Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · p. Seite 521

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
Seite 521 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606883--9563-9606896
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 621 Feuilleton, vie Macht der Liebe. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) „Ja wohl! Wir Juden," und er sprach dies Wort mit besonderer Betonung, „wir jüdischen Schüler haben Religionsunterricht an den Tagen, wo die christlichen frei haben; das ist Mittwoch nachmittags und Sonntag vormittags." „Und Sonnabends nicht? Da ist ja auch der Nachmittag frei?" „Ja, aber da haben wir Feiertag; wir dürfen überdies am Sonnabend, den wir Sabbat nennen, nicht schreiben. Da ist kein eigentlicher Religionsunterricht. Wir besuchen an diesem Tag den Jugendgottesdienst, wo immer eine Exhorte abgehalten wird. Darauf freue ich mich schon die ganze Woche, Herr Pichler!" „Wie oft habe ich dir gesagt, daß Herr Pichler dein Onkel ist, und du ihn so zu benennen hast?" rügte die Mutter. „Entschuldigen Sie, Herr Pichler, ich nenne nur wirkliche Anverwandte Onkel." Frau Maria war während des Gesprächs bald rot, bald blaß geworden; bei den letzten Worten des Knaben bedeckte Zornesröte ihre Wangen, und sie rief ihm zu: „Zur Strafe für deinen Ungehorsam wirst du heute in deinem Zimmer allein speisen, statt mit uns bei Tisch. Laß dir aber nicht abermals einfallen, der Minna Gesellschaft zu leisten, und ihr auf ihre neugierigen Fragen deine dummen Schulgeschichten zu erzählen; die Minna ist keine Gesellschaft für dich, Paul!" Dieser machte eine fast soldatisch steife Verbeugung und verließ das Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen. „Sie waren zu streng gegen den Knaben, gnädige Frau! Sie sind eine spartanische Mutter; sich einer solch nichtigen Ursache wegen so aufzuregen!" „Haben Sie den Grund dieser strengen Maßregel denn nicht herausgefunden? Ich mußte ja um jeden Preis Paul entfernen, damit wir bei Tisch die ihn betreffenden Verhandlungen führen können. Ah, da kommt mein Mann." „Grüß Gott!" sagte dieser im Eintreten, indem er Pichler die Hand zur Begrüßung reichte, „gescheidter Einfall von Ihnen, uns wieder einen Teil Ihrer kostbaren Zeit zu widmen. — Ist das ein Hundewetter draußen; es friert und schneit, als wäre Weihnachten vor der Tür, und wir haben doch erst den 2. Dezember. „Auch heute keine Ruhe, armer Freund, auch heute im Amt gewesen?" „I bewahre! Heute ist der Jahrestag der Thronbesteigung Seiner Majestät, da werden wir Beamten zum Hochamt in den Stefansdom kommandiert. Bisher habe ich mich unter dem Vorwand, daß ich Jsraelite bin, von dem lästigen Kirchenbesuch freizumachen gewußt; aber von jetzt ab entfällt diese Ausrede. Na, mitgegangen, mitgefangen und dann auch mitgehangen." Marie runzelte die Stirn. „Wer wird in so verächtlichem Ton von einem Kirchenbesuch sprechen, du Schlimmer!" sagte sie verweisend. „Bin ich wirklich schlimm? Kann sein, ich weiß es selbst nicht; ich bin eben ein anderer geworden, als ich früher war. Ich kenne mich manchesmal selber nicht. Verächtlich spreche ich prinzipiell von keinem Akt der Religiosität. Ich achte jeden solchen. Aber dieses Beten auf Kommando ist mir in der Seele zuwider. Die Pracht des Gesehenen und Gehörten hat mir Auge und Ohr gefesselt, aber mein Herz kalt gelassen. Ich bin in dieser Hinsicht so ganz Jude geblieben." „Hans, Hans, du kränkst mich mit diesen Worten!" „Kränkeich dich, mein Lieb? Das ist wirklich nicht meine Absicht gewesen; ich bin es so gewöhnt, immer die Wahrheit herauszusenden." „Das darf man ja nicht", meinte Maria, „besonders du als Staatsbeamter mußt in deinem Urteil über religiöse Dinge recht behutsam sein. Eine unvorsichtige Aeußerung kann dir einmal höheren Orts recht übel ausgenommen werden." „Die Frau Gemahlin hat Recht, lieber Schlesinger. Eine allzufreie Aussprache kann Ihnen beim Avancement hinderlich werden", mengte sich Pichler ins Gespräch der beiden Gatten. „Was für ein Hindernis wäre denn noch im Wege, wenn ich, Ihrer Ansicht nach, das letzte weggeräumt habe, meine Konfession?" „Soll das ein Vorwurf für mich sein?" „Keineswegs", antwortete Schlesinger, „nur eine Meinungsäußerung." Als er bemerkte, daß sich das Gespräch auf ein unliebsames Gebiet begeben hatte, lenkte der Hausherr ein, und wandte sich an seine Frau mit der Frage: „Paul noch nicht aus der Schule zurück, was ist das? Es wird ihm doch nichts passiert sein. Es ist Glatteis draußen." „Er ist schon eine hübsche Weile zurück, war jedoch unartig, daher habe ich ihn in sein Zimmer geschickt, wo er auch Mittag essen soll." „Unartig? Das bin ich von dem Jungen nicht gewohnt. Was wars denn?" „Nichts von Bedeutung", antwortete Pichler statt der verlegen ° dreinblickenden Maria. „Er wollte mir nicht Onkel sagen." „Da hat er ja ganz recht. Sie sind ja auch nicht sein Onkel, Pichler! Man hat oft genug an der Verwandtschaft, die man besitzt, man braucht sich solche nicht noch anzudichten. Ich will deine mütterliche Autorität nicht untergraben, Maria, sonst hätte ich den Jungen gleich hereingerufen. Mir schmeckt das Essen nicht recht, wenn er mir nicht gegenübersitzt. Nun, ich muß mich ohnedies gewöhnen, mich ohne ihn zu behelfen; nächste Woche geht er nach Böhmen zu meinen Eltern." Pichler wechselte mit der Hausfrau einen Blick des Einverständnisses. „Ist dies auch klug von Ihnen gehandelt, Schlesinger?" „Klug oder unklug! Es ist einfach notwendig. Meinen Sie denn, ich hätte mein Leben lang nur klug gehandelt, niemals eine Dummheit gemacht?" Ohne auf den geheimen Sinn dieser Worte zu achten, frug Pichler: „Was soll der Junge in dem böhmischen Nest anfangen? Tschechisch versteht er nicht, und deutsche Schulen dürften kaum dort sein." „Doch, es ist daselbst eine gute deutsche Schule, eine Musteranstalt sogar. Diese Schule ist von der israelitischen Kultusgemeinde eingerichtet worden, und wird von ihr mit großen Opfern erhalten. Die soll er zwei Jahre lang besuchen. Dann kommt er in eine Mittelschule. Wohin, das weiß ich noch nicht; doch das hat Zeit." „Entschuldigen Sie, lieber Schlesinger, wenn ich mich einmenge. Da Sie aber dieses Thema in meiner Gegenwart berührt haben, so gestatte ich mir, auch ein Wort dreinzureden. Ich wäre nicht dafür, jetzt, wo die Erbitterung Ihres Vaters gegen Sie noch allzu rege ist, das Kind hinzugeben; es könnte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.