Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 535 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 38. Israelitische Wochenschrift. L>eite 635 Feuilleton. Die Macht der Liebe. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Die Schule war von jeher eine Privatanstalt gewesen, und war durch das Bedürfnis der jüdischen Familien des Ortes und der Umgebung entstanden, ihren Kindern deutschen Unterricht angedeihen zu lassen, wozu auf andere Weise gar keine Möglichkeit war. Das Gesuch um eine staatliche Subvention war abschlägig beschieden worden, weil es vom Landesschulrat nicht genügend unterstützt war. Jetzt hätte man gerne eingelenkt, um die Schule zu erhalten, sie wäre vielleicht verstaat- , licht worden — es war aber viel zu spät. Auch wäre nicht mehr die notwendige Schülerzahl aufzutreiben gewesen. Die Juden, an ihrer Existenz, ja an ihrem Leben bedroht, durften es nicht mehr wagen, ihre Kinder einer deutschen Lehranstalt anzuvertrauen. Die gegen die Fenster der jüdischen Bewohner gerichteten Steinwürfe waren ein bezeichnendes Vorspiel dessen, was kommen würde, wenn die Juden nicht voll und ganz die tschechisch-nationale Sache zu rhrer eigenen machen würden, und so in die Enge getrieben, gaben sie nach. Unter diesen Umständen konnte freilich nicht daran gedacht werden, den des tschechischen Idioms gänzlich unkundigen Paul nach Böhmen zu schicken, es sei denn in eine deutsche Gegend der Provinz, und Doktor Schlesinger mußte es schließlich als Glück betrachten, daß Frau Weil, Pichlers Schwester, den Knaben zu sich nahm. Seit Jahren weilte Paul in Budweis, wo er das deutsche Gymnasium besuchte. Frau Weil war ihm eine liebevolle Pflegerin geworden, ihr ältester Sohn ein guter Kamerad, der ihn in seinem Studium unterstützte und ihm in allen Stücken mit gutem Beispiel voranging. Aus dem kleinen schwächlichen Paul war ein stattlicher junger Mann geworden. Die großen Ferien verbrachte Paul alljährlich bei seiner Mutter in einer nächst Wien gelegenen Sommerfrische. Der Vater besuchte jeden Sonntag seine Familie, und nahm hie und da den Sohn mit sich nach Wien, um ihn in ein Theater zu führen, und ihm die Museen und andere Sehenswüvigkeiten der Großstadt zu zeigen. Seitdem Paul das-vierzehnte Jahr zurückgelegt hatte, machte seine Mutter unablässig den Versuch, ihn zur Taufe zu überreden, aber jedesmal erhielt sie die gleiche Antwort: „Das ist ein Schritt, der über mein ganzes Leben entscheidet. Ich fühle mich noch nicht reif genug, um diesen so ohne weiteres zu unternehmen. Es eilt ja nicht. Ich habe ja noch Zeit dazu." Keine Bitten, Thränen, ja Drohungen der Mutter konnten ihn veranlassen, andern Sinnes zu werden, oder auch nur seine Gepflogenheit, mehreremale des Jahres die ihr verhaßten Großeltern zu besuchen, aufzugeben. Bei Gelegenheit der Schulferien, zur Zeit der Oster-, Pfingst- und Weihnachtsfeiertage schnürte der junge Gymnasiast sein Bündel und besuchte die teuern Großeltern, so sehr die Mutter auch dagegen eifern mochte. „Dort wird der Junge nur gegen uns verhetzt", sagte Maria öfter unter Tränen^ „laß ihn nicht mehr hin, Hans, sprich ein Machtwort; gebrauche deine Autorität, daß er sich vom Judentum lossage, sonst ist er uns ganz verloren." Gewohnt nachzugeben, sagte einst Schlesinger zu seinem Sohne, als sie zusammen in Wien angelangt waren: „Paul! Entscheide dich einmal; du bist jetzt zwischen Tür und Angel. Wie gedenkst du es künftig mit deiner Religion zu halten? Verstehe mich recht, mein Junge! Es ist meine Pflicht als dein Vater, welche mir diese Frage gebietet. Beeinflussen werde ich dich auf keinerlei Weise. Ich nehme an, daß du selbst schon darüber nachgedacht und einen Entschluß gefaßt haben wirst." „Papa!" antwortete der junge Mann ernst, „bitte, beantworte mir zuvor meine Frage: „Hand aufs Herz! Fühlst du dich glücklicher als Christ, wie du dich als Jude gefühlt hast?" „Ich bin heute Landesgerichtsrat, während ich als Jude Adjunkt geblieben wäre", sagte Schlesinger ausweichend. „Dies ist nicht die richtige Antwort auf meine Frage, Papa! Fühlst du dich hier innen", und er zeigte bei diesen Worten auf seine Brust, „so zufrieden und glücklich, wie du dich nach einer guten Tat zu fühlen pflegst?" „Ich habe den Herzenswunsch deiner Mama, meines über alles geliebten Weibes, erfüllt, habe ihr durch unfern Uebertritt eine ihrer würdige Stellung in der Gesellschaft verschafft, mir selbst einen Wirkungskreis eröffnet, der mich vollauf befriedigt, und der mich auch materiell befähigt, für deine Ausbildung und deine Zukunft zu sorgen. Dies alles verschafft mir innere Beruhigung." „Und deine Eltern, Papa? Dein frommer, greiser Vater, deine gütige, liebreiche Mutter, an diese beiden hattest du nicht gedacht?" „Das wohl, mein Kind, jedoch ich hatte die Wirkung auf sie unterschätzt. Ich glaubte, daß sie wohl aufbrausen, mir eine zeitlang zürnen werden, daß es aber meinen spätern Bemühungen gelingen werde, sie zu versöhnen." „Wie konntest du das annehmen, Papa? Weißt du denn nicht, daß der Großvater mit allen Fasern seines Herzens am Judentum hängt, und zwar umsomehr, je stärker der Druck ist, dem er als Jude ausgesetzt fft? Du kennst wohl die Erzählung von jenem Wanderer, welcher der Gegenstand einer Wette zwischen Wind und Sonne geworden, wer von beiden ihm seinen Mantel entreißen werde. Der Wind wütete und tobte, aber umso fester hielt der Wanderer den Mantel zum Schutze fest. Hierauf sandte die Sonne ihre glühenden Strahlen auf das Haupt des Wanderers, so daß dieser sich entschloß, den Mantel abzulegen. Dieser Wanderer sind wir, Papa! Der schützende Mantel ist unsere Nationalität. Gerne würden uns die Völker, unter denen wir leben, dieser entkleiden. Aber nur dann, wenn sie uns freundlich anbücken, uns mit den Strahlen der Nächstenliebe bescheinen und uns die freundliche Entwicklung unserer Eigenart gönnen, können sie es erreichen, daß wir freiwillig diesen Mantel ablegen, den uns der wilde Sturm ihres Hasses, der eisige Hauch ihrer Verachtung nicht rauben konnte. (Fortsetzung folgt.) Mk. l.—, 1.20, 1.40, 1.50, 1.60, 1.70, I 80, 1.90, 2.— pro % Kilo. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83, Spittelmarkt 8—10 und Tauenzienstr. 15.