Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 469 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. Israelitische Wochenschrift. Seite 469. Die heutigen Juden sind daher zweifellos ein Produkt der Rassenmischung. Hinsichtlich der Rassenmischung herrschen im allgemeinen bekanntlich verschiedene Ansichten. Ten Fanatikern der Nassen- \ einheit, deren Ideal die denkbarst enge Zucht bis zur Inzucht unter Geschwistern, wie bei Tieren, bildet — muß entgegengehalten werden, daß. man recht traurige Erfahrungen besitzt von Familien, wo eine strenge Inzucht herrscht und daß erfreuliche Resultate durch Vermischung von Nassen erzielt worden find. Die modernen Juden können als ein ausgezeichnetes Beispiel von Rassenkreuzung angesehen werden. > Von Ernst Renan stammt das geflügelte Wort der „in- > ferioren Rasse der Semiten". Nach der persönlichen Versicherung, die dieser sonst so ausgezeichnete Mann dem Vortragenden gab, hat niemand mehr als er (Renan) selbst diesen Ausspruch tief bedauert. Tatsächlich fragt man sich vergebens, worin diese Inferiorität bestehen solle. Die Semiten hatten lange vor Homer epische Dichtungen; sie hatten vor sechs Jahrtausenden bereits schöne Gebäude, zu einer Zeit, als unsere europäischen Ahnen in Felsenlöchern und Erdhöhlen wohnten. Sie hatten längst nicht nur große Bauwerke, sondern Waffen und Geschmeide, als diese noch lange keine Kenntnis von den Metallen besaßen. Aus der semitischen Kultur sproß bekanntlich das Christentum hervor. Lange vor der europäischen Kultur aber blühten Babylon, Ninive, Karthago, Bagdad, später Granada. Aber nicht nur in kultureller oder politischer Hinsicht, auch in militärischer Beziehung hat diese „inferiore" Raffe Kraftproben abgelegt. Assyrische Könige schufen ein Weltreich, vor Karthago zitterten die Römer und die Muselmanen eroberten beinahe die ganze Kulturwelt. Schon im Jahre 1892 hatte der Vortragende in seinem damals zu Ulm gehaltenen Vortrag darauf hingewiesen, wie ungerechtfertigt das Wort „inferior" für die semitische Nasse gewählt sei, wenn die hohe geistige Entwicklung, der Sinn für Fortschritt und geistige Freiheit in Betracht gezogen werde, wie ja an der Hand der Geschichte nachzuweisen ist. Damals erhob sich Widerspruch gegen diese Ausführungen, und speziell wurde der Vorwurf dem Vortragenden gemacht, auch russische Juden als modern und als Kulturträger bezeichnet zu haben. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß die russischen Juden in einem typisch unmodernen Staate, unter einem Pobjedonoszew, das werden mußten, was sie sind, was übrigens nur eine vorübergehende Erscheinung darstellt. Auch für diesen unglücklichen östlichen Zweig, der unser Mitgefühl in höchstem Grade herausfordert, wird die Stunde der Befreiung schlagen, und vielleicht bricht die Morgenröte für diese unglücklichen, unterjochten Menschen bereits an. Durch die neuere Geschichte Ruppies ist festgestellt, daß innerhalb vier Gen.rationen der östliche Kaftanjude sich ganz auf die Höhe der modernen Kultur schwingen kann. Gerade dieser Umstand spricht aber dafür, welch furchtbaren, schweren Kampf die russischen Juden führen müssen, um sich ihre Religion zu erhalten. Abgesehen von der rein moralischen Seite, welche eine antisemitische Bewegung selbstverständlich kurzsichtig, undankbar und roh erscheinen lassen muß, zeigt sich, daß sie auch in ihrem Namen verfehlt ist, da die Identifizierung der Juden mit Semiten wissenschaftlich nicht aufrecht zu erhalten sei. Reicher Verfall lohnte den äußerst gehaltvollen, von tiefem Wissen zeugenden Vortrag, der durch gut gewühlte Licht-! bilder das regste Interesse der Zu.