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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · p. Seite 110

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 110 (sequence 15)
Language
German
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Seite 110. Israelitische L Nr. 8 „Vielleicht geht es so", bat Leibl schüchtern. „Geben Sie mir fünf Rubel und lassen Sie mich laufen. Ich habe solche Angst, Herr Verwalter. Ich bin ja, verzeihen Sie, ich bin feige, und ich fürchte mich selbst mit meinem toten Mädchen allein rm Zimmer zu bleiben. Darum sehe ich auch garnicht hin, wo die Leiche liegt. Wozu brauchen Sie meine Angst? Helfen Sie mir, und ich will Sie segnen. Nein, geben Sie mir die fünf Rubel lieber nicht. Ich würde mich später vor Gram aufhängen, weil ich die fünfzehn Rubel nicht bekommen habe. . . Geben Sie mir die zehn Rubel, und lassen Sie mich laufen. Lassen Sie mich in Frieden ziehen. Ich habe ein totes Kind und besitze kein Geld, um es beerdigen zu lassen. Wozu soll Ihnen meine Oual? Geben Sie mir zehn Rubel und jagen Sie mich fort. Nehmen Sie einen Stock und schlagen Sie mich, damit ich weggehe. Ich würde ja dort vor Entsetzen umkommen." Er schwieg einen Augenblick, als besinne er sich und fuhr dann fort: „Nein, geben Sie mir nichts", stieß er mit eigentümlichem Klang hervor, geben Sie nichts. Ich werde hingehen. Michael soll das Geld hinlegen, ich werde mich beherrschen." Er blieb stehen und begann wieder zu reden, brach dann ab, und seine hastigen Bewegungen machten einen kläglichen Eindruck. Der Verwalter hörte ihn garnichr an, er flüsterte mir ein paar Worte zu, und die Geschichte war in Ordnung. Als ich aus der Leichenhalle zurückkam, wo ich alles so arrangierte, wie es mir befohlen worden, geberdete sich Leibl bereits wie ein Wahnsinniger. Er zitterte, bewegte die Hände, brummte etwas vor sich hin und schien mit einem unsichtbaren Feinde zu kämpfen. „Du kannst hineingehen, Leibl", sagte ich, und rüttelte ihn an den Schultern, „das Geld wartet auf Dich. Es liegt auf dem Fensterbrett, gleich rechts vom Eingang." Ich führte ihn durch die Hintertür der Apotheke hinaus und deutete auf den Weg, der zu dem langen, tiefdunklen Garten führte. „Michael, teurer Michael", hörte ich seine bebende Stimme, und zwei eiskalte Hände legten sich mir auf die Schultern. „Geh, geh", versetzte ich mürrisch und machte mich aus seiner Umklammerung los. Er seufzte und ging. Nach einer Minute schon waren wir alle im Garten und beobachteten jeden seiner Schritte. „Wir haben da eine böse Sache angezettelt", knurrte plötzlich der Inspektor, dem diese Unterhaltung keinen Spaß mehr zu machen schien, „der arme Teufel wird verrückt werden; — das ist unmenschlich, was wir da tun." „Ach was", versetzte der Verwalter rauh, „Sie sind einfach unerträglich mit Ihren Bemerkungen." Wir blieben mit beklommenem Herzen stehen. Was taten wir! Warum quälten wir diesen unglücklichen Menschen? Aber Lerbl lenkte unsere Aufmerksamkeit ab, und wir halten keine Zeit weiter nachzudenken. Er blieb irgendwo im Dunkeln stehen und rummelte hastig: „Höre, o mein Gott". „Armer Kerl", brummte der Inspektor wieder, „das ist einfacy unmenschlich." „Schweigen Sie doch endlich", zischte der Verwalter mit rauher Stimme. Leibls Schritte ließen sich an einer anderen Stelle vernehmen, und die bebende Stimme klang in der Dunkelheit ganz eigentümlich: „Mein Gott", ertönte plötzlich ein Seufzer, und wieder hörten wir Leibls Schritte ruckweise auf der Allee. Mitten im Garten blieb er stehen. Wir standen nicht weit von ihm in einem Fliederbusch und beobachteten ihn. Was tat er nur, was ging in seinem Herzen vor? Was dachte er? Die Bäume, vom leisen Windhauch bewegt, raunten sanft, als wären die Vögel auf ihren Zweigen erwacht. Der Sand und die trockenen Blätter stöhnten klagend unter den Schritten und wirbelten wie vor einem Sturm auf. „Mein Gott, mein lieber Gott", drang Leibls Stimme wieder zu uns, und seine Schritte ließen sich von neuem vernehmen. Wir eilten ihm nach, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, jetzt näherte er sich dem Ende des Gartens, wo sich ein kleiner, düsterer Platz ausbreitete, der vom Garten durch eine niedrige morsche Wand, mit einer Tür in der Mitte, getrennt war. Dahinter befand sich die düstere Leichenhalle. Wir halten kaum Zeit, auszuweichen, so schnell drehte sich Leibl um. Es vergingen einige bange Sekunden. Was wollte er tun? Bald jedoch zeigte er sich wieder an der Tür. Jetzt stand er da, überlegte und zupfte an seinem Bart herum. Plötzlich machte er eine Bewegung und schritt durch die Tür auf den Platz. Wir waren sofort da und beobachteten ihn. Mit leisen, unhörbaren Schritten, vorwärts und rückwärts tappend und sich nach allen Seiten umsehend, kam er der verhängnisvollen Stelle endlich nahe. Vor der Tür der Leichenhalle zögerte er wieder, aber dann hörten wir, wie er sie entschlossen aufriß. Gleich darauf jedoch ertönte ein entsetzliches Geheul. Leibl stürzte von der Tür fort, öffnete die Arme und blieb wie angewurzelt stehen. Aus der Leichenhalle trat ein Mensch-— auf einmal ertönte ein Schluchzen, aber matt, wie aus der Ferne; —-Leibl wankte und siel hin. —-Als wir zu ihm eilten, war er bereits tot." — Der alte Michael schwieg und blickte nachdenklich vor sich nieder. In dem Zimmer, in dem wir uns befanden, war es ganz still, und ein eigentümlicher Zauber stieg aus dieser Stille auf. Doch mein Freund hustete und der Bann war gebrochen. „Wie ist denn der Mensch in die Leichenhalle gekommen, den Leibl gesehen hat?" fragte jemand von uns. Michael machte ein düsteres Gesicht, zog eine alte Schnupftabaksdose aus der Tasche, klopfte mit zwei Fingern darauf, holte eine Prise hervor und schnupfte daran tief, sehr tief, erst mit dem einen, dann mit dem anderen Nasenloch. „Wie er hineingekommen ist? Wie er hineingekommen ist?" Wir schwiegen. Der Mörder saß ja unter uns. Brief- und Fragekasten. Ä. K. — Liffa: Wir bedauern lebhaft, daß wir uns haben täuschen lassen. Gegen derartige Späße sind wir natürlich nicht geschützt, da wir bei Mitteilungen so harmloser Dinge nicht immer kontrollieren können, ob sie wahr sind. Mk. I.—, 1.20, 1.40, 1.50, 1,60, 1.70, 1.80, 1.90, 2.— pro 1/2 Ko. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83 und Spitteimarkt 8—10.

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