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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 10. (1905) · p. Seite 38

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 10. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 einflößte, lassen sich die Anfänge der Religion zurückführen; jedenfalls wurde sie durch die Erörterungen über das menschliche Schicksal gefördert und vertieft. Die pessimistische Weltanschauung ist in der Völkergeschichte, wenn nicht ein ständiger, so doch ein oft wiederkehrender Gast. Gerade bei großen Völkern, die im Laufe ihrer Entwickelung Gelegenheit hatten, das Leben und die Menschen von verschiedenen Seiten und unter verschiedenen Gesichtspunkten kennen zu lernen, tritt der Pessimismus sozusagen periodisch in die Erscheinung. Es stellt sich nach einer großen Anspannung, nach Ueberwindung der Widerstände gegen Ziele und Aufgaben, die diese Völker sich gesteckt, eine gewisse Erschlaffung ein. Eine Abschwächung der alten Ideale, eine Enttäuschung macht sich geltend, deren zersetzende und auf lösende Wirkung im Glück noch größer ist, als im Unglück. Der Einzelne ist nach Vollbringung einer großen Arbeit, nach Ausführung großer Pläne auch der Erholung bedürftig; tritt kein neuer Anreiz zu Unternehmungen fernerhin an ihn heran, so verfällt er der Trägheit und Grübelei; dies ist nicht minder bei einem Volke der Fall. Der Pessimismus ist in der alten Literatur (von der neuern nicht zu sprechen) wohlbezeugt. Sein Echo vernehmen wir sowohl bei den griechischen Klassikern und Philosophen, wie auch in der Bibel, der vornehmsten Quelle der optimistischen Weltanschauung. Diese verlegt nicht nur das Paradies in den Uranfang der Schöpfung, sondern nennt auch den Menschen sündhaft und böse. Seines frevelhaften Tuns wegen läßt Gott die Sündflut kommen, die sich mit demselben Anlaß verbunden auch bei andern Völkern findet. Die Griechen, die das reine Glück des Menschen in ein verschollenes goldenes Zeitalter hinaufschieben, behaupten, die Menschen taugen nicht. Zwei giftige Bestien sind es, die den Menschen auf seinem Lebensgange begleiten, Neid und Haß, die den Angreifer wie den Angegriffenen gleich schädigen, sagt irgendwo ein geistreicher Schriftsteller, und dieser Ausspruch deckt sich zum Teil mit jenem unserer Weisen: Neid und Wohilust bringen den Menschen früh ins Grab. Erkenntnis und Weisheit, die nach den Alten dem Menschen einen höhern Wert verleihen, konnten ihr geringschätziges Urteil über das Leben nicht abschwächen. Vielmehr ist dies nach dem Weltweisen Sokrates und dem Dichterphilosophen Platon einem Kerker gleich, von dem man nur durch den Tod befreit werden könne. Die Erkenntnis führt nach Schopenhauer zur Einsicht in das nichtige Getriebe der Welt und des Lebens; wir sehen das ziel- und grundlose Streben des im Weltall wirkenden Willens, von dem unser persönliches Ich wie von einem mächtigen Felsengeröll mitgerissen wird. Diese Ansicht spricht auch Koheleth aus in dem Satze: Je größer die Erkenntnis, desto intensiver der Schmerz. Nichts war für die alten Völker, für ihre sittliche Stimmung nach dem Verfall ihres Glaubens und ihrer Ideale verderblicher, als die Natur in ihrer Nacktheit zu schauen, entblößt von dem bräutlichen Schmuck der Dichtung und der religiösen Mythologie. Von den vielen, die sich in den Garten der Weisheit begaben, weiß man in alter talmudischer 2eit nur von einem zu erzählen, der heil ohne sittlichen Schaden davon kam. Mit Recht wollte Kant nicht auf die auf eine übersinnliehe Welt hinweisenden Ideen־, Freiheit des Willens, Unsterblichkeit der Seele und sittliche Weltordüuhg verzichten, ohne welche ihm die Wirklichkeit nichtig erschien. Er Wagte es nicht, sein System der reinen Vernunft bis ans Ende des Seins auszudehnen, es über die Probleme der Wirklichkeit hinauszuführen־ Er blieb an der Grenze dieser stehen und ließ Vor den dunkeln Gängen der Natur, für deren Erhaltung sein Licht der reinen Vernunft nicht ausreichte, den Vorhang, ״das Ding an sich“ fallen. Diese ernsten Stimmungen der Welt- und Lebensauffassung, die dem Menschen zu Zeiten des Ueber־ muts und der Ueberhebung einen Dämpfer aufsetzen, und ihn für die Religion, die diese Stimmungen in ihrem Sinn verwertet, empfänglich macht, werden in Zeiten einer überschwänglichen Kultur aufmaterialistischer Grundlage als Grundfesten des Glaubens erschüttert, die Weisheit und Erkenntnis artet in Sophisterei aus, nimmt ihm jeden sittlichen Hält und führt ihn der Genußsucht und Schlemmerei zu־ So war es bei den Griechen und Römern Und ändern Völkern. Nur Israel, das Volk der Religion, der religiösen Erkenntnis macht hiervon eine Ausnahme; Von seinem Pessimismus wollen wir jetzt sprechen. Dieser stammt aus einer ganz andern, viel reinem Quelle, als der Materialismus; er ist ideal, religiös hervorgegangen aus der tiefen Sehnsucht zu Gott. Er äußert sich nicht in Menschenverachtung, in Negierung des sittlichen Lebenswertes. Vielmehr ist er bemüht, diesen zu finden, um dem Menschen gegen Zufälligkeiten des Lebens einen festen Rückhalt zu gewähren. Der Pessimismus in Israel will nicht als die augenblickliche Stimmung eines einzelnen Individuums unter Ueberwertung seiner individuellen Existenz bewertet werden, sondern er tritt hier immer auf in Verbindung mit dem nationalen Unglück seines Volkes, das in dem individuellen Schmerzensruf Iobs durchklingt. Nicht macht hier das Individuum seinen Schmerz zu dem der Gesamtheit, sondern vertritt diese in seinem Leiden. Bei aller rücksichtsloser Aufdeckung des menschlichen Unglücks zweifelt man hier nicht an den Urheber dieser und beraubt sich so nicht des sittlichen Moments, das mit diesen verbunden. Keineswegs ist der Pessimismus in Israel zu verwechseln mit jenem satten, seichten, weil sittlich siechen der modernen Zeit, der aus einem warmen, sichern Versteck, aus verletzter Eitelkeit in überhebender, Menschen verachtender Weise schöngeistig tut. Hier in Israel ist es eine starke sittliche Seele, die aus reinem selbstempfundenem Schmerze spricht. lob ergibt sich nicht, weil er sich nicht aufgibt, weil er seinen Gott nicht aufgibt. Der Pessimismus ist so in Israel nicht ein Gegenstück des Optimismus, sondern fließt gleich ihm aus derselben Quelle, dem unerschütterlichen Glauben an die Gerechtigkeit Gottes und führt zu dieser zurück; er bildet also ein Seitenstück zu der optimistischen Weltanschauung Israels, die er vertieft, verinnerlicht. (Fortsetzung folgt.)

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