Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- Seite 15 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Israelitische Wochenschrift. Seite 16 einigen Tagen erschien der saubere Polizist in der Zelle und i vergewaltigte das wehrlose Mädchen, das dann freigelassen wurde. Die Polizei wollte das entehrte Mädchen zu Stillschweigen über den Vorfall veranlassen, doch die Verwandten des Mädchens veröffentlichten in einer südlichen Zeitung Rußlands den Vorfall und verlangten Bestrafung des Polizeibeamten. Wie aus der Untersuchung hervorgeht, kannte der Polizeimeister die Affäre, hielt es jedoch für richtig, seinen Untergebenen zu schützen. Personalnachrichten und kleine Mitteilungen. Herr Siegmund Borchardt, Senior-Chef der Firma Maas; und Röhmann, wurde zum Königl. Kommerzienrat ernannt. — Die Justizräte Pinkus I und Dr. Feodor Stern wurden zu Notaren ernannt. — Dem Direktor des Statistischen Amts der Stadt Schöneberg, Dr. phil. Heinrich Silbergleit, ist wegen seiner Verdienste um die statistische Wissenschaft der Titel eines Professors erteilt worden. — Zum Titular-Prosessor ernannt wurde der ordentliche Lehrer an der Königl. Hochschule für Musik, Ludwig Hirschberg. — In der letzten geheimen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung wurde anstelle des verstorbenen Sanitätsrats Dr. Abraham auf Vorschlag der jüdischen Gemeinde Herr Sanitätsrat Dr. Werner zum Bürgerdeputierten für die städtische Schuldeputation gewählt. Feuilleton. .0, 5abbat. Eine Studie von Hermann Heijermans jr. Autorisierte Uebersetzung von R. Rüben. (Schluß.) So beteten sie in dem schwül-roten Zimmerchen, Lampenschein auf den Köpfen, die Lippen in hastigem Gemurmel, bis das Gebet mit einem lauten „Omein!" abbrach, und Maupche seinen Stuhl nach hinten vorschob mit dem Verlangen, ein wenig zu schlummern. Selig schlug die Tefille zu, grabbelte verschlafen zwischen seinen Zähnen herum, wo noch Fleischfäserchen hinderten, schob die Mütze über die Augen und versuchte zu duseln, die Weste offen, die Hosenspange gelöst. Das spitze Kinn und die Nasenlöchlein sahen unter der Mütze hervor. Bekkche ließ sie gewähren, da sie der Tante nun zu Bett helfen wollte. Sie weckte die alte Frau, die sich schlaff fühlte und fieberte, hakte ihr die Röcke los, vertauschte die Matinee mit einer Nachtjacke und stützte sie, als sie mühsam ins Bett stieg. Die Alkoventüren blieben schräg offen. „Liggen Se so gut?" „Ja, ja", stöhnte sie; zu mißmutig, um Antwort zu geben. Bekkche ging dann ans Aufräumen, das schmutzige Geschirr stellte sie in den Spültisch, und ein reines Tischtuch legte sie auf den Tisch. Mit leisen Bewegungen setzte sie bunte Tassen nieder, blaue, rotgeblümte, den Teetopf in die Mitte, und dazwischen Schälchen mit kursauschen Mandeln, Feigen, Datteln, Kokosnußscheibchen, Aepfeln und Birnen. * * * Selig, der schnell wieder wach war — lange nach Tisch schlafen konnte er nicht — sah im sicheren Schatten seiner Mütze zu, sah nach dem häuslichen Schabbesglück, nach dem festlichen i Tischtuch mit kursauschen Mandeln, Kokosnuß, Birnen, Aepfeln, Feigen und Datteln. Und mit derselben heiß-sinnlichen Aufwallung der nachmittäglichen Tonbank-Träumerei folgte er Bekkches Bewegungen, dem Wogen der Brüste, jeder Biegung der Hüften, jeder durch die Beine verursachten Bewegung der Röcke. Er wollte sie