Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- Seite 125 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 9. Israelitische Wochenschrift. Seite 125 das für ein zudringliches Tier, denkst Du, und erhebst die Hand, um es fortzujagen. Der Hund bleibt dann stehen, weicht mit dem Kopf aus (wie ein Mensch in dem Augenblick, da er eine Maulschelle bekommen soll) und läuft weiter hinter Dir her. Du bückst Dich zur Erde, hebst einen Stein auf, tust, als ob Du ihn werfen wolltest und wirfst ihn schließlich. Ohne Erfolg. Du bleibst stehen, siehst nach dem Tier; der Hund bleibt stehen und sieht nach Dir. Ihr glotzt einander an. Du speist wütend zur Seite und gehst weiter. Der Hund aber folgt Dir wiederum Schritt für Schritt. Da möchte man doch geradezu aus der Haut fahren! Fluchend packst Du Deinen Stock und gehst auf ihn los. Da beginnt's bei dem Hunde zu dämmern; er wirft sich vor Dir auf den Rücken und schaut Dir in die Augen, als ob er sagen wollte: Du willst mich schlagen? Nun, so schlag zu! Zu dieser Sorte von Hunden gehörte Rabtschik. Im Essen war Rabtschik nicht verwöhnt; das Beste und Schönste konnte im Zimmer liegen, er hätte es nicht angerührt, er wußte ganz gut, daß nur die Krumen unter dem Tisch und andere Abfälle für ihn waren. Als er jung war, erzählten die Leute, soll Rabtschik ein lustiger Gesell gewesen sein, sogar ein Spaßmacher. Einmal soll er Reb Eli, den Schächter, beinahe zu Tode erschreckt haben. Das war am Vorabend des Versöhnungstages, als sich Eli an das Gänseschlachten machte. Da saß Rabtschik ganz vergnügt in seinem Winkel und dachte, was wohl Reb Eli mit so vielen Gänsen tun würde; und Reb Eli tat alles das, was sämtliche Schächter in solchen Fällen zu tun pflegen: Er nahm eine Gans nach der andern'in die Hand, bog das Köpfchen nach hinten, rupfte ein paar Halsfedern aus, dann machte er einen Schnitt über die Kehle und warf das Tier von sich. Da war etwas ganz Wunderbares geschehen. Ein schlecht gebundenes Gänschen hatte vergessen, h>aß Reb Eli es geschlachtet hatte und lief Hals über Kopf in die weite Welt hinaus. Rabtschik, der ruhig dagesessen hatte und sich nur darüber ärgerte, daß man so unschuldige Geschöpfe hinmorde, lief kläffend der geschlachteten Gans nach: Wau, wau! Dumme Gans, wo läufst du hin? Du bist doch geschlachtet! Reb Eli, der Schächter, der ganz in seine Arbeit vertieft war und der, wie es scheint, garnicht einmal wußte, daß es einen Rabtschik auf der Welt gab, erschrak sehr und lief hinter der Gans her, aus allen Kräften schreiend: helft, Juden, helft! — Natürlich hatte man sogleich Rabtschik im Verdacht, und so flogen ihm denn eine Menge Steine an den Kopf, und an Schlägen fehlte cs auch nicht. Das war sein erster Streich. Ein andermal versuchte Rabtschik vom Brett, auf dem das Fleisch gesalzen wird, einen Gänsefuß wegzunehmen. Als die Brajne. die schwarze, schnurrbärtige Köchin, das sah, machte sie einen Heidenlärm und schrie: Aisik, Aisik! — Aisik kam schnell herbei, gerade in dem Augenblick, da Rabtschik sich mit dem Gänsefuß aus dem Staub machen wollte. Unglücklicherweise hatte ihn Aisik zwischen die Tür geklemmt, sodaß er mit der vorderen Hälfte im Flur und mit der anderen noch im Zimmer blieb. In dieser Situation bekam er einen guten Denkzettel. Aisik schlug ihm mit einem Stock den Kops wund, und Brajne bearbeitete ihn mit einem Holzscheit, indem sie unaufhörlich rief: Aisik, Aisik! Dieser Vorgang blieb dem Hunde fest im Gedächtnis, und wenn jemand in seiner Nähe das Wort Aisik rief, so lief er davon, soweit ihn seine Füße tragen mochten. . Am schlimmsten