Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nebst öern WeibtcrtL: Jüdisches LittevatnrrbL'crtt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Werlm 0., Hloß-Straße 3 Telephon: Amt I, 6729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mk. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Urrnrnrer 8. Kerlin, 24. Februar 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten wir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Roß-Straße 3. Die heutige Nummer enthält das Jüdische Litteraturblatt Nr. 4. Inhalt. Artikel: Großfürst Sergius. — Babel und Bibel. Von M.A.Klausner.—Themata aus der jüdischen Kulturgeschichte. Von Rabbiner Dr.J.N i e m i r o w e r - Jassy. (Fortsetzung.)—Literari sches: Melschim: Judenkinder. — Maxim Gorki: Judenmassaker. — S. Schechter: Die Chassidim. — Politik: Zur Auswandererfrage. — Der Pferdefuß der „Welt am Montag". — Zur Judenfrage in Rußland. — Portugal braucht Juden. — Wochenchronik: Wochenkalender. — Berlin: Eine Säule des Antisemitismus. — Vereinsgründung. — München: Ein Nachspiel zur Affäre des Stabsarztes a. D. Dr. Lachmann. — Der Maler Adolf Pichler gestorben. — Budapest: Hochherzige Stiftung. — Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. — Vakanzen. — Feuilleton: Ein Mörder. Novellette von SimionJoschkie witsch. (Schluß.) — Brief-^und Fragekasten. — Inserate. ßro$$iiir$t Sergius. Als Wilhelm Tell auf Befehl des tyrannischen Geßler den Apfel vom Kopf seines Kindes schießen mußte, hielt er einen zweiten Pfeil bereit, der dem Landvogt gelten sollte. Seit Schillers Tagen ist der Schweizer Tyrannenfeind ein deutscher Nationalheld. Mit der gleichen Begeisterung, die uns die Lehrer für die Freiheitskämpen vom Rütli einimpsten, lasen wir auch die Verse jener Ballade: „Zu Dionys dem Tyrannen schlich Dämon, den Dolch im Gewände..." Dionysius von Syrakus und Geßler, der Landvogt, waren sentimentale Idealisten gegenüber dem skrupellos gewalttätigen Großfürsten von Moskau. Er war wie das Dioskurenpaar Plehwe und Pobiedonoszew eine Geißel des russischen Volks; kein menschliches Gefühl war ihm heilig und erbarmungslos stampfte er jeden nieder, der dem Hut nicht seine Reverenz bezeugte. Geßler und Sergius! „Er war ein Großfürst", sagt hie „Vossische Zeitung", „der sich seiner Ausnahmestellung sehr wohl bewußt war und um keinen Preis etwas von seinen Prärogativen aufgeben wollte, ein recht typischer Vertreter einer bevorzugten Kaste, ein Gewaltmensch ohne Gefühl und Herz, der dazu noch weder über Bildung noch über scharfen Verstand verfügte und selbst in den reaktionärsten Kreisen nichts weniger als beliebt war." Das sind aber gerade die Qualitäten, die einen Menschen dem Herzen deutscher Finsterlinge näher bringen. Das blutige Attentat mag man verurteilen, wenn man will, aber den Tod eines Individuums ä la Sergius zu beweinen, dazu fehlen uns die Krokodilstränen, wie sie die deutschen Judenfresser im Ueberfluß besitzen. Ihnen ist ein Heros gestorben, ein antisemitisches Vorb'ld, ein Mann, der die Pücklerrezepte nicht nur verschrieb, sondern auch ausführte. Wie Großfürst Sergius gibt's keinen zweiten auf Erden, klagen sie; und das Berliner antisemitische Jdiotenblatt geht in seinem Schmerz so weit, ausdrücklich die Juden für das Attentat verantwortlich zu machen. Dadurch gibt es unbewußt zu, daß der Großfürst an den Juden so schlecht gehandelt hat, daß ihnen diese Rache wohl zuzutrauen wäre. Schon aus der Verleumdung der Antisemiten könnte man schließen — wenn man es sonst nicht wüßte — daß Sergius für die Juden eine fünfzigmal größere Plage gewesen ist als für die übrige Bevölkerung Rußlands. Sein Günstling war Plehwe, seine Kreaturen sind Trepow und Bulygin; er hat es durchgesetzt, daß für das Wohnrecht von Juden in Moskau nicht einmal die seltenen Ausnahmen gemacht wurden wie in Petersburg. Er setzte sogar Prämien auf die in Moskau ergriffenen Juden aus. Nun verdächtigen die Blätter der Hirnlosen die Juden, weil sie sich wegen des Großfürsten nicht in Sack und Asche hüllen und nicht an den Ufern der Newa sitzen und weinen. Weint man um Geßler und Dionys den Tyrannen? Wir Juden lieben unsere Feinde nicht und jammern nicht, wenn sie gestorben sind. Aber seit den urältesten Zeiten besitzen wir eine ehrfürchtige Scheu vor Menschenblut und Menschenleben. Nach unserer religiösen Tradition gibt Gott das Leben, er allein ist berechtigt, es wieder zu nehmen, und darum erscheint es den Juden atavistisch als heilig und unantastbar. Auch das Leben der Feinde. Auch über ihren Tod freuen wir uns nicht, er läßt uns gleichgiltig. Die Juden hatten keinen Grund, über den Tod Plehwes zu frohlocken, sie hatten auch keinen Grund, dem Großfürsten Sergius ein gewaltsames Ende zu wünschen; denn sie konnten nicht erwarten, daß das System der Knechtung und Unterdrückung durch