Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · p. Seite 237

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
Seite 237 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606543--9259-9606556
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17. Israelitische Wochenschrift. Seite 237. Ein teuflischer Gedanke stieg in Diego da Silvas Seele auf. „Wenn dem wirklich so ist, so will ich Euch eine Arbeit auftragen, für die Ihr vielleicht am geschicktesten seid. Ihr müßt aber ein Geheimnis gut bewahren können, wenn Ihr nicht am Galgen tanzen wollt." „Darüber können Sie ohne Sorgen sein. Es gibt keinen, der mir darin gleichkommt, denn ein mir anvertrautes Geheimnis ist ebenso gut aufgehoben, als wenn es in das Meer gesenkt wäre." „Nun gut. Ich wünsche also, daß Ihr den Magister Mopses, den Arzt, beiseite schafft. Kennt Ihr ihn?" „Sehr gut. Er wird in ein paar Tagen die Tochter des Don Judas heiraten", war die spöttische Erwiderung. „Den meine ich." „Weiter nichts?" „Augenblicklich nichts weiter." „Dann können Ew. Gnaden das Geschäft als abgemacht ansehen. Sobald sich eine Gelegenheit findet, wird es besorgt", fügte er grinsend hinzu. „Nun gut; ich verlasse mich auf Euch", sagte Silva und wandte sich mit kurzem Gruß zum Gehen. „Ein schöner Auftrag, und dich habe ich auch in den Händen", murmelte Se Frade und blickte der entschwindenden Gestalt mit höhnischem Lachen nach. Er spie den zerkauten Strohhalm aus und schritt nachlässig pfeifend einer Schenke zu. — Silva aber fand in dieser Nacht weder Ruhe noch Schlaf, denn die Erinnerung an die erhaltene Zurückweisung, und die Empörung, sich durch einen andern verdrängt zu sehen, peinigte ihn unaufhörlich; nur der Gedanke an Se Frades sichere Hand beruhigte seine Wut ein wenig. Die Eifersucht aber spornte ihn an, seine Bemühungen um irgend ein einflußreiches Amt, das ihm jetzt nicht nur Geld, sondern möglicherweise auch Gelegenheit zur Rache bieten sollte, aufs eifrigste zu betreiben. — Als der Arzt, der von den ihn verfolgenden feindseligen Bicken nichts ahnte, bei dem Hause des Don Judas angekommen war, ließ er den schweren Klopfer mit leichtem Schlag auf die Haustür fallen, .die bald darauf von Rebekka, der Amme der Donna Esther, geöffnet wurde. Magister Mopses begrüßte die alte, treue Dienerin mit freundlichem Gruß und fragte: „Wie geht es Eurem Herrn und wo ist Donna Esther?" „Don Judas geht es heute Abend, Gott sei Dank, etwas besser", erwiderte die Alte. „Donna Esther und ich haben ihn eben in den kleinen Saal geführt. Wollen Ew. Gnaden mir folgen?" Don Judas lag in einen pelzverbrämten Mantel gehüllt auf einem Ruhebett vor dem geöffneten Fenster, in das die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen. In seinen Zügen war der Kampf des Lebens überwunden, denn Trübsal und Krankheit hatten die Seele von der Erde losgelöst. Zu seinen Füßen saß seine liebliche Tochter Esther, in der reichen Tracht der Jüdinnen damaliger Zeit. Die schwarzen Zöpfe des weichen, welligen Haares fielen fast bis zur Erde nieder, und aus dem zarten Gesicht mit der leicht gebogenen feinen Nase sahen ein paar schwarze, sammetweiche Augen träumerisch in die Welt. Sie hatte ihrem Vater eben den 137. Psalm vorgelesen: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Unsere Harfen hingen wir an die Weiden, die darinnen sind". — Vor ihnen lag ein großer Garten in der Glut der Abendsonne, die sich in