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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · p. Seite 440

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 440 (sequence 4)
Language
German
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Sei^re 440. Israelitische Wochenschrift. Wr. 32. Projekt außerhalb Palästinas, und es bedeutet eine Desavouierung des im vorigen Jahre eingenommenen Standpunktes. Man hat nun vier Gruppen im Zionismus zu unterscheiden. Die erste ist die der Zione-Zionisten, die nur auf Palästina und seine Nebengebiete für die Niederlassungen reflektieren. Auf eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte ist es abgesehen, mit der Hoffnung, daß es dann später zu einer politischen Autonomie kommen könne. Ueber diesen Punkt sprechen sich allerdings diese „reinen" Zionisten, die sich für die allein berechtigten halten, nicht klar aus; aber einer ihrer wissenschaftlichen Vertreter, Dr. Alfred Nossig, sagt im neuen Jahrbuch für wissenschaftlichen Zionismus „Stimme der Wahrheit" selbst, daß die Bemühungen um die Erteilung der politischen Autonomie und die öffentlich-rechtliche Sicherung der dereinstigen Heimstätte der Juden die bisherige Tätigkeit des Zionismus ausmachten, ihr Zukunftsprogramm bildete. Er empfiehlt aus taktischen Gründen hier eine Aenderung des Systems, einen Bruch mit der Judenstaatlerei und der Chimäre des diplomatischen Zionismus, weil diese nur Mißtrauen und damit Schwierigkeiten für die Ausführung Hervorrufe, und er empfiehlt deshalb, sich vorerst damit zu begnügen, das historische Vaterland zurückzugewinnen, aber nicht gleich auf die politische Autonomie zu rechnen, sondern zunächst auf eine gesicherte wirtschaftliche Existenz, ohne im voraus die staatsrechtliche Form auszuprägen. Das heißt mit anderen Worten, die politische Autonomie soll als Ziel im Auge behalten, aber nicht ausgesprochen werden. Dr. Nossig fordert zielbewußte kulturelle und wirtschaftliche Arbeit, unablässigen Bodenerwerb und dann die Besiedelung und Kolonisierung im großen. Diese Zione- Zionisten haben nichts zu tun mit den Chovevei Zion, die einzelne jüdische Kolonien in Palästina anlegen, sie wollen aber eine zusammenhängende Heimstätte in Palästina und dessen Nebenländern und eine ländliche, städtische und industrielle Kolonisation nach einheitlichem Plan. Von ihnen unterscheiden sich die Territorialisten, die vorhin schon charakterisierte Gruppe, die sich nicht mehr grundsätzlich auf Palästina versteifen, sondern überhaupt nur recht bald eine Heimstätte für das jüdische Volk auf einem verfügbaren Territorium schaffen wollen. An ihrer Spitze steht der Engländer Zangwill, der gewillt ist, das Ugandaprojekt ernsthaft weiter zu treiben. Für diese Territorialisten ist eine Hauptbedingung die sofort gesicherte Autonomie. Ihnen haben sich trotz nicht ganz gleichen Standpunktes die politischen Zionisten zugesellt, die eine mehr vermittelnde Haltung einnehmen, aber durch das brüske Auftreten der Zione-Zionisten abgeschreckt worden sind. Für sie ist Zion so eine Art Zukunftsstaat, ein Endziel, um dessen willen sie aber die Gegenwartsarbeit, die Unterbringung der vielen jüdischen Emigranten in einer gemeinsamen Heimstätte nicht vernachlässigen wollen, und weil sie sich von einer ersprießlichen Siedlungstätigkeit in Palästina zurzeit überhaupt nichts versprechen, gehen sie mit den Territorialisten Hand in Hand. Die letzte Gruppe ist die der Sozialisten, die einen jüdischen Staat, ganz gleich wo, auf sozialistischer Grundlage schaffen möchte. Das ist die Gruppierung des Zionismus, dessen Einigung kaum noch möglich erscheint. Wir haben unseren Standpunkt schon bei dem ersten Auftauchen dieser Bestrebungen, die in ihren Anfängen Jahrzehnte zurückreichen, deutlich und