wohl heiraten... er wollte wohl. . . aber das Geßappel mit Mutter ... so lange Mutter lebte, ging es nicht . . . Waas? . . . Och, nee! . . . Waas, och nee? . . . Närrischkeit! ... Es ging nit. . . Für den Handel war Mesummen alles . . . Kein' Cent, keine Makke besaß sie . . . Hatte Mutter nit hundertmal gesagt, daß es Meschuggaas wär, ander Leuts Kind zu essen zu geben? . . . Sonst en toff' Frauche' . . . aber was gibt das? . . . Kein Mesummen . . . kein Cent auf der Welt . . . Aber was vor Augen . . . welche Anmut von 'ner Maid... wie sie vor alles sorgte... 'ne Aweire! . . . Zweimal schon hatte die Mutter 'ne Schadchenpartie für ihn abgelehnt, weil sie kein' Schwiegertochter ohne Mesummen wollt' ... Zu Geld mußt' Geld kommen ... Da hatt' se recht drin. . . aber bei so'n hübsch Frauchen, das alles könnt' und immer gut gelaunt war und geschickt, geschickt vor sechs. . . Er wollt' doch wohl. . . Wenn Mutter nit da wär', dann würde er, dann würde er . . . und wenn sie dächt', daß er nit . . . Ach, was! . . . Jeden Abend im Laden schlafen. . . Im Laden mit den Flöhen . . . Man, kratzte sich 'n Blutbad . . . Und sie im Bett . . . Der Unsinn lag doch oben auf! ... So 'ne Pracht von 'ner Frau. . . mit Augen, die einem im Leib brannten . . . und was vor Brüste . . . was vor Brüste ..." „Selig! . . . Mau—au—pche!" rief Bekkche. Selig sprang mit einem Wupp auf, die Aeuglein noch lichtscheu vom Mützenschatten. „Is Mutter zu Bett?" „Mutter hat Fieber. . . Du mußt den Doktor kommen lassen" . . . „Der Doktor? . . . Ach, was! ... Ich seh' das doch schon drei Jahr an ... 's is nix! . . . 's is nix! . . . Laß den Doktor kommen ... ich werd'n nich wegschicken . . . Alterschwäche, anders nix . . . was ich Sie sag" . . . Maupche, wach geschreckt, ungemütlich durch sein Schläfchen, mit klein-roten Aeuglein, die Zunge trocken von Wärme und Fett, rückte an den Tisch und schlürfte langsam Tee, mit spuckerigem Feigengekaue. Bekkche schlug vor, eine Partie Lotto zu spielen, aber Selig, der das „Nieuwsblatt" heraufgeholt hatte, fand keinen Chein darin und wollte lieber etwas draußen auf dem Trottoir sitzen. Draußen war es fein. Sein Zwanzigstel in der Staatslotterie war noch drin. „Maseltoff!" sagte Maupche, der Feigen und Datteln und Streifchen Kokusnuß durcheinander nach der Teespülung aß . . . so'n geschmatter Ragge, sagte Bekkche, die etwas Zahnweh durch eine Dattel bekam. Dann las Selig ein Stück aus der Zeitung vor über einen Streik der Diamantschleifer, und es wurde hin und her darüber geredet und geschmält. Maupche würde lieber alle seine Sortierer, die für einen Reichstaler bei ihm von morgens bis abends arbeiteten, das dreidoppelte kalte Fieber kriegen lassen, ehe er ihnen einen Cent mehr die Woche gab . . . Gegenwärtig macht die halbe Welt sich Gezappel vor die Arbeiter . . . und die Ssauchrim können ihr Hemd vom Leib weggeben. . . 'n Krebsleiden, die soziale Bewegung . . . Menschen, die kein Cent, keine Makke besäßen. . . Selig, der sich kursausche Mandeln abpellte, sagte wieder, was er immer wieder sagte, daß Jehudim so 'was nicht anfangen müßten . . . Das gäb nur Risches . . . Die Juden wären selbst die größten Rischesmacher! . . . Währenddem wurde Tee geschlabbert und wurden Feigen und Datteln und andere Näscherei gekaut, bis Maupche aufstand, der noch irgendwo eine Botschaft