den zarten, weißen und roten Kamelien spiegelte und die Orangen zwischen den grünen, glänzenden Blättern fast wie kleine Sonnenkugeln leuchten machte. Im Hintergründe glänzte das Meer, das unendliche, majestätische Meer, das mit seinem gleichmäßigen Atemzuge wie ein schlafender Krieger aussah, der endlich zur Ruhe gekommen ist und nichts mehr weiß von Kampf und Streit. Beim Eintritt des Magister Mopses sah Esther auf und ein zartes Rot der Freude stieg in ihre Wangen. Der Arzt begrüßte seine Braut mit den Augen und trat dicht an das Ruhebett des Kranken. „Wie geht es Ihnen, Don Judas? Ich habe schon von Rebekka gehört, daß Sie sich heute Abend etwas wohler fühlen. Ich hoffe, der Trank, den ich sandte, hat Ihnen gut getan." „Er hat mich beruhigt, und das ist alles, was ich noch erwarten kann. Ich freue mich aber, mein Sohn, dich heute Abend noch hier zu sehen, ich fürchtete schon, daß du verhindert sein würdest." „Es wurde mir auch nicht leicht, mich frei zu machen", sagte der Arzt seufzend. „Die Pest greift täglich mehr um sich, und das Elend wird von Tag zu Tag größer. Das Volk rst so dumm und wiederspenstig, daß man kaum etwas damit ansangen kann. Erst verbergen sie die Kranken und wenn es zu spät ist, lassen sie sie allein umkommen, kaum begraben sie ihre Toten. Und der Haß gegen uns wächst auch mehr und mehr." „Ist es der Verfolgungen noch nicht genug, mein Gott; wie lange willst Du zürnen!" flüsterte Don Judas. Esther hatte sich erhoben und ihren Bräutigam, der ihre Hände zärtlich in den seinen hielt, an das Fenster geführt. „Wir haben heute Briefe von meinem Bruder erhalten", sagte sie leise, und große Tränen glänzten in ihren Augen. „Er kann seinen süßen Knaben nicht vergessen, den er selbst hat töten müssen. O, Mopses, hat man je so etwas Grausames gehört, daß Menschen um ihres Glaubens willen fliehen müssen und ihre Kinder nicht mitnehmen dürfen?" „Es ist hart, Geliebte, sehr hart, und ich habe nie begreifen können, wie dein Bruder, der ein so sanftes Gemüt hat, eine so furchtbare Tat vollbringen konnte, und warum er nicht wie wir, wenigstens äußerlich den Glauben unserer Peiniger angenommen hat." „Der Vater seiner Frau", antwortete Esther, „würde nie erlaubt haben, daß seine Tochter den Glauben ihrer Väter abschwöre. Meinem Bruder blieb nur die Wahl zwischen Frau oder Kind. Und er wollte seinen Knaben lieber tot als in den Händen der Mönche wissen. Aber der Schmerz wacht immer wieder in ihm auf, und in den schlaflosen Nächten sieht er die angstvollen Augen seines Knaben, als er ihn dem Tod in den Wellen übergab. Es ist furchtbar, furchtbar!" „Möge der Gott unserer Väter ihm wiedergeben, was er ihm genommen hat, wie er es einst bei Hiob tat", sagte der Arzt voller Inbrunst und wandte sich dann noch einmal deni Kranken zu: „Kann ich noch etwas für Sie tun, Ton Judas?" „Nein, mein Sohn. Mein Leben wird verlöschen wie eine Lampe, der das Oel fehlt und selbst deine Kunst kann das Licht nicht länger anfachen. Seit meine geliebte Rachel von mir ging, der das Herz brach vor Kummer über die Leiden unseres, geliebten Sohnes, hat auch mein Siechtum begonnen, für das nur der Tod Erlösung finden kann. Einen unendlichen Trost hat Gott mir noch gesandt in dieser schweren Zeit, daß ich in wenigen Tagen die Hand und Zukunft meiner Tochter in deine Hände legen kann. Sei du ihr Schirm und Schutz."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.