behandelte ihn Paraschka, dieselbe Paraschka, die die Wäsche wusch, die Stube weißte und die Kühe melkte. Warum sie dem Rabtschik so feindlich gesinnt war, ist bis zum heutigen Tage noch nicht ganz aufgeklärt. Hol dich der Teufel, treuloses Hundevieh! schimpfte sie gewöhnlich. Und Rabtschik lief ihr wie zum Trotz immer vor den Füßen her. Dafür rächte sich Paraschka an ihm, wie wir uns an Haman rächen. Wenn sie wusch, begoß sie ihn mit siedendem Wasser; solche Bäder liebte Rabtschik nicht. Wenn sie die Stube weißte, warf sie ihm eine Hand voll Sand auf den Kopf, so daß er sich eine Stunde lang belecken mußte, um wieder rein zu werden. Wenn sie die Kühe melkte, warf sie ihm als Gruß einen Holzscheit an die Beine; sie tat ihm aber nicht weh, denn Rabtschik hatte sich mit der Zeit im Springen sehr geübt, so vaß er geschickt zur Seite hopste, wenn der Scheit angeflogen kam. Einmal wars ihm allerdings schlimm ergangen. Paraschka hatte nämlich sein rechtes Vorderbein getroffen. Rabtschik erhob ein klägliches Gewinsel, so daß alle Hausbewohner zusammenliefen. Als er so viel Menschen um sich sah, zeigte er ihnen, um ihr Mitleid zu erregen, sein gebrochenes Bein, als wollte er sagen: Seht, das hat mir Paraschka getan. Er dachte, man würde sich sein erbarmen und die Paraschka für die Missetat mindestens köpfen. Aber die Leute brachen in ein Gelächter aus. Die schnurrbärtige Brajne kam mit einem Kochlöffel herbeigestürmt, und nachdem sie sich mit dem nackten Ellenbogen von unten nach oben über die Nase gefahren war, rief sie triumphierend: „Ein Bein hat man dem Biest gebrochen? Das freut mich". Natürlich hatten sich auch bald die Gassenbuben eingefunden, die höllisch psiffen und schrieen, um den armen Rabtschik zu ärgern. Zu seinem Unglück kam wieder Paraschka hinzu, die Uebeltäterin, und begoß ihn noch überdies mit einem Topf kochenden Wassers. Da erhob der Hund ein klägliches Geheul und pinselte, daß es einem durch Mark und Bein ging. Vor Schmerzen sprang er in die Höhe und wälzte sich hin und her, biß sich in den Schwanz und heulte jämmerlich. Aber die Leute um ihn freuten sich; und als man ihn so hinken sah, machte man sich noch mehr über ihn lustig und gab ihm noch . ein paar tüchtige Hiebe dazu. Jammernd lief Rabtschik davon. Und die Buben hinter ihm her, pfeifend und schreiend, bis sie ihn weit hinter die Stadt, bis an die Mühle getrieben hatten. Während Rabtschik so forthinkte, schwur er, nie wieder in die Stadt zurückzukehren. Er lief ohne Ziel, bis er nach einiger Zeit in ein Dorf kam. Hier traf er die Dorfhunde, die ihn zunächst als einen Fremdling von allen Seiten beschnüffelten. Willkommen, Kollege! Woher des Wegs? — Was hast du denn da für ein Wappen auf deinem Rücken? Das sieht ja aus, als ob man dir von deinem Fell ein Stück gerade aus der Mitte abgebrüht hätte. Ach, fragt lieber nicht, antwortete Rabtschik traurig, ich könnte euch viel erzählen; aber sagt, habt ihr vielleicht eine Schlafstelle für mich in dieser Nacht? Natürlich, riefen die Dorfhunde, der Hof ist groß genug, und die Welt ist noch viel größer. Wie steht es bei euch, erkundigte sich Rabtschik weiter, mit der Nahrung? Wie stillt ihr euern Hunger, wenn der Magen knurrt? Ach, laß uns in Ruh mit solchen Fragen, erwiderten die Hofhunde; Wasser gibr's überall, und zum Fleisch hat Gott ja die Knochen gegeben. Die Leute kümmern sich doch wenig darum, ob wir mit Haut und Knochen zufrieden sind, wenn sie nur selbst schmackhaftes Fleisch genießen. Nun, wie sind denn die Leute bei euch? fragte Rabtschik, als wollte er den Dingen auf den Grund gehen. V