örerschaft bis zum Schluffe! fesselte. ' .1 Mer die Rechtsstellung der Wischen Geineiuden i« prruheu (Fortsetzung.) Auf der höchsten Stufe steht dann der preußische Staat- Es ist hier immer nur vom preußischen Staat die Rede, und so hat auch der VIII. Gemeindetag die Sache aufgefaßt. Die Enquete ist für das ganze Deutsche Reich veranstaltet worden. Herr R.-A. Dr. Machol in Königsstein hat in dankenswerter Weise in höchst umfangreichen Aktenstücken die Einzelgesetze der > Juden in den verschiedenen Staaten Deutschlands zusammengestellt und mit einer systematischen Uebersicht versehen. Diese Arbeiten sind mir von dem Ausschuß des D.-J. G.-B. sreundlichst als Hilfsmittel zur Verfügung gestellt worden. Ich sage also, diese Enquete bezieht sich auf das ganze Deutsche Reich, dagegen der Gesetzentwurf soll sich nur auf den preußischen Staat beziehen, und das ist auch nicht anders möglich: von einerstaatlichen Organisation der Juden im Reiche kann nicht die Rede sein, das ist auch auf dem VIII. Gemeindetag schon hervorgehoben worden. Das Deutsche Reich besitzt nach seiner Verfassung gar keine Kompetenz aus dem Gebiet der religiösen Organisation, und eine Abänderung der Verfassung nach dieser Richtung hin ist nicht zu erwarten. Also handelt es sich um die Organisation der Juden in Preußen, um so mehr, als namentlich die süddeutschen Staaten in der Schaffung einer Gesamtorganisation dem größten deutschen Staat voran sind. Wir haben also drei Stufen: die Gemeinde als untersten Selbstverwaltungsverband, dann die Provinzialsynagogengemeinde und die Landessynagoge, wie wir uns in Baden ausdrücken. Nun fragt es sich nur noch um eins. Die Gemeinden sind sehr verschieden groß und sehr verschieden leistungskräftig. Neben sehr großen Gemeinden, die in vollkommenster Weise die Aufgaben einer Gemeinde versehen, neben einer so großen Gemeinde, wie es namentlich Berlin mit seinen 86 000 jüdischen Seelen darstellt, für die innerhalb der Organisation ganz naturgemäß eine Sonderstellung, wie bei der politischen Organisation, wird geschaffen werden müssen, neben diesen haben wir auch ganz kleine Gemeinden, und es fragt sich, ob nun nicht für die kleinen Gemeinden die Möglichkeit gegeben werden muß, durch freiwillige oder Zwangsverbände den Interessen besser zu dienen als sie es in der Vereinzelung können. Ich meine, daß dies Ziel der Fall sein muß. Die Gemeinden werden innerhalb einer solchen Gesamtorganisation Gelegenheit haben und Gelegenheit haben müssen, sich zu vereinigen zum Zwecke der gemeinschaftlichen Erledigung gewisser in ihren Wirkungskreis fallender religiöser Angelegenheiten. Vor allem wird es sich dabei um die wichtige Frage handeln, die auch wie ich gesehen habe, im übrigen einen Gegenstand Ihrer Tagesordnung bildet, um die Frage der Rabbinatsverbände. Es handelt sich also darum: Sollen die kleinen Gemeinden, die für sich selbst keinen Rabbiner haben, Zusammenhalten, um gemeinschaftlich einen Seelsorger für sich zu bestellend Ich selbst komme hierher aus einem Lande, in welchem wir historisch gegebene Bezirksverbände mit einem Bezirksrabbiner an der Spitze neben den größeren Ortsverbänden haben. Diese Bezirksverbände sind bei uns historisch auf der Einteilung des Landes gegründet, und wir können sagen, seit Anfang unserer Organisation, seit Anfang unseres Jahrhunderts, hat sich darin nichts geändert. Ich bin aber auch innerlich davon überzeugt,! daß jüdische Gemeinden nur so lange ohne Seelsorger bestehen! können, als die Verhältnisse dies unmöglich machen. In dem I Augenblick, wo eine religiöse Gesamtorganisation vorhanden ist.