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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-02-24 · 8 (24.2.1905) · p. Seite 109

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
Seite 109 (sequence 14)
Language
German
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Seite 109 FsrKMische Wochenschrift. Nr. 8. aus, daß die „gekränkte koschere Leberwurst" zum platzen kam. Zum Schluß hieß es: Ein jüdischer Frechling weniger in der Armee: das erzeugt in jeder echten deutschen Brust ein freudigeres Bewußtsein, als wenn es heißen würde, daß ein jüdischer Stabsarzt mehr das deutsche Heer verschandelt. Dr. S. Lachmann stellte gegen den verantwortlichen Redakteur Beleidigungsklage, die jetzt mit dessen Verurteilung zu 50 Mark Geldstrafe oder zehn Tagen Gefängnis endigte. München, 15. Februar. (Der Maler Adolf Pichler gestorben.) Auf dem israelitischen Friedhof fand gestern die Beerdigung des im Alter von 70 Jahren verstorbenen Historienmalers Adolf Pichler statt. Mit den nächsten Angehörigen, Freunden und Bekannten hatten sich viele Künstler zur Erweisung der letzten Ehre eingefunden. Der Verstorbene, aus Ungarn stammend, seit fünfzig Jahren in München lebend, entlehnte die Stoffe zu seinen Bildern hauptsächlich dem Alten Testament. Seine besten Gemälde sind jene, die die Geschichte des Judentums behandeln, wie „Der sterbende Jakob segnet seine Kinder", „Spinoza", „Der betende Jude" und „Juda Halevi". In der Gedächtnisrede des Rabbiners wurde hervorgehoben, daß der Verstorbene seine Kunst vornehmlich seinen Glaubensidealen weihte. Wudapest, 16. Februar. (Hochherzige Stiftung.) Die Direktion der Salgo-Tarjaner Kohlenbergwerks-Aktiengesellschaft hat der israelitischen Religionsgemeinde in Petrozseny zum Bau eines Tempels und einer Rabbinerwohnung einen Baugrund im Wert von 20 000 Kr. geschenkt und überdies für Kultuszwecke einen jährlichen Beitrag von 600 Kr. votiert. Der Vorstand der Religionsgemeinde, Wilhelm Varadi, hat dem Petrozsenyer Bergwerksdirektor Johann v. Andreics den tiefgefühlten Dank der Gemeinde ausgesprochen. Mit Hilfe dieser hochherzigen Unterstützung wird nun der Bau des Tempels bald in Angriff genommen werden können. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Auf Vorschlag eines von der Schweizer Regierung eingesetzten Ausschusses soll als Nachfolger Professor Zahns an die medizinische Abteilung der Hochschule zu Genf Privatdozent Dr. Askanazy von der Universität Königsberg als Professor der pathologischen Anatomie berufen werden. Vom Vorstand der „Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte, deren Witwen und Waisen in Deutschland" wird uns mitgeteilt, daß zur Herbeiführung einer Organisation der jüdischen Kantoren Deutschlands ein allgemeiner Kantorentag für den 12. und 13. Juni nach Berlin einberufen wird. — Die israelitische Gemeinde in Braun schweig beabsichtigt die Anlegung eines neuen Friedhofes. — In der Sitzung der Bürgerschaft von Hamburg wurde der Antrag des Senats, betreffend Vergrößerung des jüdischen Friedhofs in Ohlsdorf, angenommen. — Die jüdische Genwinde in St. Tönis (Rheinpr.) beabsichtigt den Bau einer Synagoge. Vakanzen. Geprüfter Religionslehrer, Kantor, Schächter und Balkore, per 1. April im Stuhm (Westpr.). Eink. 1350 Mk. Offerten an den Vorsteher Herr L. Philipp. — Lehrerin in Lauten bürg (Westpr.), per 1. April. Geh. 000 Mark. Meldungen an den Brauereibesitzer Herrn Siegm. Salonwn. — Kultusbeamter, Religionslehrer, Vorbeter und Schochet, per 1. April in Fürstenwalde a. Spree. Gehalt 1500 Mark, bei freier Wohnung und Nebeneinkünften. Offerten senr. gebildeter, verheirateter Bewerber von: