Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 451 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 32. Israelitische Wochenschrift. Seite 461. Dieser nickte mit dem Kopf und heftete die Blicke bewundernd auf die noch immer schöne Frau, die sich auf den Sessel neben ihm niederließ, und seine fieberheißen Hände zwischen ihre weichen, vollen nahm. „Im fernen Abessynien," so begann Esther ihre Erzählung, „unter den Strahlen einer glühenden Sonne leben Glaubensbrüder von uns, welche seit tausenden von Jahren dort ihr Leben fristen. Es sind dies Abkömmlinge der zehn Stämme Israels, welche nach der Zerstörung des ersten Tempels durch Nabukadnezar und nach Auflösung des Reiches dorthin versprengt wurden. Zwei ausgedehnte, fruchtbare Täler werden von diesen Ackerbau treibenden Juden bewohnt, doch niemals ist es den Bewohnern eines dieser Täler gestattet, denen des andern freundlich die Bruderhand zu reichen. Denn zwischen den beiden reizenden Tälern braust unheimlich ein mächtiger Strom, der Sambatjon. Kein Fischer darf es wagen, diesen Strom zu durchqueren. Hoch hinauf bis zum Himmel steigen die sich überstürzenden Wogen. Wild und unbändig bricht sich die Brandung an den Ufern: Die Sage geht, daß einstmals die flüchtend hier anlangenden Juden von der heidnischen Bevölkerung des Landes ihrer fremdartigen Religion wegen verfolgt wurden, daß Tausende von ihnen in den Fluten des damals noch ruhig dahinfließenden Sambatjon ihr Grab fanden, und mit ihnen die heiligen Thorarollen, welche sie als höchstes, kostbarstes Gut mit in die Verbannung genommen hatten, in den Fluß versenkt wurden. Seither ist der sanfte Fluß zum wilden, unbändigen Strom geworden. Das Blut der Hingeschlachteten, welches sich mit seinen Gewässern mischte, schäumt und braust und bäumt sich dagegen, einen Nachen zu tragen. Doch einmal in der Woche nimmt der Sambatjon seine ursprüngliche Gestalt an. Wenn der Sabbat kommt, so erwirkt ihm das auf seinen Grund versenkte Gotteswort Ruhe. Es spricht zu dem wilden Strom: Sechs Tage in der Woche mag es in dir arbeiten und toben, magst du brausen und wüten, aber der siebente Tag ist ein Ruhetag vor dem Herrn für alle Wesen dieser Erde, also auch für dich, du Ungetümer, Ruheloser!" Da besänftigt er sich, und ruhig fließt er dahin. Die Bewohner der Ufer können diese Ruhepause aber nicht zur Ueberfuhr benutzen, denn auch für sie ist es Sabbat geworden, sie müssen feiern und dürfen keinen Kahn besteigen. Wenn der Sambatjon, welcher das Blut so vieler Opfer aufnahm, ruhig wird, wenn der Sabbat kommt, warum nicht auch dein Herz, mein armer Freund? Warum soll sich nicht auch dein Herz besänftigen angesichts der holden Sabbatbraut?" Der Greis erhob sich von seinem niederen Sitz. „Ich kann mich nicht beruhigen, Esther! Mir ist zu weh geschehen. Ich habe mein Kind verloren." „Jakob, besinne dich! Ich kann deinen Sohn, den ich so geliebt habe, als hätte ich ihn selber unter dem Herzen getragen, nicht entschuldigen. Heute nicht. Es können aber Zeiten kommen. Umstände eintreten, wo wir ihn milder beurteilen werden." „Niemals," unterbrach sie der Gatte, „niemals! Er, dessen Namen ich niemals mehr aussprechen werde, hat den Glauben seiner Väter abgelegt wie ein altes Kleid, ohne zu bedenken, daß er mit diesem Schritt seinen alten Vater und dich, die du ihm solch treue Mutter warft, zu Tode betrübte. Esther!" fuhr die Alte fort, „einen Milderungsgrund fände ich für diesen entsetzlichen Schritt, einen einzigen nur: Wenn er ihn aus Liebe begangen hätte." Die eingefallenen Augen unter den buschigen Brauen des alten Juden erstrahlten in fast jugendlichem Feuer; seine gebeugte Gestalt richtete sich hoch auf, indem er weiter sprach: „Stark wie der Tod ist die Liebe, meine Esther! Wenn ich einstmals deinen Besitz durch einen Glaubenswechsel hätte erkaufen müssen, Gott verzeihe mir die schwere Sünde, ich glaube, ich wäre der Versuchung erlegen." „Siehst du wohl, Alter!" sagte Esther, „daß auch vu, der Glaubensstarke, fehlen konntest, wenn die Versuchung an dich herantrat. Was dir die Liebe zu mir, das ist Josef die Liebe zu seinem Berufe, der ihm verleidet würde, wenn er Jude geblieben wäre." „Beschönige nichts, Weib! Sprich sie aus, die ungeschminkte Wahrheit. Sein ungemessener Ehrgeiz war es, sein schrankenloser Drang vorwärts zu kommen, sein Hochmut." „Nenne es meinetwegen so, Jakob, und denke an das Dichterwort: „Und Hochmut ist's, wodurch die Engel fielen, woran der Höllengeist den Menschen faßt." „Komm, Alter," fuhr sie schmeichelnd fort, „bereite dich vor, beten zu gehen. Vielleicht bringt das Gebet Ruhe in dein erregtes Gemüt." Schlesinger ließ sich überreden und ging in das Bethaus. Als er fort war, begab sich Esther in das anstoßende Speisezimmer. Auf dem mit einem blütenweißen Damasttuche bedeckten Tisch lagen die duftenden Sabbatbrode, in eine gestickte seidene Decke eingehüllt. Ueber dem Tisch hing die achtzackige Sabbatlampe, ein Erbstück von ihrer Mutter, deren kleine flackernde Oellämpchen nur ein trübes zitterndes Licht gewährten. Aus Pietät zündete Esther an jedem Freitagabend diese altmodische Lampe an, welche schon zu den Gebeten ihrer Mutter und Großmutter, vielleicht auch Urahne geleuchtet hatte, ihr aber genügte das von diesem Erbstücke ausgestrahlte Licht nicht mehr. Einer hinsichtlich der Beleuchtung verwöhnten Generation angehörig, mußte sie ihre gewöhnliche hellleuchtende Petroleumlampe zu Hilfe nehmen, um in dem Gebetbuch beten zu können. Auch sie wollte Trost im Gebet suchen, Mut daraus schöpfen, um dem Sturm trotzen zu können, der ihr unausbleiblich schien, Kräfte finden, um durch ihre Vermittlung Vater und Sohn einander näher zu bringen. Es war dies keine leichte Aufgabe, sie wußte es.. Aber die Worte in dem Abendgebet: „Der Fromme grünet gleich der Palme, stehet fest da, wie die Ceder des Libanon," wirkten wunderbar auf ihr frommes Gemüt. Fest wollte sie stehen, wie die Cedern auf Libanon in dem Kampf gegen althergebrachte Ansichten, gegen erworbene Vorurteile. Die Liebe zu Gatten und Kind sollte sie leiten. Wie hatte eben der Mann gesagt: Stark wie der Tod ist die Liebe!" (Fortsetzung folgt.) to Soolbad Harzburg»Pension Parkhaus vornehmes Etablissement, 56 Salons. Prospekte gratis. Geöffnet 1. Mai bis 1. Oktober. Mm Mk. I.—, 1.20, 1.40, 1.50, 1,60, 1.70, 1.80, 1.90, 2.— pro Va Ko. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83 und Spittelmarkt 8—10.