische Volk sittlich zu kräftigen und alle jene Gefühle des menschlichen Herzens anzuregen, die mit der Macht von Naturgewalten zum sittlichen Handeln drängen und treiben. Unter den Festen ragt nun besonders der Versöhnungstag hervor, der einen gar mächtigen Zauber auf jedes Israeliten