Vorstand der Syn.agogengemeinde erbeten. — Vorbeter, geprüfter Religionslehrer und Prediger, per 1. September in R o sen b e r g i. Schl. Gehalt bei freier Wohnung und Nebeneinnahmen 1500 Mark. Bewerbungen au den Vorsteher Herrn Paul Richter. Novellette von Sinnon Ioschliewilsch. Deutsch von Wilhelm Thal. (Schluß.) „Ja, dem gehts besser", entgegnete Leibl mit einem Seufzer und zupfte sich am Bart, „das ist gestern früh gestorben." Er sprach wie im Schlaf, langsam,, eintönig, man konnte es ihm ansehen, daß er furchtbar müde war und sich kaum auf den Füßen halten konnte, doch mit jedem Wort schien er sich mehr zu ermuntern, und jetzt erzählte er, von der freundlichen Frage des Inspektors ermutigt, mit zitternder Stimme, was bei ihm eigentlich passiert war. „Auf was für grausame Worte einen das Unglück doch bringen kann", meinte er sinnend, „das Einzige, was ich im Leben lieb habe, sind meine Kinder, doch ich habe soviel Leid ertragen, bis das Mädchen starb, daß ich Gott selbst für seinen Tod danken möchte. Ach, Herr Inspektor, wenn Sie gesehen hätten, wie sie gelitten hat, wie sie ihre Aermchen nach mir ausgestreckt hat, damit ich ihr helfen sollte . . . Nun ist sie tot und ich weiß trotzdem nicht, was ich nun tun soll. . . Mein Gott, was soll ich nun tun? Mein Verdienst bei Schwere! hält uns so kaum über Wasser, jetzt muß ich das Mädchen beerdigen lassen, und ich habe, so wahr ich hier stehe, keinen roten Heller. Die Leiche verbreitet einen solchen Geruch, daß man es im Zimmer kaum aushalten kann, und wir sitzen im Hof. Nun ist mein anderes Kind auch noch krank geworden, wo soll ich die Arznei hernehmen, auch muß ich acht Tage zu Haus bleiben, wer soll dann verdienen? Ich will Ihnen die Wahrheit sagen. Mir ist so elend zu Mut, daß ich mich eben in den Brunnen habe stürzen wollen." Wir hörten alle schweigend zu. Leibl stützte die Arme in die Hüsten, und sah auf die Erde, die im Mondschein gelblich schimmerte. Plötzlich erhob sich der Verwalter, gab dem Apotheker einen Schlag auf die Schulter, holte einen Zehnrubelschein aus der Tasche und sagte: „Hier, Leibl, sind zehn Rubel, und es hängt nur von Dir ab, ob sie Dir gehören sollen oder nicht." „Herr Verwalter", entrang es sich von Leibls Lippen. „Es hängt nur von Dir ab", wiederholte der andere. „So viel ich weiß, bist Du kein Feigling, und es wäre für Dich eine Kleinigkeit, das Geld aus der Leichenhalle zu holen, wohin es Michael legen wird. Bist Du einverstanden?" „Das ist mal ein gescheidter Gedanke", rief der Apotheker vergnügt und versetzte dem Verwalter ebenfalls einen Schlag auf den Rücken. „Danke Gott für das Glück, Leibl, ich will Dir ebenfalls helfen und füge deshalb noch drei Rubel hinzu." Er lachte und der Inspektor sagte: „Es ist zwar nicht ganz human, aber da cs auf der anderen Seite eine Kleinigkeit ist, in die Leichenhalle zu gehen, so schließe ich mich an und gebe, um die Summe abzurunden, sieben Rubel". Leibl machte vor Aufregung fast Kniebeuge. „Zwanzig Rubel", stotterte er, indem er seine Hände bald entgcgenstreckte, bald zurückzog, „ich Unglücklicher." In die Leichenhalle zu gehen, erschien ihm so schrecklich, daß sein ganzer Körper schon jetzt zitterte und seine Brust sich vor Entsetzen hob und senkte. — Und doch, hin gehen — heißt einen unermeßlichen Reichtum gewinnen, eine Summe, wie er sie noch in seinem ganzen Leben nicht in Händen gehabt. Hineingehen heißt, sein Kind in Ehren bestatten lassen, dem kranken Mädchen Arznei kaufen, sieben Tage ruhig trauern können, ein paar Tage warmes Essen haben, der Familie etwas für den Winter anschaffen. . .

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