scharf präzisiert. Der jüdische Nationalstaat ist nach der ganzen Entwickelung der Dinge eine Utopie und entspricht weder den Wünschen noch den Interessen der Juden selbst. Die Juden als Volk gehören der Vergangenheit an, sie haben nur noch einen religiösen Zusammenhang. Seit ihrer Zerstreuung sind sie, wenn auch hier und da manche Eigenheiten erhalten geblieben sein mögen, in das Volkstum der Länder, in denen sie seit Jahrhunderten heimisch geworden sind, aufgegangen, und es hieße nur die Bestrebungen des Rassenantisemitismus fördern, wenn man für sie künstlich ein neues gemeinsames Volkstum schaffen wollte, das bei der ungeheuren Verschiedenheit ihrer Entwickelung in den verschiedenen Ländern ein Gemisch bedeuten würde, das den Keim zu fortwährenden Gärungen und Explosionen in sich trüge. Basel bot ja ein Vorspiel dafür. Alle diese Experimente erinnern einigermaßen an die Versuche, bei einem Leichnam noch galvanische Zuckungen hervorzurufen. Nicht einmal die Gemeinsamkeit der Sprache ist vorhanden, denn das Hebräische ist nur ganz wenigen geläufig. Die Palästina-Idee ist die allerutopistischste. Nicht nur ist das Land dazu wenig mehr geeignet — die jüdischen Kolonien haben schwer zu kämpfen, namentlich infolge der türkischen Bedrückungen — auch der politische Schutz würde einer Palästina- Heimstätte fehlen. Berechtigung haben nur die humanitären Ansiedlungsbestrebungen, die auf die Unterbringung und Unterstützung der durch Bedrückungen zur Auswanderung getriebenen Juden bedacht sind. Auf diesem Gebiete ist schon viel Segensreiches geschaffen worden. Diese Arbeit, die der wirklichen Not steuern will, wird aber durch einen utopistischen Zionismus ™ geradezu gefährdet und wertvoller Kräfte beraubt. llftier die Entstehung des" " ' und der siebentägigen Woche ist in der „Kölnischen Ztg." eine sehr interessante Arbeit von Prof. Meinhold, Bonn, erschienen. Der Autor wirft zunächst die Frage auf: Woher stammt unsere siebentägige Woche mit ihrem Sonntag oder — das ist im Grunde dieselbe Frage — wie, wo und wann etwa ist der Sabbat entstanden? Meinhold ist der Ansicht, daß die Antworten auf diese Frage zu Zeiten sehr verschieden gelautet haben und daß man auch jetzt über diesen Punkt noch nicht einer Meinung ist. Das Judentum, aus dessen Schoß die Schöpfungserzählung entstammt, führt ihn direkt auf Gott zurück. In christlichen Kreisen meint man das Gebot der Ruhe am Sonntag, den man dem jüdischen Sabbat ohne weiteres gleichsetzt, als ein für alle Zeiten geltendes Gebot der Religion durck den Hinweis auf jenes Ruhen des alttestamentlichen Gottes erhärten zu können. H Im allgemeinen wird jetzt mit mehr oder weniger Gewißheit Babylonien als Heimat des Sabbats und der mit ihm gegebenen siebentägigen Woche hingestellt. Am sichersten tritt in dieser Beziehung Friedrich Delitzsch auf. Nach ihm „dürfte kein Zweifel möglich sein, daß wir die in der Sabbatbezw. Sonntagsruhe beschlossene Segensfülle im letzten Grunde jenem alten Kulturvolk am Euphrat und Tigris verdanken!" Bekannte Kritiker auf dem Boden der alttestamentlichen Wissenschaft haben es ferner für ausgeschlossen erachtet, daß das nomadische Israel jeden siebenten Tag geruht hat. Der Sabbat als Ruhetag ist ein Tag des Bauers, nicht aber des Nomaden. So wird Israel in Kanaan, wo es das Nomandenmit dem Bauernleben vertauschte, neben vielen andern auch den Sabbat von dem kanaanäischen Vorgänger übernommen haben. Das Neue war dann nur die nahe Beziehung, in die dieser Tag zu Jahve, dem Gott Israels, gesetzt wurde. Daß die Kanaanäer aber diesen Tag wie vieles andere aus Babel übernahmen, ist keine haltlose Vermutung. Vielmehr ist der Name Sabbat, wie die Sache, der siebente Tag als Tag der Buße und der ' 3169

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