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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · p. Seite 321

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 321 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 23. Israelitische Wochenschrift. Seite 321. gleichfalls mit. Die ganze Stube scheint zu weinen, nur meines Vaters Auge netzt keine Träne. Hastig durchschreitet er das Zimmer uuzählige Male auf und ab. Aber keine Träne bezeugt seinen aufrichtigen Schmerz. — Und doch hat er damals geweint! — Ich will Euch die Geschichte erzählen. II. Mein Vater pflegte den ganzen Tag im Beth hamidrosch zuzubringen, dort pflegte er sich mit dem Studium der heiligen Thora und des Talmuds zu befassen. Meine Mutter hatte einen „Stand", auf dem Marktplatze und verkaufte „Schnitttuche." War kein Markt, so nahm sie die Ware und suchte die Kundschaft auf, gegen Bar- oder Abzahlung. Genug sie ernährte uns alle im Schweiße ihres Angesichts. Eines Morgens — es war ein furchtbarer Frost — so gegen vier Uhr ward es bei uns lebendig. Draußen wartete Nöte der Baal hoagoloh*). Mein Vater half die Ware auf den Wagen aufladen. Ich erwachte. „Aha," dachte ich, „Mutter fährt wieder zu Markte. Oh! Brr! In der Kälte!" „Mutter! Fahre heute nicht! Es ist so furchtbar kalt!" „Es geht nicht Kind, ich muß fahren," antwortete sie sanft, indem sie mich streichelte. Ich habe Euch Eure warmen Joppen rausgelegt. Zieht sie an, denn es ist heute sehr kalt. Hier hast Du „Letztgeld" sprach sie und gab mir ein großes kupfernes Vierkreuzerstück, und hier hast Du für den Kleinen. Er schläft noch! So nun schlaf Du auch weiter. Adieu, leb wohl!" Sie deckte mich zu und ich hörte noch, wie sie zu meinem Vater sagte: „Laß die Kinder heute nicht ins Cheder gehen! Es ist zu kalt!" Wir sind aber doch ins Cheder gegangen. Von diesem Markte kam meine Mutter krank heim. Sie hatte sich erkältet. Seit damals lag sie krank im Bette, den ganzen Winter hindurch. In einem fort hustete sic. Mich schickte die Mutter in die einzelnen Häuser, die Abzahlungsaußenstände einzukassieren. Als mein Vater dies jedoch erfuhr, zürnte er darob, warum man mich dem Chederbesuch entziehe. Eines Abends komme ich vom Cheder nach Hause und blicke mich befremdet im Zimmer um, da gewahre ich, daß die zwei großen Kupferkessel, die auf dem Herd an der Wand stets zu hängen pflegten, nicht mehr an rhrem Platze sind. Ich dachte mir den Grund und schwieg. Einige Tage später vermisse ich die Schwarzwälder Uhr. Sie war mir mit ihren Ketten und Gewichten und ihrem Glockenschlag lieb und traut geworden. Nun ist auch sie dahingegangen. Ich sehe die leere Stelle an der Wand und schweige. Einige Tage später erschrak ich, als ich das Zimmer, vom Cheder heimkehrend, betrat. Der Messinghängeleuchter mit seinen sechs Röhren und seinen kupfernen Blumen fehlte an der Decke. Das hat mich sehr betrübt. Ich setzte mich in einen Winkel und schwieg. O, der Hängeleuchter war bei uns wie ein lebendes Wesen. Am Sabbat erstrahlte sein Glanz und der Schein der Lichter spiegelte sich in den blanken Röhren wieder. Wie hell, wie traut war da der Freitag Abend. Wie schmeckten da die Fische! — Und am Werktag, da hing der Leuchter des Abends still und traut, wartend bis zum Sabbat, wo er wieder in Heiligkeit und Weihe erstrahlte. *) Nathan, der Kutscher. Nun war er fort. Es war mir, als ob sie ein Stück von meinem Leben sortaetragen hätten. Und wenn mein Rebbe am Sabbatnachmittag kam, um mich zu „verhören," und ich irgend etwas vergaß, ich brauchte nur einen Blick auf den Leuchter zu werfen, und da fiel es mir ein . . . Ich saß im Winkel betrübt und schwieg und sann und sann . . . III. Da naht die Jomtow-Woche vor Peßach. Allenthalben werden Vorbereitungen getroffen. Die Männer nehmen meistens ihre Mahlzeiten nicht mehr im „gereinigten" Zimmer ein, in der Küche, auf den Korridoren. Die Knaben im Cheder prahlten mit den neuen Kleidungsstücken, die sie zum Feste erhalten. Komme ich so traurig.nach Hause, alle Knaben erzählten im Cheder von den schönen Kleidungsstücken, die sie schon anprobiert haben . . . Hungrig war ich auch (denn Mittags, als ich nach Hause kam, hatte ich niemanden angetroffen — meine kranke Mutter schlief — und so war ich wieder ins Cheder zurückgegangen) . . . Komme ich also so in die Stube hinein, brennt dort drinnen die Lampe so düster . . im Zimmer ist es so still. Gigantisch heben sich die Schatten an der Wand ab. Mein Vater sitzt am Tisch, vor ihm eine Gemoreh, aufgeschlagen. Er hat mein Eintreten nicht bemerkt. Er schüttelt sich hin und her, während er murmelnd vor sich hinsummt . . . Hinter dem Vorhang, der meiner Mutter Bett abteilt, höre ich ein Stöhnen und Krächzen . . . Auf der Bank, den Kopf auf den Tisch gelehnt und die rechte Hand weit ausgestreckt, liegt mein kleines Brüderchen. Er ist eingeschlafen. Seine Hand reicht bis an den Talmudfolianten. Den Mund geöffnet liegt er mit geschlossenen Augen und roten Blümchen auf den dünnen Armen da. Fast hat es den Schein, als ob er das Aermchen bittend ausstrecken würde . . . Ich stehe an den kalten Ofen gelehnt und warte . . . auf etwas . . . „Jzchok, Jzchok! das Kind hat den ganzen Tag noch nichts genossen!" stöhnt meine Mutter aus ihrem Bette. Mein Vater wendet den Kopf von dem Folianten ab und mustert mich mit scharf prüfendem Blick. Ein zweiter Blick streift das kleine Bücherschrünkchen, das verwaist von allen anderen besseren Sachen in der Stube zurückgeblieben war. Und ich stehe am kalten Ofen und warte auf irgend etwas ... . zu knabbern. Ich war sehr hungrig. Plötzlich schreitet mein Vater auf mich zu. „Abrahamchen," fragt er mich, was habt Ihr heute gelernt?" „Maude b'mikzaß*), Vater!" antwortete ich. / „Geh, nimm die Gemoreh, Abrahamchen, wollen wir mal sehen!" „Jzchok, Jzchok! Was willst Du von dem Kind? Laß ihn! Er hat den ganzen Tag nichts genossen, hörst Du, Jzchok?" Meine Mutter stöhnte es schwach. Mein Vater blickt mich an. „Abrahamchen! Bist Dil sehr hungrig?" Ich habe mich sehr geschämt, als ich, den Kopf senkend, antwortete: „Ja, Vater, sehr!" *) Eine Abhandlung über eine Schnldforderung, von welcher der Schuldner einen Teil eingesteht und den anderen Teil ablengnet.

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